Anstieg der Beratungszahlen bei Solwodi Immer mehr Zwangsprostituierte aus Afrika suchen Hilfe in Osnabrück

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Viele Frauen werden mit falschen Versprechungen nach Europa gelockt. Für die Reise verschulden sie sich – und werden dann zur Prostitution gezwungen. Foto: imago/Westend61Viele Frauen werden mit falschen Versprechungen nach Europa gelockt. Für die Reise verschulden sie sich – und werden dann zur Prostitution gezwungen. Foto: imago/Westend61

Osnabrück. In Osnabrück ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Frauen gestiegen, die sich als Opfer von Zwangsprostitution und Menschenhandel an die Hilfsorganisation Solwodi wandten. Frauen auf der Flucht sind besonders gefährdet, vor allem Afrikanerinnen sind betroffen.

Seit Jahren steigt die Zahl der Erstkontakte mit Frauen, die beim Verein Solwodi in Osnabrück („Solidarity with women in distress“ – „Solidarität mit Frauen in Not“) Hilfe suchen. Das hängt mit den Fluchtbewegungen zusammen. Frauen sind besonders gefährdet, auf dem Weg nach Deutschland oder in Deutschland selbst in die Fänge von Menschenhändlern zu geraten.



Vor fünf Jahren wandten sich noch 67 Frauen an Solwodi. 2017 waren es bereits 98 – und 20 davon waren Flüchtlinge, wie Martina Niermann, Leiterin von Solwodi Osnabrück, unserer Redaktion auf Anfrage sagt. Die Betroffenen kamen 2017 vor allem aus dem westlichen Afrika (Nigeria, Gambia, Ghana, Elfenbeinküste und Kamerun), einige von ihnen auch aus Albanien und Georgien. 2016 waren es sechs Flüchtlingsfrauen aus Nigeria, Ghana, Ruanda und Serbien, und in diesem Jahr bislang sieben.


So viele Afrikanerinnen hatten wir noch nie.Martina Niermann, Leiterin von Solwodi Osnabrück


„So viele Afrikanerinnen hatten wir noch nie“, sagt Niermann. „Die meisten werden im Heimatland angeworben.“ Menschenhändler ködern sie mit durchaus realistisch wirkenden Jobangeboten, etwa als Altenpflegerin oder Haushaltshilfe. Für die Reise verschulden sich die Frauen – und werden dann zur Prostitution gezwungen. Andere wiederum würden erst in Europa in die Prostitution geraten, in der Regel aus finanziellen Gründen. Das hänge mit dem Wegbrechen von Sozialleistungen zusammen, erläutert Niermann: „Sobald die Frauen in Italien eine Aufenthaltserlaubnis haben, stehen sie ohne Geld auf der Straße. Da bleibt vielen nur der Straßenstrich.“ Für Solwodi sei auch das eine Form von Zwangsprostitution. „Sie werden hier sexuell und finanziell ausgebeutet“, so Niermann.

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Schutzwohnung

In Osnabrück betreibt der bundesweit tätige Verein eine Fachberatungsstelle und hält eine Schutzwohnung vor. 15 Frauen und sieben Kinder betreute das Solwodi-Team im vergangenen Jahr in der Schutzwohnung. Keine stammte aus Osnabrück oder wurde hier Opfer von Zwangsprostitution. „Die Frauen sind sehr gefährdet und teilweise im Opferschutz“, sagt Niermann. Sie kommen daher von Solwodi-Beratungsstellen aus ganz Deutschland. Derzeit leben in der Schutzwohnung vier Frauen aus Westafrika.

Sechs Frauen kann der Verein dort aufnehmen. Für jede gibt es ein Zimmer, sie teilen sich Gemeinschaftsraum, Bad und Gäste-WC. Viele sind schwanger oder bringen bereits ein kleines Kind mit. Solwodi hat dabei dasselbe Problem wie das Frauenhaus: Weil es zurzeit nur wenige bezahlbare Wohnungen gibt, bleiben die Frauen immer länger in der Schutzwohnung, im Schnitt ein bis zwei Jahre, sagt Niermann.

Ein Stück Normalität

„Die meisten bleiben danach in der Stadt“, sagt ihre Kollegin Katrin Lehmann. „Wir bemühen uns darum, dass sie so schnell wie möglich Deutsch lernen.“ Um sie intensiver begleiten zu können und später auch fit für den Alltag außerhalb der Schutzwohnung zu machen, hat Solwodi Fördermittel beantragt – und erhält von der Versicherung VGH 20 000 Euro für das Projekt „Fit für den Haushalt“. Dazu gehören Hauswirtschaftskurse, in denen die Frauen unter anderem lernen, mit Geld umzugehen und was es mit der deutschen Mülltrennung auf sich hat. Da die meisten aus völlig anderen und armen Kulturkreisen kommen, wüssten manche noch nicht einmal, dass sie an einer roten Ampel stehen bleiben müssen, sagt Niermann.


Gruppenbild mit Unterstützer: Martina Niermann (links) und Kathrin Lehmann von Solwodi Osnabrück freuen sich über den Zuschuss der VGH Osnabrück in Höhe von 20.000 Euro, den Michael Kottmann zugesagt hat. Foto: Thomas Osterfeld


Jährlich eine Handvoll Fälle von Zwangsprostitution in Osnabrück

Fälle von Zwangsprostitution und Menschenhandel gibt es auch in Osnabrück – laut Polizeiinspektion seit 2013 zwischen zwei und fünf Fälle jährlich. Im vergangenen Jahr hatte die Osnabrücker Polizei es mit drei Opfern zu tun. Auf die meisten würden sie bei Kontrollen aufmerksam, erläuterten Polizeisprecher Frank Oevermann und Anke Hamker. Das Problem, so Hamker: „Die meisten Opfer sagen nicht viel, da ist Angst ein großer Faktor.“ Viele der Frauen stammten aus Rumänien und Bulgarien, so Oevermann. In den meisten Fällen steckten Netzwerke dahinter.


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