Ruf nach "Hauswirtschafts-Führerschein" Osnabrücker Professorin: Jugendliche sind Nieten im Haushalt

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Kochen will gelernt sein: Studenten der Ökotrophologie im Wabe-Zentrum in Haste. Foto: Hochschule Osnabrück/Oliver PrachtKochen will gelernt sein: Studenten der Ökotrophologie im Wabe-Zentrum in Haste. Foto: Hochschule Osnabrück/Oliver Pracht

Osnabrück. Kaum ein Jugendlicher weiß, wie man vernünftig einkauft, mit frischen Zutaten kocht, wäscht, die Wohnung sauber hält und ein Haushaltsbuch führt. Sagt Elisabeth Leicht-Eckardt, Osnabrücker Hochschulprofessorin für "Haushalts- und Wohnökologie" und Organisatorin des Europäischen Hauswirtschaftskongresses Ende August am Campus Haste.

Am 30. und 31. August 2018 treffen sich – erstmalig in Deutschland – in der Hochschule Osnabrück knapp 100 Experten aus mehr als zehn Ländern zur europäischen Hauswirtschaftskonferenz. Im Interview mit unserer Redaktion kritisiert die Organisatorin Elisabeth Leicht-Eckardt, Professorin für "Haushalts- und Wohnökologie" an der Hochschule Osnabrück, mangelnde hauswirtschaftliche Fähigkeiten der jungen Generation und verrät, warum ein Ökotrophologie-Studium mit hauswirtschaftlichem Schwerpunkt beste Berufsaussichten bietet. 

Frau Leicht-Eckardt, zunächst eine ganz banale Frage: Studiert man eigentlich Hauswirtschaft oder Ökotrophologie?

Hauswirtschaft ist zunächst der Titel für die praktische dreijährige Berufsausbildung. Der Name unseres Studienfachs, Ökotrophologie, setzt sich zusammen aus drei griechischen Worten: oikos – das Haus oder Haushalten, trophos – die Ernährung und logos – die Wissenschaft. Man studiert also Haushalts- und Ernährungswissenschaft.

Elisabeth Leicht-Eckardt, Professorin an der Hochschule Osnabrück, organisiert die Europäische Hauswirtschaftskonferenz 2018 am Campus Haste. Foto: Hochschule Osnabrück

Warum ist es wichtig, dafür ein Studienfach zu haben?

Zum einen: Wir bilden hier in Osnabrück Lehrkräfte – wir haben nur wenige männliche Studenten – aus, die Hauswirtschaft an Berufsbildenden Schulen unterrichten. Es werden mehr Absolventinnen und Absolventen mit haushaltswissenschaftlichen Kompetenzen gesucht als ausgebildet. Zum anderen: Es gibt einen  großen Bedarf an Menschen, die sich im Bereich Hauswirtschaft auch in der Theorie auskennen. Zum Beispiel mit Hygienevorschriften und wie sie in der Praxis umzusetzen sind, mit ökonomischen Fragen rund um den Haushalt, mit sozialen Fragen und natürlich auch mit Gesundheit und Nachhaltigkeit. Wir bieten einen multidisziplinären Studiengang, der sehr gefragt ist. Heute noch mehr als früher, weil die Herausforderungen größer geworden sind.

Welche Herausforderungen sind das?

Viele. Das fängt damit an, dass junge Leute heute kaum noch hauswirtschaftliche Kompetenzen von Zuhause mitbringen. Wie man vernünftig einkauft, mit frischen Zutaten kocht, wäscht, die Wohnung sauber hält, ein Haushaltsbuch führt – das weiß kaum ein Jugendlicher. Und woher sollen sie es dann können, wenn diese Jugendlichen einen eigenen Haushalt führen? Da geht sehr vieles schief, auch finanziell, was nicht sein müsste. Deshalb fordern wir, dass man zumindest auf der Ebene von Profilfächern oder AGs so etwas wie Hauswirtschafts-Führerscheine an allen Schulformen erwerben kann. Haushaltsführung ist eine Form von modernem Management – besonders, wenn man begrenzte Ressourcen hat.

Osnabrücker Hochschulstudenten der Ökotrophologie bei der Käseherstellung in der Laborküche. Foto: Hochschule Osnabrück/Oliver Pracht

Also eine Aufgabe für Schulen?

Ja, genauso wie die Schulverpflegung ein großes Thema bei uns ist. Im Sinne von bedürfnis- und bedarfsgerechter Ernährung, aber auch von Wirtschaftlichkeit der Schulkantinen. Bei uns ist das Schulessen ja nicht verpflichtend. Das heißt: Mal kommen mehr, mal weniger Schüler und Lehrer. Die Kantinen können die Mengen kaum kalkulieren, oft sind die Anzahl der Essensgäste auch zu klein, um mehrere verschiedene Menüangebote zu machen. Dann soll es auch noch frisch gekocht und „gesund“ sein. Und billig. Das funktioniert so aber nicht. Da können wir beispielsweise von Finnland lernen. Übrigens ein Grund, weshalb wir uns auf europäischer Ebene treffen: um voneinander zu lernen.

Gibt es weitere Aufgabenfelder außerhalb von Schule?

Zum Beispiel das Alter. Alle reden von der Pflege und ihrer Bezahlbarkeit. Genauso problematisch ist aber, dass viele alte Leute mit ihren Haushalt nicht mehr zurechtkommen. Was hilft es, wenn die Pflegekraft Tabletten verteilt, aber die Hygiene nicht mehr stimmt, weil die Wohnung versifft? Was hilft Essen auf Rädern, wenn Menschen mit Demenz die verschweißte Verpackung nicht aufbekommen, nichts zum Essen trinken und Vorräte im Kühlschrank vor sich hin gammeln? 

"Hauswirtschaft wird besonders gern unterschätzt"Prof. Dr. Elisabeth Leicht-Eckardt

Das Zusammenspiel von Pflege und Unterstützung im Haushalt ist ein sehr vernachlässigtes Feld. So langsam gibt es in der Politik, auch hier in Niedersachsen, dafür Ansätze, aber da muss noch viel wachsen – und wir aus der Haushaltswissenschaft sind dafür da, das durch anwendungsbezogene Forschung voranzutreiben. Auch zum Beispiel, indem wir von unseren dänischen Kollegen lernen, die da schon viel weiter sind.

Dafür, dass es so viele Aufgaben gibt, hört man öffentlich wenig von der Haushaltswissenschaft.

Das stimmt, da haben wir Nachholbedarf. Die europäische Konferenz ist da jetzt mal ein kleiner Schritt. Aber es hat auch damit zu tun, dass Dienstleistungen derzeit allgemein wenig wertgeschätzt und schlecht bezahlt werden. Da bekommt man schnell ein schlechtes Image. Und die Hauswirtschaft wird besonders gern unterschätzt, so nach dem Motto: Da wurschteln wir uns schon durch. Dass eine ökonomisch und ökologisch professionelle Hauswirtschaft ihr Geld wert ist, das wird viel zu selten gesehen.

Würden Sie jungen Leuten trotzdem empfehlen, das Fach zu studieren?

Unbedingt. Es ist ein Fach mit Zukunft, mit tollen Jobaussichten. Es ist sehr vielfältig, hat mit Nachhaltigkeit zu tun, mit Verpflegung und einem guten Wohnklima. Alles Themen, die anderen nützen – aber auch einem selbst.


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