Leistungsgesellschaft unter dem Brennglas Osnabrücker dreht Doku über Motivationstrainer Jürgen Höller

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Auch die Olympiahalle füllt der Motivationstrainer Jürgen Höller bei seinen Seminaren. Foto: Julian AmershiAuch die Olympiahalle füllt der Motivationstrainer Jürgen Höller bei seinen Seminaren. Foto: Julian Amershi

Osnabrück/Hamburg. Der gebürtige Osnabrücker Julian Amershi hat einen Film über einen der erfolgreichsten Motivationstrainer Deutschlands gedreht. Die sehenswerte Dokumentation über Jürgen Höller zeigt die ARD am Dienstagabend.

Ursprünglich wollte Julian Amershi Regisseur werden und Spielfilme drehen. Daraus ist jetzt nichts geworden. Dennoch erzählt er Geschichten: Im Zentrum seines ersten abendfüllenden Dokumentarfilms steht eine Persönlichkeit mit hollywoodreifem Lebenslauf: Jürgen Höller gilt als einer der erfolgreichsten Motivationstrainer Deutschlands.

Hoch auf der Karriereleiter

Dass Höller noch einmal so hoch auf der Karriereleiter stehen würde, war vor wenigen Jahren nicht absehbar. Denn der heute 54-Jährige hat eineinhalb Jahre im Gefängnis gesessen. Wegen Steuerhinterziehung und Falschaussage. Groß war der Bruch: In den 1990er Jahren war er bereits bundesweit sehr erfolgreich. An der Stelle ist er jetzt – für manchen unerwartet – wieder. Er ist sogar weiter: Der Multimillionär hat nun vor, sein Konzept in andere Länder zu verkaufen.

Julian Amershi und Martin Rieck haben Jürgen Höller mehr als ein Jahr lang mit der Kamera begleitet. „Wir fanden Selbstoptimierung als Thema spannend, weil sie immer mehr Leute umtreibt. Viele wollen besser, schlanker, schöner, erfolgreicher werden“, sagt Julian Amershi über den Grund, Kontakt zu Jürgen Höller aufzunehmen: „Er bringt unter den Motivationstrainern die spannendste Geschichte mit.“

Motivation für den Motivationstrainer

Höller war zu Beginn angetan von der Idee – fragte sich jedoch im Lauf des Drehs immer wieder, ob er seine Zustimmung zurückziehen sollte. „Wir haben ihn immer mal wieder für das Projekt motivieren müssen. Schließlich war es so, dass es bis zuletzt offen blieb, ob es gar kein Film wird, ein Zehnminüter oder ein langer Film“, erinnert sich Amershi und: „Es war wie eine Fahrt auf Sicht.“

Filmemacher Julian Amershi. Foto: Elvira Parton

Gelungen ist ihm und Martin Rieck eine Dokumentation, in der sich ein – erfolgreicher und umstrittener – Motivationstrainer tief in die Karten gucken lässt. Er spricht vor laufender Kamera davon, dass es das Geld ist, das ihn motiviert und zeigt in Besprechungen mit seinen Mitarbeitern, wie er Leute dazu bringen will, immer wieder seine Seminare zu buchen.

Gern gesehener Gast in Fernsehsendungen

Bevor Höller verurteilt worden war, war er ein gern gesehener Gast in Fernsehsendungen, in Hochglanzmagazinen wurde über ihn berichtet – als er ins Gefängnis musste, wendete sich der Jubel in massive Kritik. Das ist offenbar einer der Gründe, warum Jürgen Höller nach seiner Entlassung sein Unternehmen abseits der Medien entwickelte. Und deshalb habe Höller auch an seiner Zusage für den Film gezweifelt, erzählt Amershi, der sich mit seinem Partner Rieck entschieden hat, den Film nicht mit  Kommentaren zu versehen. Stattdessen zeigen sie Höller in allen Schattierungen: „Wir geben dem Absurden genauso wie dem Faszinierenden dieser Welt Raum im Film“, sagt Amershi, der dem Zuschauer „einen ehrlichen Einblick in diese Welt geben, so wie wir sie erlebt haben.“ Weder wolle er „ein Höller-Bashing noch einen Werbefilm machen“.

Oft befremdlich und empathielos

Höllers Verhalten wirkt oft befremdlich und empathielos. Aber merkwürdig wirkt vor allem die Reaktion des Publikums, beispielsweise die ungefilterte Begeisterung der meisten Teilnehmer für die wie Mantras anmutenden Sätze. Die sagt Jürgen Höller seinem Publikum laufend vor und fordert es auf, sie zu wiederholen. Ein kritischer Teilnehmer meint im Film: „Das ist ja wie Gehirnwäsche.“ Hin und wieder gleitet die Kamera über das Publikum, in dem sich jubelnde Teilnehmer mit solchen mischen, die kopfschüttelnd auf ihren Stühlen sitzen bleiben. Auch denen versucht Höller noch seine Seminare zu verkaufen: Ob sie denn kein Interesse hätten an ihrem persönlichen Erfolg, ruft er ins Mikrofon.

Martin Rieck hat gemeinsam mit Julian Amershi die Dokumentation gedreht.

„So ein Phänomen ist doch auch ein Spiegel unserer Gesellschaft“, meint Amershi und fügt hinzu: „Höllers Branche macht unsere Leistungsgesellschaft wie unter einem Brennglas sichtbar.“ Deutlich werde aber auch, dass Höller – erfolgreich, durchtrainiert – zugleich in diese Vorgaben eingesperrt ist und: „Es zeigt, dass das auch nicht der Weisheit letzter Schluss ist, um glücklich zu sein“, meint Amershi und: „Je tiefer man in diese Seminare einsteigt, umso deutlicher wird einem doch, dass es noch viel zu optimieren gibt.“

 Erster abendfüllender Film

„Der Motivationstrainer“ ist Amershis erster abendfüllender Film. Martin Rieck und er kennen sich von ihrer Arbeit für die NDR-Reihe „Sieben Tage mit...“, für die Amershi unter anderem Beiträge über Obdachlose und die Bundeswehr gedreht hat. Zudem hat Julian Amershi nach seinem Volontariat beim Satire-Magazin „Extra 3“ gearbeitet. Erste Medienluft hat er nach seinem Abitur am Ratsgymnasium bei einem privaten Sender in Berlin und Brandenburg geatmet. Dabei habe er gemerkt, dass ihm ein theoretisches Rüstzeug fehlt und hat deshalb „Angewandte Kulturwissenschaften“ in Lüneburg studiert. In Zukunft will der 37-Jährige weiter Dokumentationen drehen, die „in die Tiefe gehen und sich zugleich gucken lassen, wie ein Spielfilm.“

„Der Motivationstrainer." Dienstag, 4. September, 23.45 Uhr, ARD.


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