Alter Hase und immer noch nervös De-Phazz-Sängerin Pat Appleton über die Tour zum Band-Jubiläum

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Machen Station in Osnabrück: De-Phazz mit Karl Frierson (links), Pat Appleton und Pit Baumgartner. Foto: Claus GeissMachen Station in Osnabrück: De-Phazz mit Karl Frierson (links), Pat Appleton und Pit Baumgartner. Foto: Claus Geiss

Osnabrück Lange waren De-Phazz nicht mehr mit ihrem loungigen Future Jazz in Osnabrück zu Besuch. Jetzt geht die Heidelberger Band zum 20-jährigen Jubiläum auf Tour und macht in der Lagerhalle einen Zwischenstopp. Mit Sängerin Pat Appleton sprachen wir anlässlich des Gastspiels über internationalen Erfolg, über Stimmverfremdung und kritische Songtexte.

Frau Appleton, in der nächsten Woche startet Ihre Tour zum 20-jährigen Jubiläum der Band De-Phazz. Freuen Sie sich schon darauf, wieder in Deutschland aufzutreten?

Ja, tatsächlich, aber ich würde gerade von der Ruhe vor dem Sturm sprechen. Denn obwohl ich ja schon ein alter Hase bin, was das Showgeschäft angeht – ich mache das mittlerweile schon seit mehreren Jahrzehnten –, bin ich trotzdem immer wieder wahnsinnig aufgeregt, bevor es losgeht. Ich weiß wirklich nicht, warum.

In den vergangenen Jahren sind Sie ja eher im Ausland als in Ihrer Heimat Deutschland aufgetreten…

Das stimmt. Vor allem mit vielen Terminen an einem Stück waren wir im deutschsprachigen Raum schon lange nicht mehr unterwegs. Daher wissen wir auch gar nicht, wie sich unsere Fans hier in der Zwischenzeit entwickelt haben. Wir sind gespannt, ob noch alle in unsere Konzerte kommen, die früher Fans waren, oder ob wir doch schon ein paar verloren haben.

Mit Ihrem Lounge Jazz haben Sie sich vor allem in Russland eine begeisterte Fanbasis aufbauen können. Wie erklären Sie sich das?

In Russland haben wir einen großen Markt, weil unsere Musik den Leuten dort ein tolles Leben suggeriert: Sie stehen irgendwo mit einem Cocktail in der Hand herum und genießen den Sommer zu unserer Musik. Wer genau hingehört, entdeckt dann auch die zum Teil gesellschaftskritischen Texte. Das kommt in Russland gut an, weil man Kritik nicht offen ausspricht, sondern eher verklausuliert. Offenbar sind wir mit unserer Musik dort genau richtig.

Auf Ihrem neuen Album „Black White Mono“ befindet sich so ein Song, in dem Sie „No God, no trouble, no cry…“ singen. Wäre die Welt ohne Gott eine bessere?

Das nicht unbedingt, aber es gibt zu viel Ärger im Namen Gottes in dieser Welt. Und das in einem Zeitalter, in dem man eigentlich dachte, dass man darüber hinweg ist. Wir wissen so viel, wir haben eine lange Geschichte hinter uns, aus der wir lernen können. Und trotzdem passiert Unsägliches aus religiösem Fanatismus. Ich finde, jeder soll glauben, was er will, aber das soll er privat für sich machen. Das sollte nicht zu Glaubenskriegen führen.

Wenn Sie nicht in Deutschland oder Russland unterwegs sind, machen Sie was?

Ich trete auf, um meine Soloalben zu präsentieren, oder ich arbeite mit anderen Projekten wie dem Bahama Soul Club zusammen, bei dem ich auch singe. Das führt dann bisweilen zu kuriosen Situationen: Zufälligerweise traten De-Phazz und der Bahama Soul Club einmal in Brasilien, in São Paulo, am selben Abend auf. Beim Bahama Soul Club trug ich einen Zopf, bei De-Phazz trat ich mit offenen Haaren auf. Anschließend haben die Zuschauer die „beiden Sängerinnen“ verglichen. Aber es ist einfach schön, mehrgleisig zu fahren. Man lernt sehr viel dabei.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie früher gern die ZDF-Hitparade gesehen haben. Berührt es Sie, dass Moderator Dieter Thomas Heck jetzt im Alter von 80 Jahren gestorben ist?

Oh ja, denn den Mann habe ich in meiner Kindheit immer gern im Fernsehen gesehen. Er hat dieses Sammelsurium aus Schlager und Pop einfach gut zusammengebracht. Viele haben das natürlich nicht ernst genommen oder sich sogar über ihn lustig gemacht. Aber die ZDF-Hitparade war eine wichtige Plattform, auf der sich Musiker präsentieren konnten. Ich habe da viel über Musik und Popkultur erfahren. Dieter Thomas Heck war ein sehr wichtiger Mann. Er hat eine ganze Generation geprägt.

Pit Baumgartner ist Ihr Klangarchitekt, der gern im Hintergrund agiert. Ist er jetzt live dabei, wenn De-Phazz nach Osnabrück kommen?

Pit hat uns ja oft und gern als Söldner auf die Bühne geschickt, ohne dass er uns live begleitet hat. Aber jetzt lässt er es sich nicht nehmen, zur Präsentation des neuen Albums und zum 20-jährigen Jubiläum mit auf Tournee zu gehen – obwohl er eigentlich nicht gerne reist. Wenn er unterwegs ist, kann er sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren. Er sitzt halt am liebsten unter seinem Kopfhörer. Aber diesmal ist er tatsächlich persönlich dabei und bringt auch seine Ukulele mit. Manche verstehen das als Drohung, andere freuen sich darüber.

Pit Baumgartner meinte einmal, dass er sich als musikalischer Dienstleister versteht, dem es nichts ausmacht, wenn seine Musik als flach oder als Plätschersound bezeichnet wird. Wie stehen Sie zu solcher Kritik?

Klar, unsere Musik ist eher sanft und loungig. Ich spreche gern von einem Klangteppich, weil das eine passende Bezeichnung für Musik ist, die ein schönes Ambiente gestaltet. Aber wenn Sie genau hinhören, stellen Sie fest, dass Pit einen unglaublich vielschichtigen Sound bastelt. Er ist ein akribischer Arbeiter. Immer wieder findet man in seinen Songs Sprachfetzen, die aus einem Film stammen, oder er sampelt alte Orchesteraufnahmen, oder er baut einige Soundfiles unserer eigenen Musiker auf besondere Art in einen Song ein. Ich finde, er braucht sich nicht vorwerfen zu lassen, dass seine Musik simpel ist.

So kann es dann auch passieren, dass er ein Akkordeon in einen Bossa Nova-Stück einbaut?

Richtig, der Song heißt „All Inclusive“ und ist auf unserem Album. Pit lädt gern Leute aus der Heidelberger Musikszene ein, um mit ihnen zu arbeiten. Das Akkordeon hat Laurent Leroi gespielt, ein alter Wegbegleiter aus dem Odenwald. So entstehen recht spannende Klangmixturen.

Wie konnte es passieren, dass Baumgartner Ihre Stimme an einigen Stellen mit „Autotune“ verfremdet, einem Effekt, der momentan eher von jungen Rappern als Stilmittel eingesetzt wird?

Pit ist der Einzige, der meine Stimme verfremden darf, ohne von mir eine Watschen zu bekommen. Den Autotune-Einsatz habe ich anfangs auch nicht gefeiert, sondern eher einen Schreck gekriegt. Um Gottes willen, was hat er da gemacht?, dachte ich. Aber dann habe ich mich damit angefreundet. Wenn es im szenischen Kontext passt und nur ab und zu eingesetzt wird, finde ich es legitim.


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