Ernste Worte zum Spielzeitauftakt Intendant Waldschmidt begrüßt das Theatersensemble

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

„Wir haben manchmal zuviel gemacht“: Ralf Waldschmidt begrüßt im Theater am Domhof sein Ensemble. Foto: Swaantje Hehmann„Wir haben manchmal zuviel gemacht“: Ralf Waldschmidt begrüßt im Theater am Domhof sein Ensemble. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Die Begrüßung des Theaterensembles zur neuen Spielzeit hat immer ein bisschen was von Neujahr: Wie andere sich ein frohes neues Jahr wünschen, wünschen Theaterleute sich eine gute Spielzeit. Diesmal mischen sich aber auch ernste Töne in die Aufbruchstimmung.

Der Rückblick nimmt sich rosig aus: Intendant Ralf Waldschmidt begrüßt das Ensemble zum Start in die neue Spielzeit mit einer Zusammenfassung zurückliegender Erfolge. Dazu zählen überaus positive Berichte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und die Nominierung zur besten Bühne jenseits großer Zentren durch das Fachblatt „Deutsche Bühne“. Waldschmidt nennt die Gastspiele des Tanztheaters in China und des Schauspiels in Mozambique, zu dem das Team just an diesem Donnerstag aufgebrochen ist. Weiterlesen: Mit der Operngala ging die vergangene Saison zu Ende

Die Balance von Qualität und Quantität

Dann ändert Waldschmidt die Tonlage. „Hart erarbeitet“ seien die Erfolge gewesen, sagt er seinem Ensemble im Theater am Domhof, und dann kommt ein Satz, der klingt, als wolle er einen Kurswechsel seines Hauses einleiten oder doch den Kurs zumindest korrigieren. „Wir machen viel, haben manchmal zu viel gemacht in den letzten Jahren“, sagt er.

Tatsächlich spricht er damit einen Trend an, dem nahezu alle Theater in den letzten Jahren gefolgt sind: Von Kiel bis Freiburg, von Aachen bis Cottbus haben die Intendanten die Zahl der Produktionen und die der Aufführungen nach oben geschraubt, und Osnabrück hat da keine Ausnahme gemacht. Bezahlt werden diese Anstrengungen mit einem hohen Preis: Es habe „geknirscht“ im Ensemble, gibt Waldschmidt zu. Aber er zieht offenbar Konsequenzen; das Theater überprüft in einer ersten Reaktion die Zahl der sogenannten „Abstecher“. So heißen intern die Gastspiele in Hameln, Coesfeld oder auch mal Wolfsburg, wo sich eine ganze Produktion auf Reisen begibt: Bühnenbild, Techniker, Darsteller, Musiker. Erstes Ergebnis der Überprüfung: Das Musical „Producers“ wird nicht auf Reisen gehen. „Manchmal spricht die Quantität dagegen, die Qualität zu halten“, sagt Waldschmidt. Das Verhältnis von Quantität und Qualität neu auszubalancieren: Das ist eine Aufgabe für die Zukunft.

Um das dafür nötige Betriebsklima herzustellen, nutzt das Theater mittlerweile jenes Instrumentarium, das auch Wirtschaftsunternehmen anwenden, um interne Abläufe zu optimieren und das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken: Mitarbeiter-Befragung, Workshops, Gesprächsrunden. Gerade die seien „hilfreich“, sagt der kaufmännische Direktor Matthias Köhn, und sollen auch fortgesetzt werden.

Ein anderes Kernthema liegt naturgemäß in den Händen des kaufmännischen Direktors: die anstehende Sanierung. Auch Kulturdezernent Wolfgang Beckermann spricht darüber; sein und Köhns Fazit muss man aber zwischen den Zeilen hören: Es wird viel Geld und Zeit kosten, und die entscheidende Frage wird sein, woher das Geld kommt. Und wenn dann alle Zusagen da sind, wird es immer noch ein, zwei Jahre dauern, bis die Sanierung starten kann. Das Jahr 2020, vielleicht 2022, nennt Köhn als möglichen Termin für den Startschuss, über Kosten wird derzeit noch nicht gesprochen. Weiterlesen: Auch andere Theater müssen sanieren, zum Beispiel das Mainfranken Theater Würzburg

Die Bürde der Politik

Dringlich ist die Sanierung indes nicht nur aus baulicher Sicht. Brigitte Neumann, engagierte Kulturpolitikerin im Rat und im Kulturausschuss der Stadt sowie Vorsitzende des Theateraufsichtsrats, spricht von großen gesellschaftspolitischen Aufgaben: Sie versteht Kultur „als Gegenspieler extremistischer Tendenzen“; die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters erfüllten eine „verantwortungsvolle Aufgabe“, sagt sie. Das Theater habe einen „Anteil am gesellschaftspolitisch guten Klima“, meint sie weiter. „Damit das so bleibt, zählen wir auf ihre Arbeit.“

Immerhin: Um die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, fordert sie den Schulterschluss zwischen Theater, Stadtverwaltung und Politik, nimmt aber auch den Landkreis in die Pflicht sowie die Verantwortlichen auf Landes- und Bundesebene. Trotzdem möchte man das Ensemble fast in Schutz nehmen angesichts der gesellschaftspolitischen Bürde, die Neumann auf den Schultern des Theaters ablädt. Denn vieles ist schon erreicht, wenn Schauspiel, Tanz- und Musiktheaterensemble zusammen mit der Technik das erfüllen, was man im Wirtschaftsjargon als Kernaufgabe bezeichnet: Sie sollen einfach gutes Theater machen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN