Gestrandet in Wallenhorst Gianni Mucignat – ein Italiener mit „Eis und Seele“

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Wallenhorst. Was ist Heimat? Es gibt viele Antworten auf diese Frage. Eine lautet: Gianni Mucignat ist ein Stück Heimat – in Wallenhorst, in Osnabrück, im Osnabrücker Land. Der italienische Eiskonditor mit überregionaler Bekanntheit hat schon viele lukrative Angebote ausgeschlagen, woanders ein Geschäft zu eröffnen. Eine Karriere, die 1978 als Tellerwäscher in Osnabrück begann ...

Es gibt Tage im Leben, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Schöne Tage. Traurige Tage. Turbulente Tage. Für Gianni Mucignat gehört der 14. Februar 1978 zu den unauslöschlichen Daten. Blicken wir also mehr als 40 Jahre zurück: Schnee, Minustemperaturen, ein eher trister Dienstag. Der Fußballstar Johan Cruyff erklärt an jenem 14. Februar 1978 seinen Rücktritt aus der niederländischen Nationalmannschaft, in Deutschland beherrscht Ex-Beatle Paul McCartney mit seiner neuen Band Wings und dem Song „Mull of Kintyre“ die Hitlisten – und in Osnabrück strandet ein junger Italiener namens Gianni Mucignat. Vor wenigen Wochen erst 16 Jahre alt geworden, beginnt der Teenager im Norden Deutschlands ein neues Leben.

Als Siro Roncadin anklopfte

Alles fremd, alles neu. Weit weg von seiner Familie, die im rund 1400 Kilometer entfernten Fratte lebt. In einem dieser Dörfer, in dem jeder jeden kennt. Ein Stück Heimat eben. Zu der Zeit haben die Menschen in der Region jedoch auch mit den Folgen eines schweren Erdbebens zu kämpfen. Eine Ausbildung zum Elektromechaniker kann Gianni nicht beenden, weil in den zerstörten Schulgebäuden kein Unterricht mehr stattfinden kann. Der Junge schlägt sich durch, will dafür sorgen, dass seine Familie nicht Not leiden muss – und arbeitet als Helfer in einer Lampenfabrik, später in einer Tischlerei.

Eines Abends bekommen die Mucignats Besuch von Siro Roncadin. Genau, einer aus der „Eisfamilie“ Roncadin, die ebenfalls in der Region ihre Wurzeln hat und in Deutschland schon längst Geschäfte macht. Siro Roncadin sucht Arbeitskräfte für sein Unternehmen in Osnabrück. Ein Job für den jungen Gianni? Mama Ermelinda ist skeptisch. Papa Antonio sieht eine Chance für seinen Jungen: „Aber wenn Du gehst, dann gehst Du richtig“, gibt der Chef des Hauses seinem Sohn klare Vorgaben. Das Motto: „Mitfahren und durchbeißen“. Womit wir wieder beim 14. Februar 1978 sind. Dem Tag der Ankunft von Gianni in Osnabrück. Mitten im Winter, das Eisgeschäft liegt noch einige Wochen auf Eis. Und deswegen macht sich der Italiener für andere Roncadin-Projekte nützlich, um schon mal Geld zu verdienen. Als Bauhelfer an der Martinistraße in Osnabrück, wo eine Pizzeria und ein weiteres Restaurant entstehen sollen. Gianni arbeitet auch als Tellerwäscher und Küchenhelfer. Im April 1978 darf er endlich das machen, was ihm am meisten Spaß bereitet. Er ist die Attraktion auf der Großen Straße in Osnabrück, wenn er von morgens bis abends Eis verkauft. Die Roncadin-Brüder stellen ihm dafür eine fahrbare Eisgondel zur Verfügung. Zwischendurch wird er vom Personal des damaligen Straßencafés vor dem Modehaus L&T mit Nachschub versorgt. Gianni wird zu einem Repräsentanten der Großen Straße. Die Menschen lieben ihn, plaudern mit ihm und lassen sich das Eis schmecken. Eine Kugel für 20 Pfennig. Wenn der Gondoliere mal in den Urlaub in die Heimat fährt, bekommt er viele Mitbringsel von den umliegenden Geschäftsleuten geschenkt: eine Schallplatte von Rohlfing, Socken von L&T-Chef Dieter Rauschen, Shampoo von Friseur Becker und, und, und…

Eröffnung an einem Sonntag

Im April 1982 – Gianni Mucignat ist inzwischen 20 Jahre alt – verhelfen ihm die Roncadin-Brüder zur Selbstständigkeit. Ab sofort ist der Mann aus dem kleinen Fratte Unternehmer mit einer Eisgondel in Osnabrück. Sein Traum, irgendwann einmal eine eigene Existenz aufbauen zu können, wird Realität und weiter mit Leben gefüllt. Wiederum von den Roncadins gefördert, eröffnet der Italiener am 27. März 1983 eine Eisdiele in Wallenhorst. „Das war an einem Sonntag. In einer Gemeinde, von der ich vorher noch nichts gehört hatte.“ Die Eisgondel verschwindet irgendwo in den Roncadin-Betriebshallen, der Gondoliere verliert sie über die Jahre aus den Augen und aus dem Sinn. Bis. Ja, bis? Einen Moment noch…

Der „Gianni-Weg“ läuft ab 1983 zunächst unter dem Namen „Adria“ weiter, weil in früheren Jahren auch die Eisgeschichte der Roncadins mit dem Namen „Adria“ Fahrt aufgenommen hatte. Gianni Mucignat ist jedenfalls fortan nicht mehr aus Wallenhorst wegzudenken. Jeden Kunden verabschiedet er mit seinem unverwechselbaren „Bis morgen“. Und ja, die meisten kommen auch immer wieder. Als Kind, dann als Mama oder Papa und später auch als Oma oder Opa. 1996 zieht er ins Zentrum der Gemeinde in ein größeres Ladenlokal. „Adria“ ist Geschichte, „Gianni“ ist längst eine Marke. Zwischendurch stellt er den heute immer noch gültigen Weltrekord im Eiskugelnstapeln auf: 539 Kugeln auf einem Hörnchen, weswegen er zum Dauergast in vielen TV-Sendungen wird – bei Michael Schanze, Wolfgang Lippert oder Ilona Christen. Noch heute bekommt er regelmäßig Anfragen von Redakteuren, die ihn in eine TV-Show holen möchten. „Ich habe aber keine Zeit, ich muss für meine Kunden in Wallenhorst da sein.“ Die Arbeit und die Eisproduktion in seinem Hauptgeschäft fordern ihn rund um die Uhr, es bleibt keine Zeit für derartige Ausflüge. Diese verflixte Zeit. Dem Unternehmer wird nach 40 Jahren leider auch bewusst, dass ein Familienleben mit seinen mittlerweile vier Kindern so gut wie nie stattgefunden hat. Der bittere Preis des Erfolgs. Eine eigene Geschichte, in dieser Story kann das Thema nur ein Randaspekt sein.

Eisgondel wieder aufbereitet

Zurück zur Eisgondel. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ja, aber nicht für die Ewigkeit. Als Gianni Mucignat dieses Erinnerungsstück schon längst auf einem Schrottplatz verortet, trifft der Eiskonditor einen alten Bekannten wieder, mit dessen Hilfe er die eingemottete Eisgondel aufspürt. Und klar, jetzt steht das gute Stück wieder bei seinem 1978er-Gondoliere. Hergerichtet und betriebsbereit. „Ich lasse mir etwas für die nächste Saison einfallen.“ So, wie er sich jedes Jahr etwas Neues einfallen lässt. „Für Wallenhorst – dort, wo ich meine Eis-Karriere irgendwann beenden werde.“ Sein Herz schlägt nun mal für und in Wallenhorst. Über das Karriereende wollen wir hier und jetzt keine weiteren Worte verlieren. Schließlich wird der Mann mit „Eis und Seele“ erst 57 Jahre alt…


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