Ursachen des Stotterns nicht geklärt Osnabrücker Selbsthilfegruppe: Wenn das Sprechen stolpert

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Die Ursachen des Stotterns sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Etliche Theorien halten psychologische Faktoren für ursächlich, andere gehen von genetischen Ursachen aus. Foto: dpaDie Ursachen des Stotterns sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Etliche Theorien halten psychologische Faktoren für ursächlich, andere gehen von genetischen Ursachen aus. Foto: dpa

Osnabrück.. Ein Prozent aller Menschen, also etwa 800.000 Menschen in Deutschland, stottern. In Osnabrück gibt es eine Selbsthilfegruppe (SHG) für sie.

Stottern ist eine Sprechbehinderung, die durch häufige Unterbrechungen des Sprechablaufs oder durch Wiederholungen von Lauten, Silben und Wörtern gekennzeichnet ist. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. „Jeder Stotterer stottert anders“, meint Georg Klippel, der die SHG seit vielen Jahren leitet. Während bei einigen Betroffenen Blockierungen und Pausen charakteristisch seien, zeigten sich andere als „Schnellsprecher“ oder „Dehner“. Klippel selbst spricht übrigens flüssig. Dazu später mehr.

Die Ursachen des Stotterns sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Etliche Theorien halten psychologische Faktoren für ursächlich, andere gehen von genetischen Ursachen, von motorischen Fehlfunktionen oder einer Beeinträchtigung der Sprachverarbeitungsprozesse im Gehirn aus. Auch eine Kombination aus mehreren Faktoren scheint möglich. Entsprechend der Vielfalt der Ursachen gibt es eine Vielzahl an Therapien.

Kippel „spontangeheilt“

Während Kinder vor der Pubertät noch eine große Chance auf Besserung der Symptome oder vollständige Heilung haben, werde dies im Erwachsenenalter schwer erreichbar. Gleichwohl sei eine Besserung in jedem Alter mit und ohne Therapie möglich. Georg Klippel bezeichnet sich selbst als „spontangeheilt“. Sein Stottern begann im frühen Kindesalter. In der Familiengeschichte werde dafür ein Unfall, bei dem sich der Dreijährige mit heißem Kaffee verbrühte, verantwortlich gemacht. Später sei ihm aber klar geworden, dass eine übertriebene „Reinlichkeitserziehung“, zu der sich seine Großmutter im hohen Alter bekannte, wohl eher als Auslöser zu betrachten sei. So wie beim Toilettengang der „Output“ kontrolliert worden sei, habe sich das für ihn auch bei der „geistig-sprachlichen Verdauung“ angefühlt. „Die Blockade beim ersten öffentlichen Toilettengang (Paruresis, engl. shy bladder) glich vom Empfinden her der Blockade beim Stottern (engl. dysfluency, stuttering) wie ein Ei dem anderen“, erinnert sich Klippel.

Stotternde Menschen seien nicht weniger intelligent als ihre Mitmenschen, sie hätten auch keinen Mangel an Worten, es sei einfach eine Sprechbehinderung. Aber früher, und teilweise auch heute noch, würden sie deswegen gehänselt. Im Gymnasium sei er aus Furcht vor der Sprechstörung weitgehend stumm geblieben. Sein Wissen habe er manchmal flüsternd dem Banknachbarn mitgeteilt, der dann die Lorbeeren einkassierte. Mehr als zwei Sätze habe er nicht flüssig sprechen können. Es sei verpönt gewesen, dem Stotterer das Wort aus dem Mund zu nehmen, aber er würde es als Erleichterung empfunden haben. Hinzu kam die Angst vor dem Erröten. Eine Therapie Mitte der 1950er Jahre – „überlegen, einatmen, langsam sprechen, binden!“ –habe ihm nichts gebracht.

Gedichte gegen das Stottern

Einen Ausweg für seinen Drang, sich mitzuteilen, fand er im Schreiben von Gedichten. Reim und Rhythmus erleichterten es ihm, seine Botschaften zu formulieren. Mehr als zehntausend Gedichte habe er inzwischen geschrieben, davon etwa tausend zum Thema Stottern. Als er einmal mit einer jungen Kollegin ins Gespräch kommen wollte, übermittelte er ihr zu ihrem Geburtstag ein Gedicht. Eine Reaktion blieb jedoch aus. Auch im Folgejahr kam keine Rückmeldung. Als er im dritten Jahr im Vorübergehen gleich zwei Gedichte ankündigte, schaffte es die schüchterne junge Dame, mit drei knappen Worten zu antworten: „Ich mag Gedichte“. Diese unter Erröten vorgebrachte Erklärung habe bewirkt, dass bei ihm „der Knoten geplatzt“ sei. Von Stund an habe er gewusst, dass er vom Stottern endgültig und restlos befreit sei. Es sei eine „Spontanheilung“ gewesen. Und er habe die Gewissheit gespürt, niemals wieder einen Rückfall erleiden zu müssen.

Insofern hätte er eigentlich keinen Grund gehabt, in die Selbsthilfegruppe zu gehen. Aber er wollte mehr erfahren, die immer noch rätselhafte Sprechstörung besser ergründen. In der SHG gibt es Informationen und Erfahrungsaustausch. Gelegentlich werden Logopäden oder andere Fachleute eingeladen, zudem gibt es Kontakt zur Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe und den Landesverbänden, die überregionale Seminare und Treffen und unter anderem auch eine „Junge Sprechgruppe Flow“ für 16- bis 29-Jährige anbieten. Und er weist auf eine Veranstaltung des Literaturbüros Westniedersachsen hin: Der Autor Gerd Riese wird am 30. August im Ledenhof sein Buch „Mein Weg. Biografische Gespräche mit stotternden Menschen“ vorstellen.

Die SHG trifft sich jeden ersten und dritten Donnerstag im Monat von 19 bis 21 Uhr im Haus der Gesundheit, Hakenstraße 6, in Osnabrück. Kontakt: Georg Klippel, Telefon: 0541 - 47 332, Mail: georg.klippel@web.de, weitere Infos unter www.bvss.de.


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