Positives Scheitern nicht vorgesehen Vereinter Erfahrungsschatz bei der SHG Anonyme Insolvenzler

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Scham, Schuld und das Gefühl des Scheiterns belastet viele, die die Türen ihres Geschäfts schließen mussten. In einer Selbsthilfegruppen haben sie die Möglichkeit sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Foto: Swen Pförtner/dpaScham, Schuld und das Gefühl des Scheiterns belastet viele, die die Türen ihres Geschäfts schließen mussten. In einer Selbsthilfegruppen haben sie die Möglichkeit sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Foto: Swen Pförtner/dpa

Osnabrück. Bei einer drohenden, bevorstehenden oder schon überstandenen Insolvenz treten immer gleiche Erfahrungen auf. In Osnabrück gibt es eine Selbsthilfegruppe "Anonyme Insolvenzler".

Oft sind sie verbunden mit gesellschaftlich negativ konnotierten Begriffen wie Scham, Schuld oder Scheitern. „Jeder Betroffene kennt die Angst vor Briefträgern, die die gelben Umschläge bringen, vor Anrufen, bei denen gefragt wird, wann endlich das Geld überwiesen wird, vor Besuchen von Menschen mit Aktenordnern oder Koffern unter dem Arm. Sobald er aber darüber zu sprechen lernt und sich öffnet, findet eine Veränderung statt und es entsteht eine Gemeinschaft“, ist die Erfahrung von Heinz Schröer, der vor zwei Jahren maßgeblich an der Gründung der Osnabrücker Selbsthilfegruppe (SHG) Anonyme Insolvenzler beteiligt war.

Wunsch nach Austausch

Auslöser war bei ihm der Wunsch nach Austausch mit anderen Betroffenen, nicht nur mit Anwälten, Bankern, Steuerberatern und Insolvenzverwaltern. Bei seiner Internetrecherche stieß er auf die gemeinnützige Organisation „Team U – Restart GmbH“, die bereits in 15 Städten Gesprächskreise gegründet hatte. In Zusammenarbeit mit Team U gründeten Alfred Reimann, Petra Koch und Heinz Schröer eine Gruppe für Osnabrück, die seitdem Betroffene aus einem Umkreis von über 50 Kilometern anzieht.

Der Insolvenzprozess dauere in der Regel sechs Jahre plus anschließendem dreijährigen Schufa-Eintrag. Manche Teilnehmer hätten diese lange Zeit bereits hinter sich und könnten denjenigen, die erst „Bergfest feiern“, Mut machen. Andere überlegten noch, ob eine Insolvenz als Lösung ihrer Probleme in Betracht komme: „Auch hier kann es Klarheit schaffen, sich mit anderen auszutauschen und praktische Erfahrungsberichte zu hören. “ Das Aussprechen von unbequemen Wahrheiten gehöre zum Gesprächskreis: „Nur durch die Enttabuisierung der Insolvenz und des damit verbundenen Scheiterns ist es möglich, das Leben danach mit neuer Kraft und Energie zu starten.“ Viele Insolvenzen könnten bei rechtzeitigem Gegensteuern, besseren Informationen und frühzeitigem „Um-Hilfe-Fragen“ verhindert werden.

Zu Verschwiegenheit verpflichtet

In der Gruppe, die sich nach außen zu Verschwiegenheit verpflichtet hat, kann offen über alles gesprochen werden. Es verschaffe Erleichterung, ausführlich über finanzielle und daraus bedingte persönliche Probleme reden zu können. „Wir sind alle auf Augenhöhe, wir haben oder hatten diese Probleme selber und sind dadurch kompetente Ansprechpartner. Wir sind zwar keine Profis, aber unser vereinter Erfahrungsschatz hilft weiter.“

Bedauerlich sei, „dass in unserer Gesellschaft positives Scheitern nicht vorgesehen ist“. Denn im Prinzip sei jeder der Teilnehmer ein Aktiver, jemand der etwas gewagt habe, der sich mit Mut und Enthusiasmus selbstständig gemacht oder eine Bürgschaft übernommen habe. In anderen Ländern seien Insolvenzler wegen ihrer Erfahrungen gesuchte Neustarter oder Geschäftspartner. In Deutschland aber würden sie als Gescheiterte gesehen, ihr Ansehen sei sowohl im privaten wie auch im geschäftlichen Bereich rapide gesunken. Dieser Sichtweise die positiven Aspekte und Eigenschaften der Teilnehmer entgegenzustellen und sich gegenseitig zu stärken, sei eine wichtige Aufgabe der SHG. „Ich möchte die monatlichen Treffen nicht mehr missen, obwohl es Menschen gibt, die sagen: Gehst Du da schon wieder hin? Zieht dich das nicht jedes Mal wieder runter? Nein, das tut es nicht. Die Gruppe begleitet mich in einer wichtigen Lebensphase und lässt mich damit nicht alleine.“

Eine Insolvenz ist nicht das Ende

Dass man in Deutschland nach einer Insolvenz erst etwa zehn Jahre später wieder vollkommen geschäftsfähig sei, ist für die SHG ein untragbarer Zustand, der auf die politische Agenda gehöre: „Diese Zeit gilt es zu verkürzen, damit eher neu durchgestartet werden kann. Scheitern ist im menschlichen Leben normal und soll auch als Normalität anerkannt werden.“ Die SHG arbeite daran, sei aber weder politisch, wirtschaftlich noch konfessionell gebunden. Sie stehe in engem Kontakt zu Team U: „Dort kann man auch die professionelle Hilfe bekommen, die wir nicht leisten können. Wir machen keine Rechts- und Steuerberatung. Wir sind keine Therapeuten und wir verkaufen auch keine Produkte, Finanzangebote oder Geschäftsideen. Unsere Kernaussage lautet: Eine Insolvenz ist nicht das Ende, nimm sie als Gelegenheit, dein Leben ganz neu zu gestalten. Dieses ist die Chance, die du zwar nicht gesucht hast, aber die nun da ist: Nutze sie. Überlege was du kannst, was du willst und welche Möglichkeiten dir zur Verfügung stehen, und dann leg los!“

Die SHG trifft sich jeden vierten Montag im Monat um 19 Uhr im Gemeindehaus der Paul-Gerhardt-Gemeinde, Hardinghausstraße 39, in 49090 Osnabrück.

Kontakt: heinz.schroeer@navigatorseite.de

Info: www.team-u.de


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