Ursache: Stärkerer Medienkonsum Jedes fünfte Vorschulkind in der Region Osnabrück hat Sprachprobleme

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„Als es keine Smartphones gab, haben Eltern noch mehr mit ihren Kindern kommuniziert“, analysiert die Leiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes in Stadt und Landkreis Osnabrück, Dr. Hedwig Tasche. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa„Als es keine Smartphones gab, haben Eltern noch mehr mit ihren Kindern kommuniziert“, analysiert die Leiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes in Stadt und Landkreis Osnabrück, Dr. Hedwig Tasche. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Osnabrück. Jedes fünfte Kind in der Region Osnabrück hat Sprachprobleme im Vorschulalter. Das ist ein Ergebnis der Schuleingangsuntersuchungen in Stadt und Landkreis Osnabrück. Die Leiterin des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes in Stadt und Landkreis Osnabrück, Dr. Hedwig Tasche, sieht die Ursache dafür im stärkeren Medienkonsum: „Durch die immer intensivere Nutzung der Smartphones wird weniger miteinander gesprochen.“

Bei den Schuleingangsuntersuchungen haben Sie bei jedem fünften Kind einen Förderbedarf im Bereich Sprache festgestellt. Das klingt sehr hoch. Woran liegt es, dass rund 20 Prozent der Kinder heutzutage keine altersgerechte Sprachentwicklung zeigen?

Für die Sprachentwicklung der Kinder ist es wichtig von Geburt an und im Alltag viel mit den Kindern zu sprechen. Durch die Medien, vor allem durch die immer intensivere Nutzung der Smartphones, wird weniger miteinander gesprochen.

Wie vielen von den Kindern mit Sprachauffälligkeiten empfehlen Sie bei der einzigen gesetzlich vorgeschriebenen ärztlichen Untersuchung von Kindern aufgrund der Defizite, sich noch einmal ein Jahr zurückstellen zu lassen, bevor sie sich einschulen lassen?

Von den 4648 Vorschulkindern, die wir von September 2017 bis Mai 2018 untersucht haben, haben wir bei 6,9 Prozent, also rund 300 Kindern, eine Zurückstellung empfohlen. Die Zurückstellungsempfehlung ergibt sich nicht ausschließlich aus der Sprachentwicklungsverzögerung. Die Sprachauffälligkeiten sind oft nicht so gravierend, dass eine Zurückstellung empfohlen wird.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass Kinder noch in den Nuller oder in den Neunziger Jahren mehr mit ihren Eltern gesprochen haben, als es noch keine Smartphones gab oder als sie noch nicht so intensiv genutzt wurden?

Sprache kommt von sprechen. Als es noch keine Smartphones gab, haben Eltern und Kinder mehr miteinander gesprochen. Zur Sprachförderung gibt es die vorschulische Sprachförderung und die alltagsintegrierte Sprachförderung in den Kindergärten, wodurch die Kommunikation und die Sprachentwicklung unterstützt wird. Allerdings ist der bei den Schuleingangsuntersuchungen festgestellte Sprachförderbedarf mit 20 Prozent weiterhin hoch. Das alltägliche miteinander sprechen ist unverzichtbar für die Sprachentwicklung.

Welche Tipps zur Sprachförderung zu Hause können Sie Eltern geben?

Zur Förderung der Sprachentwicklung empfehlen wir den Eltern, den Kindern vorzulesen, Geschichten zu erzählen, mit ihnen zu singen, die Kinder erzählen zulassen und ihnen zu zuhören. Wichtig für die Sprachentwicklung sind auch Blickkontakt und Gestik. Die Eltern sollten in ihrer Muttersprache mit den Kindern zu Hause sprechen.

Warum ist Vorlesen für das Kind besser, als wenn die Kinder sich vom Fernseher oder von Videos auf dem Smartphone, Tablet oder PC berieseln lassen?

Das Problem beim Fernsehen oder beim Video schauen auf dem Handy oder Tablet ist die Ablenkung durch die visuellen Reize. Beim Vorlesen wird die Fantasie angeregt. Das Kind muss Verknüpfungen herstellen, die eigene Vorstellungskraft wird gestärkt. Zudem ist das Kind beim Vorlesen in Kontakt mit dem Vorleser und es ist aufmerksamer. Obendrein wird die Bindung zur Mutter oder zum Vater durch das vertraute Vorlesen gestärkt.

Welches Pensum sollte beim Fernsehen oder Videogucken auf dem Handy nicht überschritten werden?

Ein fünf- bis sechsjähriger sollte nicht mehr als eine halbe Stunde pro Tag Fernsehen oder Videos auf dem Handy schauen.

Oft wird es als Fehler beschrieben, Kinder mit Babysprache à la „Dutzidutzi“ und „Bubu machen“ zu verdummen. Raten auch Sie Eltern dazu, bereits mit Babys und Kleinkindern normal und durchaus bereits in längeren Sätzen zu reden?

Die Alltagssprache ist auf jeden Fall besser als die Babysprache. Wichtig ist vor allem, dass die Eltern mit ihren Kindern viel sprechen – bereits von Geburt an. Die neuen Medien lenken uns alle sehr vom miteinander sprechen ab.

Waren die Ergebnisse bei der Schuleingangsuntersuchung aufgrund des geringeren Medienkonsums hinsichtlich der Sprachentwicklung somit vor mehr als zehn Jahren besser? Gab es weniger Sprachförderbedarf?

Ja, die Ergebnisse im Bereich Sprache waren vor mehr als zehn Jahren noch etwas besser. Der Sprachförderbedarf lag 2008 bei 15 Prozent. In den Jahren 2014 bis 2017 konnten wir keine Veränderungen erkennen und der festgestellte Sprachförderbedarf bei den Schuleingangsuntersuchungen stagnierte bei etwa 20 Prozent.

Seit 2015 hat es auch in unserer Region einen starken Flüchtlingszustrom gegeben. Inwiefern hat auch der höhere Migrantenanteil die Statistik bei der Schuleingangsuntersuchung verändert und inwiefern hängt der hohe Sprachförderbedarf auch mit einem höheren Migrantenanteil zusammen?

Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund, die im letzten Kindergartenjahr an der Schuleingangsuntersuchung teilgenommen haben, ist in den vergangenen drei Jahren um drei Prozent angestiegen. Insgesamt nehme ich bei den Schuleingangsuntersuchungen wahr: Es sind nicht nur die Kinder mit Migrationshintergrund, die für den insgesamt hohen Sprachförderbedarf verantwortlich sind. Hier unterscheiden wir zwischen Sprachentwicklungsverzögerung und Verzögerung im Erwerb der deutschen Sprache.

Welche anderen Förderbedarfe haben Sie festgestellt?

Etwa 17 Prozent der Kinder zeigen einen Förderbedarf im Bereich der Feinmotorik. Neun Prozent der Kinder haben einen Förderbedarf in der Grobmotorik. In diesem Bereich geht es um Körperhaltung, Körperkoordination, Gleichgewicht, laufen, hüpfen, sich bewegen, Fahrrad fahren. In diesem Bereich wirkt sich aus, dass sich die Kinder im Vergleich zu den Neunziger Jahren weniger bewegen.

Was können Kinder heute besser als früher?

Dr. Hedwig Tasche leitet den Kinder- und Jugendgesundheitsdienst in Stadt und Landkreis Osnabrück und ermuntert die Eltern, ihren Kindern mehr vorzulesen, mit ihnen zu singen und mehr mit ihnen zu sprechen. Foto: Johannes Tasche

Die Ergebnisse bei den Schuleingangsuntersuchungen in den Bereichen kognitiven Fähigkeiten und auditiven Wahrnehmung sind auf dem gleichen Niveau geblieben. Die Ergebnisse für die visuelle Wahrnehmung und Schlussfolgerung zeigen in den letzten Jahren eine Verbesserung.


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