Experte für Geoparks Wie Unesco-Prüfer Hartmut Escher in Ecuador über Kopf ging

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Hartmut Escher ist weltweit unterwegs, um Unesco-Geoparks zu zertifizieren. Foto: Swaantje HehmannHartmut Escher ist weltweit unterwegs, um Unesco-Geoparks zu zertifizieren. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Hartmut Escher ist nicht nur Leiter des Fachbereiches Umwelt beim Landkreis Osnabrück und Geschäftsführer des Natur- und Geoparks Terra-Vita, sondern seit einigen Jahren auch offizieller Unesco-Prüfer. Im Interview mit unserer Redaktion spricht er über die Bedeutung von Geoparks, den hausgemachten Klimawandel und eine Erfahrung in Ecuador, die er als Prüfer wohl kein zweites Mal erleben wird.

Herr Escher, verraten Sie uns, wo Sie zuletzt im Ausland waren?

Im Juli war ich in China, in einem Geopark circa 300 Kilometer westlich von Shanghai.

Sie waren also wieder beruflich im Auftrag der Unesco unterwegs. Was steckt dahinter?

Bei der Unesco gibt es drei Stätten: Die Welterbestätten, die kennt eigentlich jeder. Dazu zählen etwa der Kölner Dom oder die Pyramiden von Gizeh. Außerdem gibt es die Biosphärenreservate und seit 2015, also recht neu, die anerkannten Global Geoparks. Für die Global Geoparks wurde ein regelmäßig wiederkehrendes Zertifzierungsverfahren eingeführt, das alle vier Jahre ansteht – bei den Biosphärenreservaten alle zehn Jahre. Ein erfolgreicher Geopark erhält eine grüne Karte und darf die Auszeichnung weiter tragen. Wenn ähnlich wie beim Fußball eine gelbe Karte verteilt wird, gibt es eine zweijährige Verwarnung, in denen Verbesserungen erforderlich sind. Gibt es eine rote Karte, fliegt der Park aus dem Netzwerk raus. Im Zuge einer solchen Rezertifizierung war ich mit einer holländischen Kollegin fünf Tage in China. Es ist so, dass immer zwei Prüfer vor Ort sind, um sich ein Bild zu machen über den aktuellen Status und den Fortschritt eines Parks – einer mit einer gewissen Erfahrung und ein neuer Revalidator. Für meine Kollegin war es die erste Revalidierung.

Wie wird man denn ein offizieller "Schiedsrichter" der Unesco?

Man muss sich ganz konkret auf dieses Amt bewerben. Im Lebenslauf sollte dargestellt werden, in welcher Form man für das Geopark-Netzwerk aktiv unterwegs ist. Wir werden gefragt, ob wir bereit sind, eine solche Mission zu machen. Das ist keine Verpflichtung, aber es ist schon eine gewisse Erwartungshaltung da, weil das auch wieder Gegenstand der Reziertifierzung ist. Und dazu gehört als Teil der Netzwerkarbeit, dass man sich an solchen Dingen beteiligt. Wir müssen hinterher – und das ist immer das arbeitsintensive – Berichte schreiben und der Unesco vorlegen. Auf dieser Basis wird dann in Paris entschieden, ob ein Park eine grüne, gelbe oder rote Karte bekommt.

In Deutschland sind Sie aber nicht der einzige Prüfer...

Nein, alleine in Deutschland haben wir ungefähr sieben oder acht Auditoren. Weltweit dürften es rund 100 sein, das hängt immer ganz von der Anzahl aller Geoparks ab. Momentan haben wir 140 von der Unesco zertifizierte Geoparks. 

Ihre Tätigkeit ist ein Ehrenamt. Sie müssen Urlaub beantragen, um der Arbeit für die Unesco nachgehen zu können. Anreise und Unterkunft werden Ihnen bezahlt, die Kosten trägt immer der jeweilige Geopark. Wie häufig sind Sie pro Jahr unterwegs? 

Normalerweise trete ich eine Mission pro Jahr an, zwei sind auch schon mal möglich. Einmal haben wir in China drei auf einen Schlag besucht. Das ist dann schon ein sehr üppiges Programm.

Wie muss man sich die Arbeit vor Ort vorstellen?

Die tatsächliche Arbeit vor Ort nimmt meist drei Tage in Anspruch. Ein Tag ist reines Aktenstudium und an zwei Tagen sind wir draußen im Park. In diesem Rahmen treffen wir Akteure und kommen mit Menschen aus der Region zusammen. Natürlich ist das immer auch ein wenig selektiv, aber so in etwa ist die Verteilung. 

Haben Sie schon einmal einen Park durchfallen lassen?

Ja, es gab schon einmal eine Geschichte, wo wir in unserem Abschlussbericht eine gelbe Karte empfohlen haben. Der Bericht wird in Paris gesichtet – und dort bildet man sich ein Urteil und teilt dem Park das Ergebnis mit. 

Worauf achten Sie bei der Bewertung?

Da gibt es viele Punkte: Beispielsweise ob ein Park sich an Aktivitäten beteiligt oder er auf internationalen Tagungen aktiv ist. Macht er bei Projekten mit, inwieweit liefert er "best practice" für andere Geoparks, wie sehen die Zukunftsvisionen aus, findet eine Weiterentwicklung des Geoparks statt oder stagniert er? In diese Richtung werden viele Fragen gestellt. 

Nun sind die 140 Geoparks der Unesco auf sämtlichen Kontinenten verteilt. Von unserer Erde dürften Sie schon einige Ecken gesehen haben. Ist das auch der Reiz an diesem Amt?

Ich bin eigentlich ein normaler Mitarbeiter des Landkreises. Der Aktionsradius ist im Alltag räumlich betrachtet doch eher beschränkt. Für jemanden wie mich, der gerne in der Welt unterwegs ist, ist die Aufgabe als Auditor besonders reizvoll. Auf diese Weise öffnet einem sich plötzlich die Welt: Ich war mittlerweile im Iran, im vergangenen Jahr in Vietnam, davor in Ecuador. Ich habe viele europäische Geoparks gesehen. Einfach die Gelegenheit zu bekommen, tiefe Einblicke in fantastische weltweite Regionen und die Kulturen zu bekommen, das ist der große Reiz. Das Beispiel China: Zu sehen, wie rasant dort die ökonomische Entwicklung ist, welche technologischen Fortschritte gemacht werden, wie mit Informationen umgegangen wird. Das sind Erfahrungen, die man sonst nicht bekommt. Man kann sich nicht vorstellen, dass bei unserer Abreise schon einmal 10.000 Leute am Straßenrand standen und uns verabschiedet haben. 

Gibt es ein Erlebnis, das bei Ihren Missionen besonders im Kopf hängen blieb?

In Ecuador hat uns um sechs Uhr morgens ein Schamane auf eine Tagestour vorbereitet. Er hatte uns mit belaubten Zweigen geschlagen, damit uns kein Unglück bei der Expedition passiert. Wir sind dann mit unseren Maultieren auf einem schlammigen Weg entlang eines Vulkangürtels geritten und dabei stetig eingesunken. Mein Maultier hörte auf den Namen Pietro und lief immer vorweg. Je weiter wir den Vulkan erklommen haben, desto nebeliger wurde es und irgendwann, auf einer Höhe von 3700 Meter, bin ich kopfüber heruntergefallen. Dabei habe ich mir dann eine Rippe geprellt. Wir haben die Expedition dann abgebrochen. Das Bemerkenswerte an diesem Vorfall war, dass die Unesco im Nachgang in ihren Codes of Conduct verankert hat, dass der Geopark während der Zertifizierung dafür Sorge zu tragen hat, dass die Auditoren nicht in Gefahr gebracht werden.   

Weshalb sind Geoparks eigentlich für unsere Gesellschaft relevant? 

Die Zusammenhänge, was mit unserem Planten in der Entwicklung passiert ist oder welche Klimaveränderungen es in den Jahrmillionen Jahren gegeben hat, das können wir in Geoparks wunderbar dokumentieren – und zwar an den Gesteinen und den Erdschichten. In unserem Geopark gibt es beispielsweise den Silbersee (in Hasbergen, Anm. d. Red), wo man in ein 240 Millionen Jahre altes Wattenmeer eintauchen kann. Oder die Saurierfährten in Barkhausen, die 150 Millionen Jahre alt sind. Es gibt so viel, was zur Erklärung und Verständnis des Planeten beiträgt. Das sind alles Dinge, um die sich Geoparks kümmern, die in der Gesamtbetrachtung häufig aber vernachlässigt werden.

Wir haben kürzlich einen Extrem-Sommer erlebt. Bereitet Ihnen der Klimawandel eigentlich Sorgen?

Dass wir Menschen im Westlichen für das aktuelle Klima verantwortlich sind, ist längst bewiesen. Leider wollen das ein paar Starrnacken nicht wahrhaben. Wir können etwa an den Saurierfährten darstellen, dass wir hier einst tropische Verhältnisse hatten. Unser Planet atmet und dazu gehört eben auch der Klimawandel. Allerdings keiner, wie wir ihn jetzt als Menschen herbeiführen. Wir bekommen eine hausgemachte Klimaveränderung und darauf müssen wir reagieren. 

Wie denken Sie über Politiker wie Alexander Gauland, die den hausgemachten Klimawandel leugnen?

Ignoranz. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Es ist leider eine Tendenz, dass wissenschaftliche Erkenntnisse in gewissen Teilbereichen der Gesellschaft einfach nicht wahrgenommen werden wollen. 

Für den Natur- und Geopark Terra-Vita, dessen Geschäftsführer Sie sind, steht im kommenden Jahr die Rezertifizierung an. Für die Revalidierung hat Terra-Vita ein Budget von 6000 bis 7000 Euro. Wie profitiert eine Region und seine Landschaft von der Auszeichnung als Geopark?

Wir bezeichnen uns als Infrastrukteure und bieten die Möglichkeit, dass Bürger sich mit der Region stärker identifizieren können. Wir bieten auch ganz viele Angebote, die Touristiker vermarkten können. Wenn der Landkreis Osnabrück eine Stellenausschreibung herausgibt, beispielsweise in der NOZ, dann wird dort auch die Lage im Unesco Global Geopark hervorgehoben. Das ist ein weicher Standortfaktor und ein besonderes Qualitätsmerkmal. Wir alle wissen, dass wir qualifizierte Fachkräfte brauchen und in Konkurrenz zu anderen Regionen stehen. 



 


 

 


 



 

     


Zur Person Hartmut Escher

Hartmut Escher, 63 Jahre, arbeitet seit 1985 beim Landkreis Osnabrück. Der Vater dreier Kinder verantwortet dort den Fachdienst Umwelt und ist zugleich Geschäftsführer des Natur- und Geoparks Terra-Vita. Hartmut Escher engagiert sich weltweit ehrenamtlich als Unesco-Prüfer für Geoparks. Er ist Sprecher der sechs Unesco Geoparks in Deutschland. 

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