Warum die Stadt dafür von ihrer Linie abweicht Osnabrück verlegt Stolpersteine für jüdische Familie, die überlebte

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Vier Stolpersteine erinnern in der Osnabrücker Krahnstraße an die geflohene Familie Meyer. Nachfahre Raul Reinberg kam mit seiner Familie zur Verlegung aus Israel nach Osnabrück. Foto: David EbenerVier Stolpersteine erinnern in der Osnabrücker Krahnstraße an die geflohene Familie Meyer. Nachfahre Raul Reinberg kam mit seiner Familie zur Verlegung aus Israel nach Osnabrück. Foto: David Ebener

Osnabrück. Zum ersten Mal werden in Osnabrück Stolpersteine für eine Familie verlegt, die den Holocaust überlebte. Die Meyers flohen vor dem Naziterror nach Argentinien. Ihre Nachfahren wünschten sich die in Stein gemeißelte Erinnerung. Die Stadt kam der Bitte nach – und weicht damit von ihrer Linie ab.

Carl Meyer reiste in die Ungewissheit. Im Dezember 1936 packte er seine Koffer, stieg in den Zug und überquerte mit einem Dampfer den Atlantik in Richtung Südamerika. Er hatte niemanden bei sich, nur die Hoffnung: Dass seine Frau und seine beiden Töchter würden nachkommen können.

"Damit du siehst, mit welchem Schiff ich gefahren bin": Diese Postkarte schickte Carl Meyer an seinen Neffen Erwin Voss in Bramsche. Reproduktion/Foto: Dieter Przygode/Familie Reinberg

11.000 Kilometer trennten den 40-Jährigen nach seiner Ankunft im argentinischen Basavilbaso von seiner Familie in Osnabrück – der Heimatstadt, wo Nazis Juden das Leben immer schwerer machten. Die Meyers waren Juden. Sie bekamen die zunehmenden Drangsalierungen am eigenen Leib zu spüren. Ein Jahr sollte es dauern, bis Clara Meyer ihrem Mann gemeinsam mit den beiden Kindern Helga und Ingeborg folgen können sollte. Mit welchen Gefühlen sie alles hinter sich ließen, Familie und Freunden Lebewohl sagten und dem Kontinent den Rücken kehrten, lässt sich nur erahnen.

Ein Bild aus einer anderen Zeit in Osnabrück: Clara und Carl Meyer mit ihren Töchtern Helga und Inge. Reproduktion/Foto: Dieter Przygode/Familie Reinberg

„Ohne die mutige Entscheidung unserer Urgroßeltern hätte es uns vermutlich nie gegeben“, sagt Ronny Reinberg. „Wir verdanken ihr unser Leben.“ Der Urenkel Carls und Claras ist gemeinsam mit seinem Vater Raul Reinberg (Sohn von Helga Meyer), seiner Mutter, seiner Frau, seinen Kindern, zwei Cousins und ihren Kindern nach Osnabrück gekommen. Sie sind aus Israel angereist, um dabei zu sein, wenn die Stadt dieser lebensrettenden Entscheidung vier zehn Mal zehn Zentimeter große Denkmäler aus Messing und Beton setzt. Vier Stolpersteine: für Carl und Clara, Ingeborg und Helga Meyer.

Nun versammeln sich die Enkel, Urenkel und Ururenkel vor dem Haus in der Krahnstraße 1-2. Bis vor kurzem beherbergte das prachtvolle Sandsteingebäude das Drei-Sterne-Restaurant La Vie. In den 1930er Jahren befand sich dort das jüdische Kaufhaus Samson David. Es bot den Meyers 1935 Unterschlupf, als ihr Vermieter sie aus der alten Wohnung geschmissen hatte – weil sie Juden waren. In dem Haus blieben sie, bis sie Deutschland verließen.

Die Krahnstraße heute und früher: Dort, wo jetzt vier Stolpersteine liegen, beherbergte das prachtvolle Sandsteingebäude damals das jüdische Kaufhaus Samson David. Foto: David Ebener

Stolpersteine sollen vor dem letzten freiwillig gewählten Wohnort der Menschen liegen, an die sie erinnern, so hat es der Künstler und Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig vorgesehen. Und so hält es auch die Stadt Osnabrück.

Raul Reinberg fällt vor den vier Steinen auf die Knie. Er streicht mit der Hand über die Gravuren in der Messingfläche und küsst sie. Als die Biografie seiner Familie verlesen wird, filmt der Sohn von Helga Meyer die Reihen der Besucher in der Krahnstraße, die der Verlegung beiwohnen. Den Moment will er festhalten. "Vor 82 Jahren verließ meine liebe Mutter mit ihrer kleinen Familie Osnabrück und entkam nach Argentinien", sagt Ronny auf englisch im Namen seines Vaters. "Die Verlegung der Stolpersteine im Gedenken an meine Familie werde ich nie vergessen und ich bin sehr dankbar." 

"Das werde ich nie vergessen": Ronny Reinberg (am Mikrofon) bedankt sich im Namen seines Vaters Raul (mit Zylinder) für die Stolpersteinverlegung. Foto: David Ebener

Zwei Straßenarbeiter schaben das quadratische Loch für die Steine noch etwas tiefer, sie fügen die Betonquader ein, füllen die Fugen mit Erde und polieren die Gravur. Mit den vier Messingplatten für Familie Meyer liegen im Osnabrücker Stadtgebiet nun 290 Stolpersteine. Erstmalig ließ die Stadt dort in der Krahnstraße Steine in den Boden setzen, mit denen ausschließlich Überlebender der Naziverfolgung gedacht wird.

Graviert, poliert und in den Boden gesetzt: die vier Stolpersteine für Carl, Clara, Inge und Helga Meyer. Foto: David Ebener

Normalerweise verlegt die Stadt Steine nur für Todesopfer des NS-Regimes. Einen einzigen Fall hat es bisher gegeben, in dem sie von dieser Linie abwich. Eine Familie, die durch den Tod getrennt worden war, führte die Stadt symbolisch mit Stolpersteinen wieder zusammen. Dem Anwalt Ernst Jacobson war es nicht gelungen, dem Naziterror zu entkommen. Er starb 1938 in Osnabrück. Die Namen seiner Frau und seiner beiden Kinder wurden ebenfalls in Stolpersteine eingeprägt – die drei waren rechtzeitig in die USA geflohen.

Damit die Kindeskinder eine Zukunft haben

Auch die Meyers überlebten den Holocaust, aber waren sie nicht dennoch Opfer? Hatten sie nicht alles aufgeben müssen? Hatten sie nicht eine dauerhafte Erinnerung in ihrer Heimatstadt verdient, aus der sie hatten fliehen müssen, damit ihre Kindeskinder eine Zukunft würden haben können?

Zu dieser Sichtweise gelangte der Osnabrücker Initiativkreis gemeinsam mit Historikern, die über die Verlegung neuer Steine beraten. „Es wäre ein Affront gewesen, den Wunsch der Angehörigen abzulehnen“, sagt Christine Grewe vom Büro für Friedenskultur. „Sich in diesem Fall als deutscher Prinzipienreiter zu präsentieren, wäre vollkommen unangebracht gewesen.“ Trotzdem solle es eine Ausnahme bleiben, dass für Überlebende Stolpersteine gefertigt würden.

Das letzte Zeugnis aus Osnabrück: Im September 1937 floh die damals 13-jährige Helga gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Mutter nach Argentinien. Reproduktion/Foto: Dieter Przygode/ Familie Reinberg

In Argentinien sprachen Carl und Clara Meyer nur wenig über ihre deutsche Vergangenheit. Auch ihre Töchter Ingeborg und Helga lebten lieber im Hier und Jetzt, statt von der Nazizeit zu erzählen. Dass die Reinbergs heute so viel über die Osnabrücker Wurzeln ihrer Familie wissen, verdanken sie nicht zuletzt Dieter Przygode.

In Bramsche lebend begann der geschichtsinteressierte Angestellte der Stadt Osnabrück, in Archiven das jüdische Leben in seiner Stadt zu erforschen. In einem Buch schildert er das Schicksal der jüdischen Familie Voss aus Bramsche, die 1937 nach Argentinien auswanderte. Ida Voss war eine Schwester von Carl Meyer. Für seine Recherchen nahm Przygode Kontakt zu Raul Reinberg auf. Przygode traf ihn in Israel und wurde zu einem Freund der Meyer-Ahnen.

Dieter Przygode sorgte mit seinen Recherchen dafür, dass die Nachfahren der Familie Meyer mehr über ihre Osnabrücker Wurzeln erfuhren. Foto: David Ebener

„Dieter gehört inzwischen zu unserer Familie. Durch seine Arbeit haben wir mehr über Carl Meyer und sein Engagement für die jüdische Gemeinschaft in Osnabrück erfahren“, sagt Ronny Reinberg in seiner Ansprache.

Przygode fand heraus: Carl Meyer hatte als junger Kaufmann bei der Delikatessengroßhandlung Julius Cantor in Osnabrück gearbeitet. Seine Freizeit hatte er dem Sport gewidmet, speziell der Fußball hatte es ihm angetan. Nachdem er vom antisemitischen Vorsitzenden des OTV aus dem Verein gedrängt worden war, gründete Carl Meyer 1924 den „Jüdischen Sportverein Osnabrück“. Er gab begeisterten Sportlern eine Heimat, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatten.

Töchter müssen Schule verlassen

Als deutschlandweit jüdische Geschäfte boykottiert wurden, verlor Carl Meyer seinen Job. Seine Töchter mussten die evangelische Schule in Eversburg verlassen und zwangsweise eine jüdische Schule besuchen. Bevor Carl Meyer nach Argentinien auswanderte, ließ er sich in Brandenburg vier Wochen lang auf das harte Leben als Landwirt in einer jüdischen Siedlerkolonie in Argentinien vorbereiten. Einwanderer bekamen dort eine Parzelle Land, Vieh und Arbeitsgeräte, um sie zu bewirten. Mitte der 1950er Jahre zogen die Meyers nach Buenos Aires um. Dort starb Carl Meyer am 23. Mai 1956, nachdem er schon vorher mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte.

Auf einmal Landwirte: Inge, Carl und Clara Meyer im argentinischen Basavilbaso. Reproduktion: Dieter Przygode

14 Jahre später starb auch seine Tochter Inge, sie war verheiratet, aber kinderlos geblieben. Ihre Schwester Helga wanderte ebenso wie ihre beiden Söhne Raul und Daniel nach Israel aus. Ihre Mutter Clara Meyer starb im März 1976 während eines Besuchs in Israel. Helga Reinberg, die jüngste der vier Osnabrücker Auswanderer, starb im Juni 1994, sieben Jahre nachdem sie ihre Geburtsstadt ein erstes und einziges Mal gemeinsam mit ihrem Sohn Raul wieder besucht hatte. „Meine Mutter war 13, als sie Osnabrück verlassen musste. Als sie vor ihrem alten Haus stand, fühlte es sich für sie an, wie nach Hause zu kommen“, sagt Raul.

"Wie nach Hause kommen": Helga Meyer hatte ihre Heimat 1987 noch einmal besucht. Ihre Nachfahren erinnerten bei der Verlegung an diesen Gedanken. Foto: David Ebener

Die Familie habe nie einen Groll gegen Osnabrück und seine Bevölkerung gehegt. Wohl aber gegen die Partei und all ihre Anhänger, die den Judenhass schürten. Durch ihre Flucht war es den Meyers gelungen, Verfolgung und Vernichtung zu entgehen. Doch längst nicht alle Verwandten hatten dieses Glück. Carl Meyer verlor seinen Vater, eine Schwester, einen Bruder und deren junge Familien. Sie wurden in Konzentrationslagern umgebracht. Das jüngste Kind war drei Jahre alt. In Badbergen, der Geburtsstadt von Carl Meyer, erinnern zehn Stolpersteine an sie.


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