Neues Baumkonzept in Arbeit Bäume pflanzen gegen die Hitze: Mehr Schatten für Osnabrück?

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Durch den Schatten: Mehr Bäume sollen helfen, Osnabrück in heißen Sommern abzukühlen. Foto: Gert WestdörpDurch den Schatten: Mehr Bäume sollen helfen, Osnabrück in heißen Sommern abzukühlen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Rund 60.000 Bäume stehen in Osnabrück. Sie erfüllen ganz augenscheinlich eine ästhetische Funktion und regulieren das Stadtklima. Die Stadt will deswegen gern noch einige mehr aufstellen. Ein neues Baumkonzept soll den Weg dabei weisen. Allerdings umranken Unwägbarkeiten die Stadtbäume der Zukunft.

Seit mehr als dreißig Jahren arbeitet Thomas Maag bei der Grünunterhaltung des städtischen Servicebetriebes. Sein Büro liegt an der Klöcknerstraße, der einzige grüne Farbtupfer darin ist eine Topfpflanze auf der Fensterbank. Dahinter fällt der Blick auf die Straße und auf einen Grünstreifen, wo das dünne Gras vergilbt. Die Bäume darüber stehen zwar noch in sattem Laub, werden aber wahrscheinlich einen frühen Herbst erleben –es fehlt schließlich an Wasser. Seit Wochen wartet das Land auf Niederschlag, am Horizont war lange nicht mal der Hauch einer Quellwolke zu sehen. Ein Szenario, das künftig wohl eher Regel statt Ausnahme sein wird, glaubt Maag: „Der Osnabrücker Sommer der Zukunft wird ein heißerer sein – und ein trockenerer.“ Osnabrück müsse daher grüner werden – vor allem obenrum: „Es braucht mehr Bäume in der Stadt“, sagt Maag.

Der Herr der Bäume: Thomas Maag inspiziert eine Kastanie in Osnabrück, die von Pseudomonas befallen ist. Foto: Gert Westdörp

Für die nächsten hundert Jahre 

Mit dieser Ansicht ist er nicht allein. Die Stadt arbeitet derzeit mit einem privaten Planungsbüro an einem Stadtbaumkonzept. Es soll helfen, Osnabrück klimafest zu machen – nach Möglichkeit für die nächsten hundert Jahre und besser noch ein bisschen länger. Die Schattenwirkung von Bäumen etwa sei ein Element, das künftig viel stärker in Planungen zum Tragen kommen dürfte. Versiegelte Flächen, Trockenheit und von Gebäuden abgestrahlte Wärme heizen die Stadt im Sommer auf – für natürliche Abkühlung sorgen können Frischluftschneisen und eben Bäume. „Besonders für Einrichtungen wie Kitas und Pflegeheime, aber auch an öffentlichen Plätzen dürfte Baumschatten als kühlendes Element in den Planungen künftig wichtiger werden“, prognostiziert Maag.

Heißes Pflaster: Auf dem Platz zwischen Schloss und Osnabrückhalle gibt es keinen Schatten - und entsprechend wenig Schutz vor der heißen Sommersonne. Foto: Gert Westdörp

Was derlei Planungen erschwert, bringt Jürgen Bouillon auf den Punkt: „Der Baum erträgt die Bedingungen der Stadt nicht besonders gut.“ Bouillon ist Professor an der Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur der Hochschule Osnabrück. Seine Fachgebiete sind Gehölzveredelung und Vegetationstechnik. Seiner Ansicht nach bereitet die Stadt dem Baum einen Boden, auf dem er nicht so ohne weiteres gedeihen kann. (Weiterlesen: Osnabrücks Kastanienbäume sind gefährdet)  

Bäume finden, die in der Stadt klarkommen

Wo allenthalben Leitungen, Rohre und Fundamente im Boden sind, lasse es sich schließlich nur schlecht tiefe Wurzeln schlagen. Und wo es im Sommer heiß, trocken, staubig und voller Abgase sei und im Winter Streusalz die Bodenkrume zerstört, da stehe der Baum ungern. „Die Herausforderung ist also, Bäume zu finden, die mit den Bedingungen der Stadt zurechtkommen.“ Und dabei die Stadt in ihrer Funktionalität nicht stören: So dürfen Stadtbäume die Verkehrssicherheit zum Beispiel nicht beeinträchtigen – das heißt etwa auch, dass die Äste auch bei immer stärkeren Windböen bruchfest sein müssen und Wurzeln sich im Erdreich nicht zu stark ausbreiten. (Weiterlesen: Jungbäume in der Region wegen Hitzeschäden nicht mehr zu retten)

Um die 60.000 Bäume stehen in Osnabrück. Diese Karte bietet einen Überblick über Standorte in der Innenstadt. Quelle: Stadt Osnabrück

In der Vergangenheit, sagt Boullion, habe die Stadt Osnabrück in Sachen Stadtbaum gute Arbeit geleistet. In Deutschland könne sie durchaus als Vorreiter gelten. Mit einem eigens entwickelten Substrat unterfüttern Mitarbeiter des Servicebetriebes beispielsweise neue Anpflanzungen, um zum Beispiel auch an engen Standorten wie dem Wall eine hohe Bodenqualität und genug unterirdischen Spielraum für gutes Wurzelwachstum zu schaffen. Durch solche Kniffe und durch gute Pflege könne sich die Lebensdauer eines Stadtbaumes auf bis zu 80 Prozent eines in der Natur wachsenden Baumes ausweiten, erklärt Boullion. „Ein vielfältiger, großer Baumbestand und die Mittel, diesen zu pflegen, sind wichtig für ein gutes Stadtklima“, sagt er. In Osnabrück sehe er derzeit gute Ideen und Ansätze, einen Baumbestand zu entwickeln, von dem die nächsten zwei oder drei Generationen profitieren könnten. (Auch interessant: Wie sich Osnabrück in Zukunft auf den Starkregen vorbereiten will)

Die Platane hatte bessere Zeiten

Es gibt aber viele Unwägbarkeiten bei diesem Vorhaben. Einen Eindruck davon liefert die Platane: Lange Zeit galt sie als idealer Stadtbaum. Sie ist robust, relativ anspruchslos, kommt mit Hitze, Trockenheit und schlechter Luft gut zurecht. In Osnabrück und anderswo steht der ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammende Baum an vielen Straßenzügen. Mittlerweile ist das ein potenzielles Problem – zum einen, weil ihre Wurzeln sehr ausbreitungsfreudig sind. Und zum anderen, weil ungefähr seit der Jahrtausendwende in Deutschland die Massaria auf dem Vormarsch ist. Die Pilzkrankheit kann zu Astbrüchen führen, wodurch die Verkehrssicherheit nicht mehr gegeben ist. Die Folge: Platanen müssen vermehrt kontrolliert werden, das bindet Ressourcen. Sie ist damit wohl über ihr Zenit als Stadtbaum hinaus. (Weiterlesen: Warum die Platanen in Osnabrück ihre Rinde abwerfen)

Schattiges Plätzchen: Die Bäume am Willy-Brandt-Platz in Osnabrück. sorgen für Aufenthaltsqualität. Foto: Gert Westdörp

Dennoch dürfte sie exemplarisch für zukünftige Szenarien stehen. Nach einhelliger Meinung sind Bäume aus der Mittelmeerregion und aus Asien in verdichteten Innenstadtbereichen den einheimischen Arten überlegen. Statt Eichen und Ulmen setzen die Planer bei der Stadtbegrünung daher auf Arten wie den Schnurbaum, die Zerreiche und den Blauglockenbaum. Die Stiftung „die grüne Stadt“ stellt auf ihrer Internetpräsenz eine detaillierte Klimamatrix für Bäume zur Verfügung, in der die Eignung einzelner Arten hinsichtlich Trockentoleranz und Winterhärte festgehalten ist. Sie hat auch die Planer in Osnabrück inspiriert.

Schädlinge unterwegs nach Norden

Den langfristigen Überlegungen allerdings stünden mehrere Unbekannte gegenüber, sagt Thomas Maag, der Mann vom Servicebetrieb. Städtebauliche Trends können sich ändern, zudem sei kaum abzusehen, wie genau sich das Klima innerhalb der nächsten zwei, drei Generationen verändern werde. „Wahrscheinlich werden die Effekte stärker sein, als wir uns derzeit vorstellen können und wollen“, schätzt er. Das wiederum kann auch für Bäume, die Hitze und Trockenheit gewohnt sind, schwere Folgen haben: Maag beobachtet, dass mit dem tendenziell wärmeren Klima auch neue Schädlinge in den Nordwesten Deutschlands vordringen. Die Massaria ist so ein Fall, aber auch der Eichenprozessionsspinner. Um die Folgen potenziellen Schädlingsbefalls zu mindern, müsse daher eine möglichst breite Vielfalt neuer Baumarten in Osnabrück gepflanzt werden. Im Falle des Befalls einer bestimmten Art sei der Schaden dann ein kleinerer.

Modell mit Zukunft: Der Spielplatz der Kita Sonnenblume am Gertrudenberg liegt im kühlenden Schatten von Bäumen. Von ihrer Wirkung profitiert auch noch das Gebäude der Kita. Foto: Gert Westdörp

Denn, darauf weist Maag hin, Stadtbäume und ihre Pflege seien auch eine Frage der Ressourcen. Derzeit bearbeitet der Servicebetrieb der Stadt mit je nach Saison 100 bis 120 Mitarbeitern um die 500 Hektar Grünflächen. Das reiche aus, um den Bestand zu verwalten. Neue Akzente oder größere Neuanpflanzungen und der daraus resultierende Pflegebedarf seien mit der Mannschaft aber kaum zu bewältigen.

Bedeutung der Bäume erkannt 

Maag ist aber zuversichtlich, dass die Politik in Osnabrück die Baumplanungen unterstützen wird. „Das Grün ist mittlerweile sehr viel stärker im Fokus der Parteien, als das vielleicht noch vor einigen Jahren der Fall war.“ Die gleiche Unterstützung wünscht er sich auch von den Bewohnern der Stadt – und hofft, dass der außergewöhnlich heiße und trockene Sommer die Sensibilität für die Bäume erhöht. „Sie sind das einzige Mittel, um Temperaturen im Kleinklimaausgleich zu regulieren.“ (Weiterlesen: Wie Osnabrück die Klimawende noch schaffen will)

Aus der Perspektive des Wissenschaftlers Boullion, der die Stadtbäume stets im Blick hat, ist die Lage indes nicht ganz so rosig: Bereits jetzt seien die Ressourcen, die die Stadt für ihre Bäume aufwendet, kaum ausreichend, um den Bestand zu bewahren. „Für ein nachhaltiges Stadtbaumkonzept müsste eigentlich deutlich mehr investiert werden.“


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