Premiere im Theater Osnabrück Inszenierung von Jelineks „Am Königsweg“ imponiert

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Bunte Figurenparade rund um die Jelinek-Figur: Stefan Haschke, Christina Dom als Autorin, Monika Vivell und Katharina Kessler. Foto: Uwe LewandowskiBunte Figurenparade rund um die Jelinek-Figur: Stefan Haschke, Christina Dom als Autorin, Monika Vivell und Katharina Kessler. Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Einhellige Begeisterung im Emma-Theater der Städtischen Bühnen Osnabrück: Felicitas Brauns so intelligente wie quicklebendige Lesart von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ kam beim Premierenpublikum gut an.

Eine Flut von detailverliebten, auch gern mal prunkvollen Kostümen, eine aufwendig gestaltete Bühne mit integrierter Kasperlebühne im Holztreppenaufbau: So viel Futter fürs Auge ist der Theaterbesucher gar nicht mehr gewohnt. Aleksandra Kica (Kostüme) und Timo von Kriegenstein (Bühne) haben nichts ausgelassen, um Elfriede Jelineks Textfläche aussagekräftig zu bebildern.

Reim auf Ungereimtes

Schließlich geht es ja in „Am Königsweg “ um das Reich eines blinden Königs, in dem es vor ungereimten Wahrheiten nur so wimmelt. Elfriede Jelinek versucht sich in ihrem bewährten Schreibverfahren dennoch einen Reim darauf zu machen. Sie erklärt die Geburtsstunde des Königs aus aufgestautem Hasspotenzial und Misstrauen. „Und wenn die Menschen daraus schöpfen, entsteht ein neues Geschöpf, entsteht der König, der auf Gewalttätigkeiten seiner Nachbarn jederzeit vorbereitet ist.“ Donald Trump ist gemeint, auch wenn sein Name im Stück nicht fällt.

Jelinek pflügt in Wortfeldern, hangelt sich an ähnlich klingenden Begriffen entlang und untersucht Assoziationsketten auf ihre Stichhaltigkeit. Das hat etwas Bestechendes, vor allem, wenn die Wahrheit und Warenwelt nach so ähnlich käuflichen Regeln funktionieren wie in unseren Tagen. Verbissen ernst scheint sich die Österreicherin dabei nicht zu nehmen, wenn sie im Stück von sich sagt „Jelinek jallert“.

In der Tat, die Osnabrücker Fassung, die sich das Regieteam um Felicitas Braun erarbeitet hat, strotzt wie der Text vor temporeicher Verspieltheit beim Ausstoß schmerzlicher Erkenntnisse. Etwa wenn es vom Opfer so scharfsichtig heißt, dass es eine soziale Funktion habe, weil es die ganze Gesellschaft vor ihrer eigenen Gewalt schütze.

Die vier einander in Spielpower und Textbeherrschung staunenswert ebenbürtigen Schauspieler Christina Dom, Stefan Haschke, Katharina Kessler als Neue im Ensemble und Monika Vivell jallern gekonnt mit Jelinek. Sie hüpfen beim Sprechen, bis ihnen die Puste ausgeht. Sie albern, singen wunderschön mehrstimmig provokante Lieder, lassen einen winzigen Handpuppenigel weise Worte sprechen oder verkörpern Figuren wie den Frosch Kermit oder Miss Piggy aus der Muppet-Show, auf die Jelinek für die Bühnenumsetzung ihres Textes besteht.

Große Spiellust

Das Team hat mit spürbarer Spiel- und Erkenntnislust Jelineks Einfälle in eine blitzsaubere Bebilderung umgesetzt. So sehen die vier Schauspieler am Ende wortwörtlich wie mit Blindheit geschlagen aus, wenn sie mit schrecklichen Platzwunden im Gesicht und blauen Flecken an den Beinen auftreten. Denn Jelineks König ist ein „blinder Blender“, letztlich ohne Weltanschauung, weil er ja nichts mehr anschauen kann.

Am allerbesten, weil sie so klug und präzise formuliert, bringt Christina Dom die virtuosen Sprachspiele über die Rampe. Sie spielt denn auch die Autorin selbst mit typischer Tolle und selbstironischem Lamento über das komplette Versagen ihrer „gesammelten Anklagen“ – weil ihr keiner je zugehört habe. Da haben wir nun den Salat – und einen hinreißenden Theaterabend dazu, der, um es mit Jelinek und ihr zum Trost zu sagen, „das Denken anspornt“.


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