„Bedarf wird dadurch nicht gedeckt“ Altenpflege in Region Osnabrück kritisiert Spahns Sofortprogramm

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Die Caritas- und Diakonie-Altenpflege in der Region Osnabrück bewerten das geplante Pflege-Sofortprogramm des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) als „nicht ausreichend“. Bei der Diakonie würden durch das Programm nur 14,5 zusätzliche Stellen in Seniorenheimen in der Region geschaffen, die Caritas geht von rund 20 neuen Stellen in ihren stationären Einrichtungen aus.

Die Pläne des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) für ein Sofortprogramm mit 13.000 neuen Stellen in der Pflege hält die beim Diakoniewerk für die Altenpflege in Stadt und Landkreis zuständige Geschäftsführerin Sabine Weber „allenfalls für ein Signal“, dass die Politik den großen Pflegekräftebedarf erkannt hat. Sie moniert jedoch, „dass der Bedarf selbst dadurch aber nicht gedeckt werden kann“. Zudem stelle der Beschluss allein die Kräfte noch nicht zur Verfügung. Für das eigentliche Thema hält sie, mehr Menschen für den sinnstiftenden Beruf in der Pflege zu begeistern, um die wachsende Nachfrage nach Pflege beantworten zu können.

Bis zu zwei Stellen pro Heim zusätzlich

Spahn hatte im Mai Eckpunkte seines „Pflegepersonal-Stärkungsgesetzes“ vorgestellt. Demnach würden die neuen Stellen je nach Größe der Einrichtung gestaffelt: Kleine Heime mit bis zu 40 Bewohnern würden eine halbe Pflegestelle erhalten, Einrichtungen von 41 bis 80 Menschen eine Pflegestelle, Heime mit 81 bis 120 Bewohnern eineinhalb und große Seniorenheime mit mehr als 120 Bewohnern zwei Stellen zusätzlich. Das Gesetz soll nach bisheriger Planung im Januar 2019 in Kraft treten. Die Kosten für die 13.000 zusätzlichen Stellen in der Altenpflege muss die gesetzliche Krankenversicherung tragen. Wenn Spahns Sofortprogramm wie geplant umgesetzt würde, dann könnte die Diakonie als einer der größten Arbeitgeber in der Pflege in Stadt und Landkreis Osnabrück nach eigenen Berechnungen insgesamt 14,5 zusätzliche Stellen erwarten.

( Weiterlesen: Diakoniewerk Osnabrück fordert mehr Geld für die Pflege)

„Könnten Anforderungen der Pflege nicht gerecht werden“

Spahns Idee, neue Stellen aus dem Ausland zu besetzen, kommentiert Weber: „Sicherlich werden wir nicht so viele Menschen aus dem Ausland gewinnen können, um den Pflegekräftemangel zu lösen.“ Vielmehr müsse die Attraktivität des Berufs herausgestellt und Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Qualifikationen und unterschiedlichen Alters für die Tätigkeit gewonnen werden. Die beim Diakoniewerk für die Altenpflege in der Region zuständige Geschäftsführerin sieht die Gefahr, dass Hilfskräfte mit mangelnden Deutschkenntnissen den Anforderungen der Pflege nicht gerecht werden können: „Pflege ist eine Tätigkeit mit starkem Kommunikationsanteil. Für die Bewohner ist es wesentlich, sich mit den Pflegemitarbeitern unterhalten zu können.“

„Hier wäre mehr Eile geboten“

„Die Politik hat die notwendige Personalanpassung verschoben“, kritisiert Weber. Das von der Politik vorgesehene „Personalbemessungsinstrument“ werde noch entwickelt und soll erst Mitte 2020 an den Start gehen. „Hier wäre mehr Eile geboten“, fordert Weber. Sie wünscht sich einen Personalschlüssel, der auch den Gesprächs- und Kontaktbedarf der Menschen stärker berücksichtigt. Nach ihrer Vorstellung müsste die Pflegeversicherung zu einem „Instrument der Solidargemeinschaft ausgebaut“ werden. Sie schlägt daher vor, dass die Pflegekasse alle notwendigen pflegebedingten Kosten übernimmt und anschließend den Versicherten einen fixen, gesetzlich festzulegenden Eigenanteil berechnet. In der Folge würde nicht mehr der Einzelne das finanzielle Pflegerisiko tragen, sondern die Solidargemeinschaft. „Das ist ein gerechtes und im Bereich der Krankenversicherung bereits bewährtes System“, erläutert Weber. „Dazu werden aber auch mehr Mittel in der Pflegeversicherung benötigt.“

241 Pflegekräfte fehlen in der Region Osnabrück

241 Pflegekräfte fehlen in der Region Osnabrück nach Angaben der Agentur für Arbeit. Die Zahl der offenen Stellen hat sich in den vergangenen fünf Jahren dabei verdoppelt. Der zunehmende Bedarf an Pflegekräften zeigt sich zudem darin, dass sich auch die Zahl der besetzten Stellen in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt hat.

Caritas: Spahns Sofortprogramm löst das Problem nicht

Roland Knillmann, der für die Caritas-Altenhilfeeinrichtungen in der Region Osnabrück spricht, bewertet das von Spahn geplante Sofortprogramm als einen „ersten Schritt, der hilft, aber das Problem noch nicht löst“. Von den bundesweit 13.000 geplanten neuen Stellen könnten laut Knillmann rund 20 neue Vollzeitstellen in den Caritas-Altenhilfeeinrichtungen der Region geschaffen werden.

„Sprachliche und kulturelle Unterschiede“

Auch Knillmann sieht Spahns Idee, dem Personalmangel in der Pflege mit Mitarbeitern aus dem Ausland entgegenzuwirken, skeptisch, da Caritas-Altenhilfeeinrichtungen die Erfahrung gemacht hätten, „dass es für beide Seiten aufgrund sprachlicher und kultureller Unterschiede nicht immer ganz einfach ist“. Es gebe bereits eine Vielzahl an Aktivitäten, um Pflegekräfte im Ausland zu gewinnen, es gebe aber nur wenige Maßnahmen, die wirklich tragend sind. Oft seien es auch die Pflegekräfte selbst, die es wieder in ihr Heimatland zurückziehe. Knillmann konstatiert, dass sich auch ethische Fragen beim Anwerben von Pflegekräften aus dem Ausland stellten, da die Menschen dann dort fehlten.


Altenheimplätze im Landkreis

Zurzeit gibt es nach Angaben des Landkreises knapp 3800 Heimplätze im Osnabrücker Land. Rund 40 Prozent der Bewohner erhalten laut Landkreis neben den Pflegekassenleistungen ergänzend Sozialhilfezuschüsse. 60 Prozent der Plätze werden nach Angaben der Fachdienstleiterin Soziales des Landkreises, Anja Fels, durch die Pflegekasse und private Eigenmittel finanziert.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN