Fakten zur Verkehrsdebatte Osnabrücker Baustellen-Slalom wird noch rasanter

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Die Baustelle am Pottgraben. In Osnabrück wird es in den kommenden Jahren noch mehr Baustellen geben. Foto: Wilfried HinrichsDie Baustelle am Pottgraben. In Osnabrück wird es in den kommenden Jahren noch mehr Baustellen geben. Foto: Wilfried Hinrichs

Osnabrück.. Externe Berater sollen es also richten. Der Rat hat Dienstagabend beschlossen, das Osnabrücker Baustellen-Management von Fachleuten durchleuchten zu lassen. Bringt das was? Die Berater können weder die Baustellen noch den Verkehr wegzaubern. Und im nächsten Jahr wird es noch viel schlimmer.

Beim Thema Baustellen kochen in Osnabrück die Emotionen hoch. Zum Überkochen kam es im Juli, als die IHK-Geschäftsführerin Anke Schweda der Stadt ein miserables Baustellen-Management bescheinigte. CDU-Fraktionschef Fitz Brickwedde schürte am Dienstagabend in der von der CDU-Fraktion beantragten Aktuellen Stunde im Rat die Emotionen weiter: Es herrsche "großer Unmut", Bauarbeiten dauerten "einfach zu lange", die Fahrzeiten vieler Pendler hätten sich "verdoppelt".

Mehr Autos, aber nicht mehr Straßen

Stadtbaurat Frank Otte verfolgte äußerlich ruhig die Debatte, inhaltlich muss er gekocht haben. Nur einmal platzte es aus ihm heraus, als er – bemüht sachlich – die Rahmenbedingungen beschrieb: Seit den Siebzigerjahren sei das Straßennetz in Osnabrück im Wesentlichen unverändert. Erweiterungen habe es nicht gegeben. Auch die Zahl der Baustellen pro Jahr in Osnabrück ist nach seinen Worten etwa gleich geblieben.

Zahlen lieferte Otte am Mittwoch auf Wunsch unserer Redaktion nach: 2013 bis 2018 hat es demnach jährlich 2000 bis 2100 Baustellen gegeben, die den öffentlichen Verkehrsraum berührten  – vom einfachen Hausanschluss bis zum Großprojekt Neumarkt. Das vergangene Jahr markierte mit 1889 Baustellen den Tiefpunkt. In diesem Jahr wurde – Stand Mittwoch – bislang an 1337 Stellen gebuddelt. "Wir werden auch 2018 die 2000er-Marke erreichen", sagte Otte. Was in diesem Jahr anders ist: Es waren nach Ottes Worten "etwas mehr Hauptverkehrsstraßen" betroffen.

Deutlich verändert habe sich die dritte Variable, so Otte: die Zahl der Autos auf den Straßen. Der Stadtbaurat zitiert amtliche Statistiken, wonach sich der Fahrzeugbestand bundesweit seit den Sechzigerjahren verzwölffacht hat. Aus Datensammlungen des Kraftfahrtbundesamtes geht hervor, dass der Fahrzeugbestand in der Region Osnabrück von 2008 bis 2017 um rund 15 Prozent angestiegen ist. Otte sagt: "Wenn es gelingt, die eigentlich unnötigen Autofahrten zu reduzieren, ist mehr Platz auf den Straßen für diejenigen, die aufs Auto angewiesen sind."

IHK zufrieden

Marco Graf, IHK-Geschäftsführer, äußerte sich am Tag nach der Ratssitzung erfreut, "dass unsere konstruktive Kritik von der Politik aufgegriffen und nun an der Verbesserung der Baustellensituation gearbeitet wird". Dafür sei der aktuelle Ratsauftrag ein guter erster Schritt. "Entscheidend ist allerdings eine erfolgreiche Umsetzung, insbesondere auf den Hauptverkehrsstraßen. Kriterium dafür ist die Erreichbarkeit Osnabrücks.“

Eine alte Diskussion. Grafik: Sascha Nabrotzky

Eine alte Diskussion

Diskussionen über das Baustellen-Management erhitzten den Osnabrücker Rat schon zu der Zeit von Ottes Vorvorgänger. Im August 2002 stempelte die Politik den damaligen Stadtbaurat Jörg Ellinghaus zum Sündenbock. Anlass war, dass durch parallele Baustellen Teile des Westerbergs für einige Tage vom Verkehr abgeschnitten waren. Ellinghaus wies die Vorwürfe zurück und machte die Verlagerung des Tiefbauamtes aus seiner Zuständigkeit hin zu den Stadtwerken für die schlechte Koordination verantwortlich. Der damalige Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip hatte die Ausgliederung durchgesetzt. Und in dieser Baustelle liegt der Hund auch heute noch begraben.

Verschiedene Zuständigkeiten

Die Stadtwerke sind für die Kanäle zuständig, die Stadt macht den Straßenneubau und der Osnabrücker Servicebetrieb (OSB) die Straßenunterhaltung. Jeder vergibt die Aufträge in eigener Verantwortung, so dass auf einer Baustelle unterschiedliche Unternehmen für unterschiedliche Auftraggeber am Werk sein können. Es muss viel abgesprochen werden. 2003 schufen Stadt und Stadtwerke zwei Stellen ausschließlich zur Baustellenkoordination. 2006 wurden die Prozesse weiter optimiert. Heute treffen sich die Mitglieder der Koordinationsstelle nach Angaben von Stadtbaurat Otte etwa einmal im Monat, um Maßnahmen abzustimmen. Externe Berater sitzen schon jetzt mit am Tisch. Mitarbeiter der Unternehmensberatung Confideon aus Berlin moderieren die Sitzungen und prüfen fortlaufend die Abstimmungsprozesse auf ihre Effizienz.

Verspricht der Ratsbeschluss vom Dienstag vor diesem Hintergrund wirklich Verbesserungen? Die Grünen, die den Antrag eingebracht haben, erhoffen sich von Unternehmensberatern, dass sie die "Egoismen der beteiligten Organisationseinheiten" (Volker Bajus im Rat) entlarven und ausräumen. Stadtwerke-Chef Christoph Hüls, der die Debatte im Rathaus verfolgte, äußerte sich am Mittwoch dazu diplomatisch: "Natürlich arbeiten wir im gemeinsamen Baustellen-Management kontinuierlich daran, wie wir Bauabläufe optimieren und Bauzeiten verkürzen können – und begrüßen jedwede Unterstützung, die zur weiteren Optimierung sowie zur Versachlichung der Debatte beiträgt.“

Auch Stadtbaurat Otte nimmt die externe Hilfe gern entgegen und hat konkrete Vorstellungen: Gebraucht würden Simulationen, die den Einfluss von Baustellen auf das Verkehrsnetz darstellen. Solche Projektionen für das gesamte Netz einer Stadt gebe es noch nicht, es werde aber daran gearbeitet. "Wir sind in Gesprächen mit der Technischen Hochschule Aachen", sagte Otte. Man wisse einfach zu wenig darüber, wie sich Verkehre bei punktuellen Eingriffen in das System veränderten.

Problemfall Rheiner Landstraße

Wichtig wäre so eine Simulation schon im kommenden Jahr beim Eingriff in die Rheiner Landstraße. Weil am Finkenhügel ein Baugebiet entstehen soll, muss der Kanal vergrößert werden. Zwei Jahre dürften die Bauarbeiten dauern – unter abschnittsweiser Vollsperrung der wichtigen Hauptverkehrsstraße. CDU-Fraktionschef Fritz Brickwedde sagte in der Ratssitzung, es sei "nicht zu akzeptieren, dass das so lange dauert".

Tunnel unter der Lotter Straße. Das Foto entstand im August 2005. Archivfoto Jörn Martens

Eine Tunnelbauweise wie an der Lotter Straße halten Fachleute aus technischen Gründen für nicht umsetzbar. Ob Doppelschichten und Nachtarbeit Akzeptanz bei den Anwohnern finden, ist ebenso offen wie die Frage, ob sich Baufirmen mit Beschleunigungsprämien locken lassen. Zur Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses in der kommenden Woche will das Bauamt ein Baustellenkonzept vorlegen.

Viele Anlieger blicken schon mit unguten Gefühlen dem schweren Eingriff entgegen. Der Pächter der Westfalen-Tankstelle etwa, dessen Existenz von der Erreichbarkeit seiner Tanksäulen abhängt. Die Westfalen AG will sich dazu aber erst äußern, wenn das Baustellenkonzept vorliegt. 

Befürchtungen, die Rheiner Landstraße könnte im kommenden Jahr zeitgleich mit dem parallel verlaufenden Lieneschweg gesperrt sein, sind inzwischen entkräftet. CDU-Ratsfrau Katharina Pötter hatte das aus der Liste von geplanten Straßenrenovierungen geschlossen, die die Verwaltung jetzt vorgelegt hat. Darin ist der Lieneschweg für 2019 zwar vorgemerkt, wird aber nicht angepackt, wie Otte am Mittwoch unserer Redaktion versicherte.

108 zusätzliche Baustellen

Diese Renovierungsliste deutet aber schon an, dass das Baustellen-Problem die Autofahrer auch 2019 massiv nerven wird. Der Hintergrund: Wegen der aktuell guten Finanzlage hat die Stadt zwölf Millionen Euro in eine Rücklage für die Straßenunterhaltung verschoben. Damit könnten dringend notwendige Reparaturen nachgeholt werden, rechtfertigt Finanzchef Thomas Fillep die Umbuchung.

Der OSB und der Fachbereich für Verkehrsanlagen haben 108 Einzelmaßnahmen aufgelistet, die nach und nach abgearbeitet werden sollen. Hinzu kommt der Breitbandausbau – "den wir ja alle wollen", wie Volker Bajus im Rat sagte.

Im Klartext: noch mehr Baustellen im öffentlichen Verkehrsraum.


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