Zwischen allen Stühlen Schulbegleiter in Osnabrück: Für die einen wichtig, für andere lästig

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Kindern mit Handicap, die im Schulalltag Probleme haben, können sogenannte Schulbegleiter zur Seite gestellt werden. Die befinden sich allerdings in einem Spannungsfeld zwischen Ämtern, Eltern, Lehrern und Trägern. Foto: dpaKindern mit Handicap, die im Schulalltag Probleme haben, können sogenannte Schulbegleiter zur Seite gestellt werden. Die befinden sich allerdings in einem Spannungsfeld zwischen Ämtern, Eltern, Lehrern und Trägern. Foto: dpa

Osnabrück. Schüler mit körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderungen stoßen im Schulalltag oft an ihre Grenzen; Sogenannte Schulbegleiter sollen sie unterstützten. Was in der Theorie gut klingt, sorgt in der Praxis jedoch für einige Probleme. Eine Geschichte über verschlossene Toilettentüren, ratlose Eltern und dem Wunsch, einfach nur normal zu sein.

  • Weder Qualifikation noch Vergütung von Schulbegleitern sind einheitlich geregelt
  • Schüler mit Schulbegleitern laufen Gefahr, zusätzlich stigmatisiert zu werden
  • Nicht alle Lehrer sind von dem Einsatz von Schulbegleitern begeistert

Früher gab es in einer Schule die Schüler, den Lehrer, das Sekretariat und den Hausmeister. Doch seit der Einführung der inklusiven Schule in Niedersachsen im Jahr 2013 arbeiten hier deutlich mehr Erwachsene: Es gibt die Schulsozialarbeiter, die sich zum Beispiel um Kriseninterventionen, die Zusammenarbeit mit den Eltern oder den Übergang ins Berufsleben kümmern. Da sind Pädagogische Mitarbeiter, die außerunterrichtliche Angebote leiten oder einspringen, wenn Lehrer kurzfristig ausfallen. Und dann sind da die Schulbegleiter. Andere Bezeichnungen für sie: Integrationshelfer, Inklusionshelfer, kurz: I-Helfer, Schulassistenten oder Individualbegleiter.  Ihre Aufgabe: Schülern mit körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen dabei zu helfen, im Schulalltag mitzuhalten; aus der pädagogischen Arbeit sollen sie sich ausdrücklich heraushalten. Eingesetzt werden sie schließlich auch nicht von den Schulen, sondern von den Eltern. Und nicht jeder Lehrer ist glücklich darüber, noch einen Erwachsenen im Klassenzimmer sitzen zu haben. 

Eine Klasse – acht Schüler – vier Inklusionshelfer

"Wenn ich es könnte, würde ich mir den Einsatz von Schulbegleitern an unserer Schule verbitten." Hanno Middeke ist Schulleiter der Herman-Nohl-Schule Osnabrück, einer Förderschule mit dem Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Außerdem ist er stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands Sonderpädagogik. Sieben Schulbegleiter sind derzeit an der Herman-Nohl-Schule im Einsatz. "Im letzten Schuljahr hatten wir in einer Klasse acht Schüler, vier Inklusionshelfer und einen Lehrer. Das ist nichts für unsere Kinder. Die müssen sich doch fragen: Wer hat denn hier den Hut auf?" 

"Im letzten Schuljahr hatten wir in einer Klasse acht Schüler, vier Inklusionshelfer und einen Lehrer." Hanno Middeke, Leiter der Herman-Nohl-Schule Osnabrück

Es sei etwas anderes bei Schülern mit körperlichen Defiziten, sagt Middeke. Wer Hilfe beim Tragen des Schulranzens brauche oder beim Toilettengang, für den mache ein Schulbegleiter Sinn. Diese Form der Schulbegleitung gibt es in Deutschland bereits seit den 1980er Jahren. Aber an der Hermann-Nohl-Schule geht es um Schulbegleiter für Schüler mit emotionalem und sozialem Unterstützungsbedarf. Schüler, die oft aggressiv reagieren oder im Unterricht den Clown spielen. Die sich in sich selbst zurückziehen oder mit ihrer Umwelt überfordert sind. Schüler, die in der Lage sind, durch ihr Verhalten den ganzen Unterricht zu sprengen. Ist es da nicht gut, wenn ein Schulbegleiter diesem Schüler zur Seite sitzt und bei einer Eskalation mit ihm vor die Tür geht? Hanno Middeke schüttelt den Kopf. Für Schüler könnte es vielmehr verwirrend sein, wenn er mit dem Inklusionshelfer und dem Lehrer "zwei Aufmerksamkeitsherde" im Klassenzimmer habe. Und schließlich gebe es viele Kinder, die gar keinen Schulbegleiter wollen, meint der Schulleiter. "Die erleben das als Sonderbehandlung, dabei wollen sie doch nur eins sein: normal. Wer will das nicht?" Nein, für den sozialen Bereich brauche es Leute vom Fach – Schulbegleiter würden letztlich nur einen Personalmangel kaschieren. "Das Land soll das Personal einstellen, das nötig ist. Wenn unsere Klassen kleiner wären und generell doppelt besetzt, dann wäre der Ruf nach Inklusionshelfern auch nicht so laut", meint der Schulleiter. 

Aber der Ruf ist laut; und er wird immer lauter. 

Vergütung auf Mindestlohnniveau

Sylvia Kühne sitzt in ihrem Büro des AWO Kreisverbands an der Johannisstraße. Sie hat Ordner mitgebracht. Informationen über die Schulbegleiter, die von der Arbeiterwohlfahrt vermittelt werden. Neben der Awo übernehmen diese Aufgabe in der Region unter anderem noch der Paritätische Wohlfahrtsverband und die Heilpädagogische Hilfe. Insgesamt sind es in der Stadt in diesem Schuljahr 42 Kinder, die begleitet werden, 17 davon gelten als seelisch behindert. Im Landkreis hatten im vergangenen Schuljahr 184 Kinder eine Schulbegleitung. Tendenz: steigend. Zum Vergleich: In Hamburg haben derzeit rund 1800 Kinder einen Schulbegleiter. 

Schulbegleiter, die Kindern mit körperlicher Behinderung zur Seite gestellt werden, gibt es in Deutschland bereits seit den 1980er Jahren. Foto: dpa

"Wir haben hier maximal 15 Prozent Quereinsteiger", sagt Sylvia Kühne von der Awo. Die anderen I-Helfer decken in ihrer Qualifikation eine große Bandbreite ab: Sozialassistenten, Krankenpfleger und Ergotherapeuten finden sich in dem Ordner wieder. Die Frauenquote liegt bei rund 80 Prozent. 

Vergütet werde je nach Fähigkeiten und Berufserfahrung, sagt Kühne. Bei einer Vollzeitstelle von 38,5 Stunden liege das Bruttoeinkommen demnach bei 1900 bis 2500 Euro. Die Awo-Mitarbeiterin weiß, dass andernorts vorwiegend "Bufdis" und "FSJler" als Schulbegleiter eingesetzt werden und dass die Bezahlung oft dem Mindestlohn entspricht. 

Es ist kompliziert...

Weder Qualifikation noch Vergütung von Schulbegleitern sind klar geregelt. Auch bei den Zuständigkeiten wird es kompliziert: Bei Kindern mit geistiger oder körperlicher Behinderung übernimmt die Eingliederungshilfe die Kosten, bei seelischen Behinderungen, zu denen auch Autismus gehört, zahlt das Jugendamt. Schwierig wird die Einordnung bei Mehrfachbehinderungen. Und während bei körperlichen Behinderungen oft schon umfangreiche Gutachten und ärztliche Diagnosen vorliegen, die das Beantragen eines I-Helfers vereinfachen, müssen bei Fällen von Autismus, AD(H)S oder anderen seelischen Handicaps, die oft erst im Schulalter auffällig werden, noch aufwendig Gutachten eingeholt werden. 

Aufgabe der I-Helfer: Sich selbst überflüssig zu machen

"Als uns gesagt wurde, dass wir für unseren Sohn einen Inklusionshelfer beantragen könnten, fühlten wir uns erst einmal ziemlich alleine gelassen", berichtet eine Mutter, die ihren Namen nicht öffentlich nennen möchte. Ihr Eindruck damals: Irgendwie kann so ziemlich jeder Schulbegleiter sein. Und es ist Sache der Eltern, einen aufzutreiben. Am Ende fand die Familie eine Inklusionshelferin – dank ihres privaten Umfelds. Nach einem Schuljahr wurde der Vertrag nicht verlängert. Nicht, weil die I-Helferin und ihr Sohn nicht harmoniert hätten, im Gegenteil: Es lief so gut, dass sich die Schulbegleiterin selbst überflüssig gemacht hat. Für die körperlichen Defizite des Kindes wurden gemeinsam mit der Klasse und der Klassenlehrerin Lösungen gefunden. "Das ist ja das Ziel der Schulbegleiter", sagt Sylvia Kühne, "dass sie am Ende nicht mehr gebraucht werden." Nicht mehr gebraucht und damit arbeitslos? Die Awo-Mitarbeiterin schüttelt den Kopf. Die Nachfrage sei hoch genug, um die I-Helfer anderweitig zu beschäftigen, und wenn es doch einmal eine "Lücke" gebe, könnten die Mitarbeiter zwischenzeitlich beispielsweise in betreuten Wohngruppen eingesetzt werden. 

Schulbegleiter sind ein kleiner Baustein in der großen Baustelle "inklusive Schule". Bei der genauen Umsetzung gibt es aber noch Fragezeichen. Foto: dpa

Sorge, bald arbeitslos zu werden, muss Sandra Andretzky nicht haben. Die Schule ist aus und die Osnabrückerin ist gerade nach Hause gekommen. Sandra Andretzky ist Schulbegleiterin. Jeden Morgen fährt sie gemeinsam mit einem schwerst mehrfachbehinderten achtjährigen Mädchen nach Bramsche zur Wilhelm-Busch-Schule, einer Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Im Unterricht sitzt sie neben ihr, sie füttert das Mädchen in der Pause und wickelt es.

Sandra Andretzky kennt die Geschichten anderer I-Helfer, die sich mit den Berichten von Sylvia Kühne von der Awo decken. Schulbegleitern soll der Zugang zur Personaltoilette verweigert worden sein. Lehrer sollen sie gebeten haben, während des Unterrichts auf dem Flur zu warten. Doch bei Sandra Andretzky läuft es anders: "Ich habe einen Schlüssel zu allen Räumen", sagt die gelernte Kinderkrankenschwester. "Für das von mir begleitete Mädchen bin ich das Sprachrohr. Wäre sie alleine im Klassenzimmer, würde es gar nicht funktionieren. Die Lehrer haben nicht die Möglichkeit, sich während des Unterrichts richtig um sie kümmern zu können." (Weiterlesen: Der Junge, der nicht zur Schule gehen darf)

Obwohl es hier mit der Begleitung so gut klappt und nicht damit zu rechnen ist, dass sich der Gesundheitszustand des achtjährigen Mädchens je verbessern wird, wird auch der Vertrag von Sandra Andretzky nach einem Schuljahr auslaufen. Denn die Eltern müssen für jedes Schuljahr einen neuen Antrag stellen.  

Erstmals ein Qualifizierungskurs

Hermann Wellers würde gerne etwas Ordnung in das Chaos bringen. Wellers ist Programmbereichsleiter der Volkshochschule Osnabrücker Land. Im September wird die VHS erstmals eine Qualifizierung zum Schulbegleiter anbieten. Gerade die Träger, die häufiger Bufdis und FSJler einsetzen, hätten Interesse an dem Angebot signalisiert, sagt er. 

„Wir arbeiten in dem Kurs mit einem landesweit anerkannten Konzept, das auf Erfahrungen aus Meppen fußt“, sagt Wellers. Im Emsland ist die Volkshochschule nämlich schon seit Längerem für die Qualifizierung, aber auch für die Vermittlung von Schulbegleitern zuständig, hier lag die Zahl der begleiteten Kinder im Jahr 2017 bei rund 135. In dem Kurs sollen sonderpädagogische Grundlagen beispielsweise zu Autismus oder AD(H)S, oder für die Bereiche Hören, Sehen oder Körperliche Entwicklung vermittelt werden. Außerdem soll klar gemacht werden, was in den Aufgabenbereich von I-Helfern fällt und was nicht. Aus dem Pädagogischen sollen sie sich zum Beispiel gänzlich raus halten. Aber wo genau beginnt die Pädagogik? Beim Vorlesen des Arbeitsblattes? Und wie kann der I-Helfer dafür sorgen, dass der begleitete Schüler durch ihn nicht zum Sonderling wird? 

Wellers weiß, dass es auch für Lehrer gerade an Regelschulen eine ungewohnte Situation ist, wenn da auf einmal noch ein Erwachsener im Klassenzimmer sitzt – wen soll er denn bei einem Gespräch angucken? Den Schüler oder die Begleitperson? Und wer achtete darauf, dass I-Helfer nicht am Ende das Gegenteil bewirken, nämlich dazu führen, dass der begleitete Schüler weniger in den Unterricht einbezogen wird –  aus der Annahme heraus, dass da ja bereits jemand sei, der sich um ihn kümmere? Wellers lächelt. Die Unterlagen mit den Kursinhalten sind dick, doch ob sich überhaupt genügend Teilnehmer für dieses freiwillige Angebot finden, ist noch nicht sicher. Die Kosten für die Qualifikation liegen bei 665 Euro. Und die müssen die Teilnehmer selbst übernehmen. 

Weiterlesen: Immer weniger Kinder laut Bertelsmann-Studie in Förderschulen



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