Damit Demenzkranke nicht weglaufen Haltestellenattrappe im Osnabrücker Klinikum umstritten

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Soll demente Patienten davor abhalten, weg zu laufen: eine Scheinbushaltestelle im Notaufnahmezentrum des Klinikums Osnabrück. Foto: Michael GründelSoll demente Patienten davor abhalten, weg zu laufen: eine Scheinbushaltestelle im Notaufnahmezentrum des Klinikums Osnabrück. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Das Klinikum Osnabrück hat kürzlich eine neue Haltestelle bekommen – allerdings nicht vor der Tür, sondern direkt in der Notfallaufnahme. Ein Bus wird dort natürlich niemals halten, es handelt sich um eine Scheinhaltestelle, die Patienten vom Weglaufen abhalten soll. Diese Methode für den Umgang mit Demenz ist umstritten.

Alle paar Minuten soll mitten in der Notfallaufnahme ein Bus der Linie 32/33 fahren. So steht es zumindest auf dem Fahrplan an der Bushaltestelle „Neumarkt“, die dort auf dem Flur aufgebaut wurde – samt Haltestellenschild und Wartebank. Doch weit und breit ist kein Bus zu sehen. Wie sollte er hier auch hineinkommen…?

Die neue angebliche Verkehrsanbindung im Osnabrücker Klinikum ist keine normale Haltestelle, sondern eine Scheinbushaltestelle. Zum Neumarkt oder nach Eversburg, wie es dort steht, geht es von hier aus nicht.

Die Idee dahinter ist simpel: Demenzkranke sollen am Weglaufen gehindert werden. „Demenzerkrankungen nehmen in unserer Gesellschaft zu, und sie kommen auch immer häufiger in unserer Notaufnahme vor“, sagte Mathias Denter, ärztlicher Leiter des Notaufnahmezentrums, bei der offiziellen Vorstellung Mitte Juli. „Die Forschung hat uns gezeigt, dass demenziell Erkrankte im Langzeitgedächtnis gespeicherte Erinnerungen immer noch gut abrufen können“, erklärte er. Deshalb seien lebensgeschichtliche „Anker“ wie eine Bushaltestelle so wichtig.

Andere Modelle in Osnabrücker Altenheime

Damit ist das Klinikum nicht allein. Immer wieder sieht man auch in Altenheimen Scheinbushaltestellen oder hört in Fernsehberichten davon. Doch in Osnabrück scheint das Konzept nicht sehr beliebt zu sein. Die von unserer Redaktion befragten Einrichtungen sprechen sich für andere Maßnahmen aus, um Demenzkranke am Weglaufen zu hindern.

So gibt es in den Alten- und Pflegeheimen der Diakonie keine solchen „Bushaltestellen“. Man arbeite in Einrichtungen wie dem Bischof-Lilje-Altenzentrum oder dem Küpper-Menke-Stift auf Basis eines anderen Konzepts. „Unserer Erfahrung nach brauchen Demenzkranke in erster Linie eine persönliche Begleitung, die unsere speziell geschulten Pflege- und Betreuungskräfte leisten“, sagt Sabine Weber, Geschäftsführerin des Diakoniewerks Osnabrück.

„Wir haben festgestellt, dass die uns anvertrauten Demenzkranken mit persönlichen Ansprechpartnern, Zusprache und einer engen Begleitung Sicherheit erfahren und damit mehr Ruhe finden und eine Erleichterung ihrer Erkrankung empfinden.“ Das gelte für die Tagespflege-Einrichtungen und auch für die stationären Seniorenheime. Weber ist sich sicher, dass sich dieses Konzept bewährt hat – nicht nur für die Erkrankten selbst, sondern auch für deren Angehörige sowie die Pflegekräfte.

„Individualität des Einzelnen entscheidend“

Ähnlich wie die Diakonie hält es auch die Caritas. „In den katholischen Altenpflegeeinrichtungen in der Stadt und im Landkreis Osnabrück werden Scheinbushaltestellen nicht eingesetzt“, sagt Sprecher Roland Knillmann. Im Umgang mit demenzkranken Bewohnern gebe es kein allgemeingültiges Rezept. „Da die Menschen sehr unterschiedlich reagieren, steht die Individualität des Einzelnen im Vordergrund.“ Wichtig sei, dass die Demenzkranken sich wohlfühlten. „Das ist ein wichtiger Aspekt, mit dem der Reiz, die Einrichtung verlassen zu wollen, gemindert wird.“

Um den Weglauf-Reiz zu mindern – oft steckt dahinter der Impuls des Bewohners, „zurück nach Hause gehen“ zu wollen, obwohl im ehemaligen Zuhause in Wahrheit längst andere Menschen leben – nutzt die Caritas in Häusern wie dem Paulusheim oder dem St.-Franziskus-Heim verschiedene Methoden. So werden zum Beispiel visuelle Systeme eingesetzt, wie Bilder an Ausgangstüren, sodass diese nicht sofort als Türen erkennbar sind. Auch technische Systeme wie GPS-Ortung werden verwendet – nach gerichtlicher Genehmigung. Des Weiteren nutzt man architektonische Lösungen, also zum Beispiel Rundgänge ohne leicht erkennbaren Ausgang oder Möbel aus den 50er- und 60er-Jahren. Insgesamt versucht die Caritas, das Wohlbefinden der Bewohner zu steigern. Dazu sollen auch die Betreuung in kleinen Gruppen, Beschäftigungstherapien, ein geregelter Tagesablauf und gemeinsame Mahlzeiten beitragen.

Das Heywinkel-Haus an der Bergstraße gehört zu den wenigen Altenheimen in Osnabrück, die nicht von der Diakonie oder der Caritas betrieben werden und dazu mit 128 Plätzen zu den größten zählt. Auch dort hält man von Scheinbushaltestellen wie im Klinikum wenig. Im Heywinkel-Haus gab und gebe es diese nicht, sagt Geschäftsführer Eckhard Kallert. „Ich befürworte andere technische Hilfsmittel, um Hinläufer zu kontrollieren, anstatt sie den ganzen Tag an der Bushaltestelle sitzen zu lassen.“ Als Beispiel nennt auch Kallert die Nutzung von GPS-Ortungssystemen.

Bushaltestellen für Demenzkranke sind indessen keine Osnabrücker Erfindung. Die wohl erste wurde 2006 in einem Heim in Remscheid eingerichtet. Die dortigen Pflegekräfte waren auf die Idee gekommen, die motorische Unruhe ihrer dementen Bewohner mit einer Haltestellenattrappe zu lindern. Seitdem wurde über dieses Konzept in Fachkreisen sehr kontrovers diskutiert.

Keine medizinische Grundlage

So ist Bernhard Fleer vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) eher skeptisch. „Grundsätzlich sind Scheinbushaltestellen nur dann sinnvoll, wenn auf die individuellen Bedürfnisse und die Persönlichkeit der Menschen mit Demenz eingegangen wird.“ Sie seien aber nicht angemessen, wenn sie lediglich verwendet würden, damit sich die Menschen mit Demenz „ruhig verhalten“. Es müsse bei jedem Einzelnen geprüft werden, wie sich die Haltestelle auf sein Wohlbefinden auswirkt. Fleer weist zudem darauf hin, dass es keine medizinische Grundlage für dieses Konzept gebe.

Das Klinikum will erst einmal an seinem neuen Hingucker in der Notaufnahme festhalten. In der Vergangenheit habe es dort immer wieder Patienten mit Demenz gegeben, die das Krankenhaus eigenmächtig verlassen hätten. Von der Haltestelle erhofft man sich nun eine Erleichterung. Außerdem befinde sich das Schwesternzimmer gleich nebenan. Es sei also immer jemand da, der ein Auge auf die Patienten hat, die dort – vorübergehend – vergeblich auf den Bus warten.


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