Tierart vom Aussterben bedroht Zoo Osnabrück gelingt erstmals Nachzucht beim Nerz

Von Viktoria Koenigs

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Zuchterfolg! Der Zoo Osnabrück freut sich über den ersten Nachwuchs bei den Europäischen Nerzen. Foto: Zoo Osnabrück/Svenja VortmannZuchterfolg! Der Zoo Osnabrück freut sich über den ersten Nachwuchs bei den Europäischen Nerzen. Foto: Zoo Osnabrück/Svenja Vortmann

Osnabrück. Der Europäische Nerz ist vom Aussterben bedroht. Deutschlandweit leben weniger als 100 Exemplare in freier Wildbahn. Dem Zoo Osnabrück ist jetzt in Zusammenarbeit mit dem Verein Euronerz bei dieser Tierart erstmals eine Nachzucht gelungen.

Mitte Juli meldete der Zoo Osnabrück die Geburt von mindestens zwei Nerzen. Inzwischen steht fest: Es sind sogar vier, vielleicht auch noch mehr. Für die Erhaltungszucht und das damit verbundene Wiederansiedelungsprogramm von Euronerz in jedem Fall ein großer Wurf.

Nackt, blind, winzig

Flink huschen die Jungtiere durch ihr Gehege, das sie sich am Schölerberg im Bereich „Kajanaland“ mit den Waschbären teilen. Kaum größer als ein kleiner Finger kamen die Nerze hier zur Welt, außerdem nackt und fast blind. Erst nach vier Wochen öffneten sie die Augen. Während dieser Zeit wurden die kleinen Marder von der Mutter besonders stark beschützt und verließen ihre Wurfbox so gut wie gar nicht. Deswegen seien sie auch so schwer zu zählen, sagt Zoosprecherin Lisa Josef. „Irgendeiner versteckt sich immer.“

Lebensraum zerstört

Der Europäische Nerz gilt nach den Kriterien der Weltnaturschutzorganisation IUCN als vom Aussterben bedroht. Das hat vor allem drei Gründe: Erstens haben Menschen ihn lange wegen seines flauschigen Pelzes gejagt. Durch Flussbegradigungen und Uferrodungen zerstörten sie außerdem seinen natürlichen Lebensraum. Drittens macht dem Europäischen Nerz die übermächtige Konkurrenz durch freigelassene oder entlaufene Farmnerze (Amerikanische Minks) zu schaffen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die heimische Art beinahe ausgerottet. Mittlerweile gibt es laut Euronerz deutschlandweit in menschlicher Obhut nur noch etwa 100 Europäische Nerze, größtenteils in Zoos.

Wiederansiedelung am Steinhuder Meer

Darüber hinaus findet man sie in Deutschland nur in Wiederansiedlungsgebieten wie etwa am Steinhuder Meer, die durch gezielte Nachzucht bevölkert wurden. Die genaue Anzahl der Nerze dort ist unklar. Angaben des Osnabrücker Zoos zufolge lässt sich aber sicher sagen, dass deutlich weniger Nerze in freier Wildbahn leben als in menschlicher Obhut. Insgesamt schätzt Euronerz die Population der Tiere im Freiland auf ungefähr 15.000. „Davon leben etwa 10.000 in Russland und 5000 in Südspanien und Nordfrankreich“, sagt Vorsitzender Wolfgang Festl, der auch Tierpfleger im Zoo Osnabrück ist. (Weiterlesen: Züchten und auswildern – Zoo Osnabrück hat ein Herz für den Nerz)

Wählerische Einzelgänger

Für die Arterhaltung sei deswegen eine koordinierte Zucht sehr wichtig. Allerdings gestaltet die sich beim Nerz alles andere als einfach. Denn die seltenen Tiere sind Einzelgänger und bei der Partnersuche extrem wählerisch.

Um die passenden Tiere zusammenzubringen, versammelt Euronerz alle zuchttauglichen Nerze zur Paarungszeit in seiner Station in Hilter. Anhand einer Datenbank wird „auf wissenschaftlicher Grundlage entschieden, welche Tiere in der Theorie gut zusammenpassen“, erklärt Festl. „Anschließend schauen wir, ob die beiden sich auch in der Praxis gut verstehen und verpaaren.“

Kooperation mit Zoos

Getrennt durch ein Gitter, nehmen die Auserwählten miteinander Kontakt auf. Harmonieren sie nicht, sucht der vor 20 Jahren in Osnabrück gegründete Verein für jeden einen neuen Partner. Wenn die Tiere sich jedoch paaren, reisen die Nerzweibchen vorübergehend in kooperierende Zoos, wo sie hoffentlich Junge bekommen und aufziehen. Später nimmt Euronerz den Nachwuchs zurück – jedes Jahr zwischen 30 und 60 Jungtiere. Ein Teil davon wird ins Freie entlassen, der Rest für die weitere Zucht genutzt. (Weiterlesen: Deutschlands vorletzte Nerzfarm im Landkreis Osnabrück stellt Betrieb ein)

Nachwuchs bleibt bis

Der Osnabrücker Zoo beteiligt sich an diesem Projekt seit 2011, indem er jedes Jahr im Winter einen männlichen, zuchtunfähigen Nerz aufnimmt und im Sommer ein verpaartes Weibchen (Fähe). Zu einer Geburt kam es in den vergangenen Jahren jedoch nie – bis jetzt.

Wie der Zoo auf Anfrage unserer Redaktion mitteilte, soll die neue Nerzfamilie mindestens bis Mitte September am Schölerberg bleiben, bevor sie wieder an Euronerz übergeben wird. Bei der täglichen Fütterung um 15 Uhr haben Besucher die besten Chancen, die gesamte Nerzfamilie zu erspähen.


Europäischer Nerz

Der Europäische Nerz gehört zur Familie der Marder. Sein dichtes Fell ist gleichmäßig schokoladenbraun gefärbt, nur Schnauze und Kinn sind weiß. Nerze besiedeln dicht bewachsene, naturnahe Ufer von Fließ- und Stillgewässern sowie Sümpfe und Bruchwälder. Da sie strenge Einzelgänger sind, besetzen sie jeweils ein eigenes Revier. Der Speiseplan des Nerzes umfasst kleine Säugetiere, zum Beispiel Mäuse, außerdem kleinere Fische, Amphibien, Vögel, Wasserinsekten und Krebse.

Der Europäische Nerz wird etwa 28 bis 43 Zentimeter groß und 400 bis 900 Gramm schwer. Nach einer Tragzeit von etwa 42 Tagen bringt er zwei bis acht Jungtiere in einem Erdbau zur Welt. Ursprünglich war der Europäische Nerz in ganz West-, Mittel-, und Osteuropa verbreitet, bis er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem durch die Verschlechterung des Lebensraums und des Nahrungsangebots praktisch ausgestorben ist. Außerdem wurden auf europäischen Pelztierfarmen Amerikanische Nerze (Minks) gehalten, die dort ausbrachen oder freigelassen wurden. Da diese widerstandsfähiger sind als die Europäischen Nerze, verdrängten sie sie aus ihrem Lebensraum. Heute gehört der Europäische Nerz zu den am stärksten bedrohten europäischen Säugetierarten.

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