Vom Dachboden ins rechte Licht gerückt Das Diözesanmuseum Osnabrück feiert sein 100-jähriges Bestehen

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Osnabrück. Es mutet schon etwas seltsam an, dass Bischof Wilhelm Berning ausgerechnet in den niederschmetterndsten Tagen des Ersten Weltkriegs, als die militärische Niederlage sich schon abzeichnete, ein Museum für die Kunstschätze seiner Diözese ins Leben rief. Was trieb ihn dazu?

Bernings Rede zur Eröffnung am 28. August 1918 ist erhalten. „Minerva darf dem Mars die Hand wohl reichen“, ist seine Antwort. Die schönen Künste und der Krieg gehen für ihn zusammen. Für uns heute schwer nachvollziehbar, erhofft er sich vom Krieg eine „Gesinnungsläuterung“, ein Zurückdrängen des „krassen Materialismus“ und der Genusssucht, die er als mitverantwortlich für den Krieg ansieht, zugunsten idealer Werte. Hierbei könne die Pflege und Zurschaustellung kirchlicher Kunst helfen. „Die Arbeit für die idealen Güter unseres Volkes ist geradezu unsere Pflicht, wenn wir unserem schwer leidenden Vaterlande eine schönere Zukunft sichern wollen. Das Blutopfer der Schlachtfelder verpflichtet uns, für die idealen Güter einzutreten, für die tiefe Religiosität, für echte Sittlichkeit, für wahre Kunst.“ Soweit Bernings Worte.

Eine Bitte: Kunstwerke dem Museum überweisen

Ob auch die Sorge im Hintergrund stand, dass in Notzeiten das eine oder andere Kunstwerk einer Dorfkirche schneller zu Geld oder, noch besser, zu einer Lieferung Kartoffeln gemacht werden könnte, kann nur spekuliert werden. Jedenfalls richtete der Bischof die herzliche Bitte an seine Geistlichkeit, „daß diese Kunstwerke, wenn sie nicht am Orte selbst würdig ausgestellt und vor dem Verfall bewahrt werden können, dem Museum baldigst überwiesen werden.“

Domschatz bildet den Kernbestand

Die Gäste der Eröffnungsveranstaltung konnten einen Rundgang durch die neuen Ausstellungsräume werfen. DIese hatten im überwölbten Obergeschoss des 1892-95 von Dombaumeister Alexander Behnes geschaffenen südlichen Domanbaus eine schöne Heimat gefunden. Unter den Skulpturen, Gemälden, Goldschmiedearbeiten, liturgischen Textilien und Möbeln bildete der Domschatz den Kernbestand – ergänzt durch Stücke aus allen Regionen des Bistums, die im Gottesdienst oder als Kultbilder im Kirchenraum nicht mehr benötigt wurden. Teile stammten auch aus Klöstern, die unter Napoleon aufgehoben worden waren und deren Bestände als besonders gefährdet galten.

Wertschätzung für „Alterthümer“

Der Boden für die Gründung des Diözesanmuseums war schon zuvor beackert worden. Im 19. Jahrhundert stieg ganz allgemein die Wertschätzung für „Alterthümer“. Im Geiste der Zeit fand sich bereits 1871 ein „Diözesan-Kunst- und Alterthumsverein zu Osnabrück“ zusammen mit dem Ziel, historische Kunstbestände durch Aufbau einer Sammlung zu sichern. Zum Katholikentag 1901 in Osnabrück bot sich die Gelegenheit, die kostbaren Bestände der Domkirche im Obergeschoss des Kreuzgangs einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren.

Geschätzter Ratgeber

In jenen Jahren entstand ein enger Kontakt zum Kölner Priester Fritz Witte, einem der führenden kirchlichen Kunsthistoriker und späteren Leiter des Kölner Museums Schnütgen für kirchliche Kunst. Witte darf als Geburtshelfer des Osnabrücker Diözesanmuseums angesehen werden. Er bewertete die Stücke wissenschaftlich und bereitete die Präsentation im neuen Museum 1918 vor. Auch nach der Eröffnung blieb er ein geschätzter Ratgeber für das Domkapitel und speziell für den Domarchivar und frisch installierten Museumsleiter Christian Dolfen.

Kluges Modell

Bischof Berning kündigte allen Gemeindepfarrern des Bistums Dolfens und Wittes Besuch an. Die beiden sollten vor Ort sichten und beraten. Wenn sie auf interessante, aber ausrangierte Stücke unter unzureichenden Lagerbedingungen stießen, legten sie die Abgabe ans neue Museum nahe, bevor die über Land ziehenden Antiquitätenhändler zuschlagen konnten. Der Bischof bot den Gemeinden an, das Eigentumsrecht an den Stücken zu behalten und jederzeit frei über sie verfügen zu können. Der heutige Museumsleiter Hermann Queckenstedt bezeichnet das Modell als klug und zielführend, weil ohne diese vertragliche Gestaltung Vieles gar nicht den Weg nach Osnabrück gefunden hätte. Er sagt: „Damit ist das Diözesanmuseum bis heute keine Einbahnstraße für die Endverwendung, sondern seine Bestände finden bisweilen den Weg zurück in die Kirche.“ Das sei dann möglich und auch sinnvoll, wenn sich die Verhältnisse vor Ort geändert hätten und wenn die Objekte im Andachtsraum wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung entsprechend genutzt werden könnten.

Päpstlicher Nuntius Gast

Dolfen konzipierte Ende der 1920er-Jahre eine neue Dauerausstellung. Einer der Ersten, die sie zu sehen bekamen, war 1929 der päpstliche Nuntius Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. Er äußerte sich sehr lobend, was Bischof Berning und Dolfen dankbar registrierten.

Kirchliche Kunst in einem kirchlichen Raum

Nach 1933 wurde es stiller um das Haus, dessen Inhalte und Absichten nicht mehr zum neuen nationalsozialistischen Zeitgeist passten. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bestände ausgelagert und blieben dadurch im Wesentlichen erhalten. Nach dem Krieg arbeitete Christian Dolfen an der Wiederherstellung des Museums, bevor Priester Hans-Hermann Breuer 1956 dessen Nachfolge antrat. Breuer konzentrierte sich auf die Erweiterung der Bestände und deren wissenschaftliche Bearbeitung. Queckenstedt merkt aus heutiger Sicht kritisch an, dass die regelmäßige Öffnung des Hauses für das Publikum und eine engagierte Vermittlungsarbeit dabei auf der Strecke blieben. Das sah man schon damals wohl auch in der Stadtverwaltung so. Oberstadtdirektor Raimund Wimmer hätte gern die kunsthistorischen Höhepunkte des Museums für Tourismus und Regionalmarketing nutzbar gemacht. Sein Vorschlag lautete, Museumsbestände in der wiederhergestellten Dominikanerkirche zu zeigen, deren neue Nutzung noch nicht so ganz klar war. Bischof Helmut-Hermann Wittler lehnte jedoch ab. Er wollte die kirchliche Kunst in einem kirchlichen Raum behalten und keineswegs die Hoheit an die Stadt abtreten.

Brücke zur zeitgenössischen Kunst

Nach Breuers Tod übernahm 1972 Josef Schewe die Museumsleitung. Das Pendel schlug nun in die andere Richtung aus: War Breuer „zu wissenschaftlich“ und zu wenig publikumsorientiert gewesen, so ging Schewe daran, Besuchergruppen mit Kaffee und Kuchen in den Gemäldesaal zu locken. Bei der Stadt absolvierte er gar einen Lehrgang zum Bierausschank. Die Bistumsleitung war davon nicht angetan. Nach Schewes überraschendem Tod 1978 verfolgte Nachfolger Andreas Jung wieder einen weniger volkstümlichen Kurs. Er erweiterte die Sammlung um früh- und ostkirchliche Objekte und initiierte erste Sonderausstellungen, die für überregionale Aufmerksamkeit sorgten. Nach Jungs Ausscheiden übernahm seine Mitarbeiterin Marie-Luise Schnackenburg die Leitung. Sie setzte 1998 mit der Präsentation des Sifridus-Kelches ein museales Glanzlicht auf die Feierlichkeiten zum Jubiläum 350 Jahre Westfälischer Frieden. Sie reduzierte die Dauerausstellung etwas, um die Hauptstücke besser zur Geltung bringen zu können. Ihre Sonderausstellungen schlugen nicht zuletzt auch eine Brücke zur zeitgenössischen Kunst.

Städtische Kulturnacht

Nachdem sich der neue Bischof Franz-Josef Bode für eine weitere Stärkung der kirchlichen Kulturarbeit ausgesprochen hatte, wurde diese Aufgabe im Jahr 2000 in der neuen Abteilung „Kultur und Archiv“ des bischöflichen Generalvikariats gebündelt, Leiter Hermann Queckenstedt. Er sollte gemeinsam mit Schnackenburg die räumliche und inhaltliche Neukonzeption des Museums angehen und durch Kulturangebote auch Menschen ansprechen, die Gottesdienst und Seelsorge eher distanziert gegenüberstehen. Das geschah unter anderem im September 2000 mit dem Versuchsballon einer „Domkulturnacht“. Die schlug so erfolgreich ein, dass die Stadt Osnabrück daraus im Folgejahr das Konzept einer städtischen Kulturnacht ableitete. Gerade durfte man die Auflage 2018 mit vielen tausend Besuchern erleben.

„Forum am Dom“ ein zeitgemäßes Entree

Der 97. Deutsche Katholikentag 2008 war der äußere Anlass, das Diözesanmuseum umfassend baulich umzugestalten und ihm mit dem „Forum am Dom“ ein zeitgemäßes Entree zu verschaffen. Zehn Jahre besteht die neue Dauerausstellung nun bereits, und sie findet noch stets hohes Lob für Raumästhetik und Art der Präsentation. Neben der jährlichen Krippenausstellung als bewährtem Besuchermagnet legt das Museumsteam jährlich ein bis zwei Sonderausstellungen mit großer thematischer Bandbreite auf. Darunter waren etwa ein kunsthistorischer Überblick über Kreuzesdarstellungen, die Erschließung des mittelalterlichen Gebetbuchs „Codex Gisle“, eine Ausstellung über die Gemeinsamkeiten von Fußball und Religion, eine Playmobilausstellung für Kinder oder auch Wanderausstellungen zu den Themen „Zwangsarbeiter im Bistum“ oder „Lübecker Märtyrer“. Zusammen mit der Pflege des Erbes des Karikaturisten Fritz Wolf sind sie Beispiele dafür, dass der Balanceakt zwischen wissenschaftlichem Anspruch und populärer Publikumsansprache, auf Neudeutsch „Eventisierung“, gelingt. Nämlich, indem Beides nicht zu kurz kommt.

Im Vorgespräch zu den Jubiläumsveranstaltungen sagte Queckenstedt: „Wir fühlen uns sehr getragen von der Bistumsleitung, wir genießen große inhaltliche Freiheiten.“ Das komme nicht zuletzt im Stellenplan mit drei wissenschaftlichen Vollzeitstellen und einer museumspädagogischen Stelle zum Ausdruck. Angesichts der vom Bistum in Auftrag gegebenen Karikaturen, mit denen Gerhard Mester Kirche und Museum aufs Korn nimmt, meinte Queckenstedt: „Nicht jede Diözesanleitung in Deutschland würde das augenzwinkernd so mit sich machen lassen.“


Das Jubiläumsprogramm: Der 1. und 2. September sind jeweils ab 10 Uhr „Tage der offenen Tür“ im Museum. Restauratoren geben Einblicke in ihre Arbeit, der Jugendchor singt, „Kleine Baumeister“ können sich in einem offenen Workshop betätigen, Führungen durch die Jubiläumsausstellung werden angeboten.

Der eigentliche Festakt ist am 3. September um 18 Uhr im Dom mit liturgischem Impuls durch Bischof Franz-Josef Bode und Festvortrag des Präsidenten des ZK der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg.

Die Jubiläumsausstellung „Vom Dachboden ins rechte Licht gerückt“ geht vom 1. September bis zum 11. November.

Die großflächige Kunstinstallation „Hommage a la Trinite“ des koreanisch-französischen Dominikanerpaters Kim En Joong ist noch bis zum 9. September im Dom zu sehen.

Die Themen der Veranstaltungsreihe „Kunst in Kürze“ und der Dienstagsvorträge sind im Internet abrufbar unter www.dioezesanmuseum-os.de.

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