Zeitzeugen im „Labor Europa“ Jugendliche aus 16 Ländern diskutieren mit Senioren

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Kriegserlebnisse und Friedensbemühungen bestimmen den Dialog von jungen Erwachsenen aus 16 europäischen Ländern und Osnabrücker Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs im Kulturgeschichtlichen Museum. Foto: Joachim Dierks.Kriegserlebnisse und Friedensbemühungen bestimmen den Dialog von jungen Erwachsenen aus 16 europäischen Ländern und Osnabrücker Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs im Kulturgeschichtlichen Museum. Foto: Joachim Dierks.

Osnabrück. Derzeit sind 50 junge Erwachsene aus 16 europäischen Ländern in Osnabrück zu Gast, um sich im „Labor Europa“ zu Geschichte, Gegenwart und Zukunft Europas auszutauschen und gemeinsamen europäischen Werten nachzuspüren. Die Teilgruppe „Geschichte“ traf sich jetzt mit Osnabrücker Zeitzeugen des letzten Krieges.

Die passende Bühne dafür bot das Kulturgeschichtliche Museum mit dem Gesprächskreis „Kriegskinder und Kriegsenkel“, dessen Teilnehmer überwiegend den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben und die im Dialog auch mit jüngeren Generationen die Erinnerungen verarbeiten und gleichzeitig wachhalten wollen. Moderator Thorsten Heese stellte zunächst eine Gemeinsamkeit heraus, die etliche junge Europäer mit den Osnabrücker Senioren teilen: Sie sind auch „Kriegskinder“, indem sie etwa die kriegerischen Auseinandersetzungen im früheren Jugoslawien, im Kaukasus oder in der Ukraine mitbekommen haben.

Geräusche transportieren Erlebnisse

Im Gespräch zeigen sich dann auch durchaus Parallelen. Eine Osnabrückerin schildert, dass das Heulen der Luftschutzsirenen sich derart in ihr Unterbewusstsein eingegraben habe, dass bei jedem aktuellen Sirenenton die Schreckensbilder der Bombennächte zurückkehren. Eine junge Dame aus der Ukraine berichtet, wie sie 2014 die Gefechte um den Donezker Flughafen in Sicht- und vor allem Hörweite mitbekommen hat. Gleichzeitig ging ein Gewitter nieder. Geschützdonner und Gewitterdonner hätten sich für sie untrennbar vermischt. Seitdem bekomme sie bei jedem Gewitter Angstzustände. Wie sehr bestimmte Geräusche Erinnerungen transportieren und traumatische historische Erfahrungen freisetzen können, bestätigen auch andere in der Runde.

Terrorangriff auf das Bataclan

Eine junge Französin hat die Terrorangriffe auf das Bataclan-Theater und vier weitere Ziele in Paris im November 2015 miterlebt, bei denen es 130 Tote und Hunderte von Schwerverletzten gab. Das war für sie ein Schockerlebnis, „wie Krieg“. Wenn sie jetzt Sirenen von Polizeifahrzeugen hört und Ansammlungen von Uniformträgern mit vorgehaltener Waffe sieht, schießt ihr als erstes durch den Kopf: Ist das der Krieg? Ist das jetzt der nächste Terrorangriff?





 Bei Yurii aus der Ukraine hat sich das Geräusch eingebrannt, wie Aufständische Gehwegplatten zerschlugen, um daraus handliche Wurfgeschosse zu machen, und wie diese Steine anschließend gegen die Schutzschilde der Ordnungskräfte klatschten – immer und immer wieder, über Stunden.

Aus Kriegen lernen

Der zweisprachig geführte Austausch – Museumsmitarbeiterin Laura Miete übersetzt die deutschen Wortbeiträge ins Englische und umgekehrt – verläuft zunehmend zwangloser. Beide Seiten haben keine Scheu, auch sehr persönliche Empfindungen mitzuteilen. Die Gäste fragen zum Beispiel: „Wie haben Sie die Bombennächte erlebt?“, „Wie haben Ihre Eltern Ihnen erklärt, wozu es Krieg gibt?“, oder „Wann haben Sie richtig verstanden, was Krieg eigentlich bedeutet?“, und sie bekommen schnörkellose Antworten. Ein Osnabrücker Senior fasst seine Empfindungen so zusammen: „Ich kann es nicht begreifen, dass es immer noch Kriege gibt, dass die Menschen aus der Vergangenheit nichts lernen.“ Eine Dame pflichtet ihm bei: „Jeder Krieg kennt doch nur Verlierer, schaut euch die großen Feldherrn an, sei es Napoleon, sei es Hitler.“ 





Einig ist man sich in der Runde, dass alle aus der teils kriegerischen Vergangenheit für ein friedliches Europa lernen sollten. Dabei helfe die Kenntnis der europäischen Geschichte mit dem unseligen Einfluss der Nationalismen. Und es müsse die Einsicht wachsen, dass Frieden und Wohlstand nicht selbstverständlich seien. Der spanische Philosophiestudent Miguel Aliranguez López bedankt sich abschließend bei den Osnabrücker Zeitzeugen für die authentischen Einblicke in ihre Vergangenheitserlebnisse und wünscht sich mehr von solchen Dialogen auf allen Ebenen.


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