Die Kunst des Zuhörens „The Listeners“ haben in Osnabrück ein Ohr für die Besucher

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Gekonnt zuhören: „The Listeners“mit dem Künstler Ernesto Pujol im Friedenssaal im Rathaus Osnabrück. Foto: David EbenerGekonnt zuhören: „The Listeners“mit dem Künstler Ernesto Pujol im Friedenssaal im Rathaus Osnabrück. Foto: David Ebener

Osnabrück. Performance-Teilnehmer des Projekts „Labor Europa“ leihen Besuchern im Osnabrücker Rathaus am Samstag ihr Ohr. Ernesto Pujol, Performance-Künstler aus Kuba, der sich selbst als „Gesellschaftschoreograf“ bezeichnet, lässt seine „Listeners“ lauschen, derweil die Besucher zu sprechenden Akteuren werden.

Wer möchte nicht gern mal erzählen, welche Erfahrungen er mit Europa gemacht hat und welche Wünsche er an die Zukunft Europas hat. Wer das Bedürfnis hat, seine Meinung zur EU einmal nicht im Familienkreis oder am Stammtisch zu äußern, der ist am kommenden Samstag herzlich eingeladen, in den Friedenssaal des Rathauses zu kommen. Dort trifft er auf „Die Zuhörenden“, eine Gruppe von sechs bis acht Personen, die den Besuchern vom Sonnenaufgang bis Mitternacht ihr Ohr leihen.

„The Listeners“ nennt sich die Performance, die Teil des Projekts „Labor Europa“ ist. Insgesamt 50 junge Europäer zwischen 18 und 25 Jahren wurden eingeladen, sich eine Woche lang entweder mit der Geschichte Europas, mit Musik, der bildenden Kunst oder mit Medien und Games kreativ zu beschäftigen. Oder eben mit der Kunst der Performance. „Die Erfahrungen, die ich hier mache, werden mein Leben prägen“, sagt Ester Davanzo. Die 20-Jährige aus einem Ort bei Venedig studiert in Trient Politikwissenschaften. Absichtlich hat sie sich für den Bereich Performance im „Labor Europa“ beworben: „Ich wollte etwas mit Kunst machen, denn mit Politik beschäftige ich mich ausreichend wegen meines Studiums.“ Jetzt wird die Italienerin in Osnabrück zur Zuhörenden.

Seit vergangenem Sonntag versuchen die Teilnehmer des Labors zunächst, in sich hineinzuhören. „Nur wer in sich selbst hineinhört, kann auch anderen zuhören“, sagt Ernesto Pujol. Er ist der Ideengeber, der von der Kunsthalle und dem Theater Osnabrück eingeladen worden war, das Performance-Labor zu leiten. Pujol ist in Osnabrück kein Unbekannter. Vor zwei Jahren realisierte er in der Kunsthalle die Performance „Systems of Weight“. Damit lud der kubanische Künstler Teilnehmer ein, sich 41 Stunden mit den Bürden und Lasten zu beschäftigen, die ein jeder mit sich herumträgt. Jetzt beschäftigt ihn die soziale Praxis des Redens und des Zuhörens.

Pujol war selbst Schweigemönch

„Der Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses ist ein idealer Ort, um unser Zuhör-Experiment durchzuführen“, betont Pujol. Die historische Bedeutung als Platz, an dem der Westfälische Frieden verhandelt wurde, mache ihn zu einem Symbol, einem ruhigen, friedvollen Raum. Offenbar hat Pujol eine besondere Beziehung zu Ruhe, Schweigsamkeit und Kommunikation, denn er war Schweigemönch, bevor er aus der Kirche austrat und sich während eines Kunststudiums als Sozialarbeiter betätigte. Er versteht sich als „Gesellschaftschoreograf“, der in den Köpfen der Menschen etwas auslösen will.

Dieser Hintergrund hinterlässt jetzt Spuren bei den Teilnehmern des Labors. „Ich bin so froh, dass ich mich für dieses Projekt beworben habe, denn ich versuche schon seit einiger Zeit, mich von dieser schnellen, schrillen und lauten Welt zurückzuziehen“, erzählt Selin Dursun aus Istanbul. Sie gehört zwar zu all den jungen Leuten, die mit dem Smartphon in der Hand den Kontakt zur Außenwelt pflegen, aber: „Ich versuche, den Gebrauch zu reduzieren. Es fällt mir zwar schwer, aber es funktioniert“, so die türkische Teilnehmerin. Die Zugehörigkeit zu „The Listeners“ habe sie jedenfalls in ihrer Meinung bestärkt, ruhig mal abzuschalten und zuzuhören.

Aus Rumänien, Italien und der Türkei stammen die sechs jungen Frauen, die jetzt Zuhör-Laboranten wurden. Sie sind aber nicht die Einzigen, die sich an dem Projekt beteiligen. Zwölf „Listeners“ kommen aus Osnabrück und anderen Orten Deutschlands und haben bereits an Pujols Performance vor zwei Jahren teilgenommen oder sind damals auf den Künstler aufmerksam geworden.

Künstler Ernesto Pujol arbeitet mit Jugendlichen im „Labor Europa“ zusammen. Foto: David Ebener

„Alles um uns herum läuft auf Höchstgeschwindigkeit. Das muss ein Ende haben, sonst überdreht unsere Welt“, meint Alessia Zeni aus Trient. Sie ist der Überzeugung, dass es den Menschen immer schwerer fällt, einander zuzuhören. Daher sei es auch kein Wunder, dass sie sich kaum noch verstünden. Sie habe allerdings festgestellt, dass sie selbst aufgrund ihrer Teilnahme an dem Performance-Labor schon sehr viel ruhiger geworden ist.


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