Osnabrücker Polizei-Vizepräsident „Größte Herausforderung ist die Terrorismus-Bedrohung“

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Osnabrück. Der neue Osnabrücker Polizei-Vizepräsident Michael Zorn will die Einsatzkräfte in der Polizeidirektion Osnabrück künftig stärker mental auf lebensbedrohliche Einsatzlagen vorbereiten, damit die Beamten auch in Extremsituationen handlungsfähig bleiben. Als größte Herausforderung sieht der 57-Jährige „die abstrakte Bedrohungslage durch den Terrorismus“.

Im vergangenen Sommer waren Sie noch SEK-Leiter beim G-20-Gipfel in Hamburg, bei dem Sie für 626 Einsatzkräfte des Spezialeinsatzkommandos verantwortlich waren. Nun sind Sie Osnabrücker Polizei-Vizepräsident. Wie ist es dazu gekommen?

Es ist für mich eine große Ehre, dass ich gefragt wurde. Als ständiger Vertreter des Polizeipräsidenten obliegt mir künftig die Leitung der Abteilung 1 in der Polizeidirektion. Damit bin ich für den polizeilichen Aufgabenvollzug, Personal und Technik zuständig. Ich habe mich aus dem taktischen Geschäft verabschiedet und übernehme jetzt ein wesentlich breiteres Spektrum. Mit 57 Jahren bin ich nicht mehr in dem Alter, dass ich – wie beim G-20-Gipfel in Hamburg – mal eben so einen 72-Stunden-Einsatz bei vier Stunden Schlaf durchhalte. Die Zeiten sind vorbei. Umso mehr freue ich mich, diesen Posten hier mit einem noch höheren Maß an Verantwortung übernehmen zu dürfen.

Für wie viele Mitarbeiter sind Sie in der Polizeidirektion zuständig?

Unsere Direktion gliedert sich in vier Polizeiinspektionen – Osnabrück, Emsland/Grafschaft Bentheim, Leer/Emden und Aurich/Wittmund – sowie die Zentrale Kriminalinspektion. Hier arbeiten rund 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Als Leiter des Spezialeinsatzkommandos beim G-20-Gipfel ließen Sie wegen der Gefahrenlage ein Haus im Schanzenviertel stürmen. Zuvor konnten die Autonomen aber mehr als zwei Stunden ungestört wüten, Flaschen, Pflastersteine und bengalische Feuer werfen. Wie konnte die Gewalt so eskalieren?

„Einen Tod muss man immer sterben“ – sagte der Gesamteinsatzleiter Hartmut Dudde. Er hatte Erkenntnisse, dass es im Bereich St. Pauli/Reeperbahn zu tumultartigen Auseinandersetzungen kommen wird. Die Einsatzkräfte wurden deshalb dort verdichtet. Das Schanzenviertel ist in der Tradition Hamburgs mit dem Schanzenfest und am 1. Mai zwar nicht das ruhigste Stadtviertel, dennoch war davon auszugehen, dass die Gewalt sich dort im Rahmen halten würde. Meine Spezialeinheiten sind dann am späten Abend quasi als Ultima Ratio hinzugezogen worden, um die Lage zu beruhigen.

Warum waren die Autonomen im Schanzenviertel nicht mehr unter Kontrolle, sodass Ihre Spezialeinheit das Haus am Schulterblatt 1 stürmen musste?

Die linke Szene aus dem Bereich der Roten Flora hatte sich dort Autonome eingeladen, deren Gewaltpotenzial sie unterschätzt und nicht erwartet hatte, dass die Gewalt sich so verselbstständigen würde. Die Eingeladenen hatten da leider eine andere Auffassung.

War das der bislang gefährlichste Einsatz für Sie?

Nicht der gefährlichste, aber einer der Einsätze, bei dem ich die größte Verantwortung gespürt habe. Es begann bereits mit dem Einsatz zum großen Konzert am Vorabend des G-20-Gipfels. Das waren 72 Stunden, die mich im Alter von 57 Jahren physisch und psychisch sehr gefordert haben.

Welche Vorbereitungen für Extremsituationen gibt es in unserer Region?

Glücklicherweise sind wir in dieser Region in den vergangenen Jahrzehnten von vielen Ereignissen verschont geblieben. Wir müssen uns dennoch auf eine veränderte Sicherheitslage einstellen. Das heißt aber nicht automatisch, dass wir andere Kräftekonstellationen benötigen. Das heißt vor allem, dass wir uns zunächst mental mit diesen Phänomenen auseinandersetzen müssen.

Was meinen Sie konkret?

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man in Extremsituationen nur handlungsfähig ist, wenn man sich mit der Materie auseinandergesetzt hat. Das beginnt unter anderem mit der Frage: Wie reagieren wir in der Leitstelle, und was sind die Aufgaben der Führungskräfte? Und es endet mit der Frage, welche Streifenwagenbesatzungen sind die ersten, die entsandt werden, um bei Tatverdächtigen direkt zu intervenieren?

Was ist die größte Gefahr für die Bevölkerung in der Region Osnabrück? Die Gewalt von rechts oder links, Amokläufe oder islamistische Terroranschläge?

Gefahren gibt es viele. Wir sind für größere Schadenslagen etwa in Industriegebieten gut gewappnet. Wir müssen uns aber insgesamt stärker mit lebensbedrohlichen Einsatzlagen auseinandersetzen. Die größte Herausforderung für mich ist dabei die abstrakte, aber ernst zu nehmende Bedrohungslage durch den Terrorismus.

Welche Freiheiten lässt Ihnen Polizeipräsident Bernhard Witthaut, um eigene Akzente zu setzen?

„Nicht der gefährlichste, aber einer der Einsätze, bei dem ich die größte Verantwortung gespürt habe“, beschreibt Michael Zorn den Einsatz als Leiter des Spezialeinsatzkommandos beim G20-Gipfel in Hamburg. Foto: Michael Gründel

In der Struktur der Behörde haben wir eine klare Rollenteilung. Der Präsident ist ein politischer Beamter, der sich mit dem Handlungsrahmen auseinandersetzt, den die Landesregierung und das Landespolizeipräsidium vorgeben. Wir haben Schnittpunkte, aber ich sehe keine Gefahr, dass wir da aneinandergeraten. Wir kennen uns schon viele Jahre und vertrauen uns gegenseitig, dadurch werden wir als Tandem in der Behördenleitung gut funktionieren.


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