Premiere im Theater Osnabrück „Wilhelm Tell“ hinterlässt ein wenig ratlos

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Ein wenig ratlos wirkte der Beifall nach der Premiere von Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“, mit der Regisseur Robert Teufel im Osnabrücker Theater am Domhof die neue Spielzeit im Schauspiel eröffnete.

Dieser Wilhelm Tell will partout kein Nationalheld sein, auch wenn er gleich den grausamen Burgvogt Geßler erschießen wird. Er entzieht sich den Hochrufen der Verschwörer. Andreas Möckel spielt die Gewissensqualen Tells anrührend und setzt seine Figur damit deutlich ab vom allmählich hohl klingenden Nationalpathos der Widerständler gegen die österreichische Tyrannenherrschaft.

Doch das kommt zu spät in Robert Teufels Lesart von Friedrich Schillers Revolutionsdrama, mit dem das Theater Osnabrück seine neue Spielzeit eröffnet hat. Die Zeichen leiser Skepsis gegenüber einer Revolte mit der Freiheit als Ziel, aber eben auch einer rückwärtsgewandten Gesellschaftsordnung, sind zu zart.

Sie sind – unfreiwillig vielleicht – überlagert worden von einer pathetischen Sprechweise, die Schillers Ideal einer nationalstaatlichen Revolution in Abgrenzung zu den Gewaltexzessen der Französischen sogar noch affirmiert.

Boden, Blut, Volk, tausendjähriger Besitz – dieses unheilvolle Erbe einer späteren Geschichtsentwicklung wird so oft mit heiligem Ernst und ohne erkennbare Distanzierung betont, dass es leicht als Steilvorlage für Ewiggestrige missverstanden werden kann. Das leicht konterkarierende Geheul der Musik, das ungesund fahle Deckenlicht oder die Einkastelung der Eidgenossen im Bühnenbild von Friederike Meisel können nicht genug dagegensetzen.

Schade, denn zusammen mit Elfriede Jelineks Auseinandersetzung mit dem nationalstaatlichen Populismus in „ Am Königsweg “ hätte der Osnabrücker Spielzeitauftakt am ersten Septemberwochenende politisch hochaktuell werden können. Zumal Robert Teufel mit „ Orest “ nach Euripides und zuletzt einer konzeptionell wie schauspielerisch starken Bühnenversion von Michel Houellebecqs Roman „ Unterwerfung “ in Osnabrück in bester Erinnerung ist.

Dabei ist manches klug und zeitkritisch bedenkenswert angelegt. Hier die Menschlichkeit der Schweizer Hirten und Bauern in ihrer Tracht, fantasievoll kostümiert von Rebekka Zimlich, die noch Unrechtsempfinden, Mitgefühl und Einstehen fürs Gemeinwesen kennen. Ronald Funke, Matthias Unruh oder Thomas Kienast, aber auch die Jüngeren wie Mick Riesbeck, Denise Matthey, Greta Kemper und Philippe Thelen spielen das eindrucksvoll. Dort eine kalte Unmenschlichkeit in modernen schwarzen Lederhosen, ein rücksichtsloses Streben nach Ruhm und Macht bei den Habsburgern, die mit Gewalt, Verachtung und Willkür regieren. Julius Janosch Schulte und Oliver Meskendahl verkörpern das aalglatt und zynisch.

Die Neuen im Ensemble, wie Juliane Böttger mit ihrer hier unglücklich überprononcierten Sprechweise, haben sich noch nicht ganz frei gespielt, was auch schwer ist angesichts des Schillerschen Versmaßes. Nach knapp zwei Stunden endete die Premiere mit spürbar ratlosem Beifall.


Weitere Aufführungen: 5., 11. und 19. September. Kartentel. 0541-7600076.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN