Lesen statt telefonieren Telefonzelle wird in Osnabrücker Gymnasium zum Bücherschrank

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Die gelbe Telefonzelle ist der neue offene Bücherschrank im Gymnasium Carolinum in Osnabrück. Die Schüler Leni Fehlhauer und David Krämer sind zwei Leseratten. Foto: David EbenerDie gelbe Telefonzelle ist der neue offene Bücherschrank im Gymnasium Carolinum in Osnabrück. Die Schüler Leni Fehlhauer und David Krämer sind zwei Leseratten. Foto: David Ebener

Osnabrück. Eine gelbe Telefonzelle ist der neue Hingucker in der Pausenhalle im Osnabrücker Gymnasium Carolinum. Doch hier wird nicht telefoniert, sondern gelesen.

Mehrere Mitarbeiter der Schule haben in den Sommerferien eine ausrangierte alte Telefonzelle zu einem offenen Bücherschrank umgestaltet. Seit Beginn des neuen Schuljahrs können sich Schüler der fünften bis zehnten Klasse hier einfach bedienen. Die erste Resonanz ist positiv. "Das ist eine coole Idee", freut sich zum Beispiel Leni Fehlhauer aus der siebten Klasse, "Das ist nicht so streng wie in einer Bücherei, wo Bücher gescannt werden müssen, sondern die Schule hat Vertrauen in uns Schüler."

Das Prinzip eines offenen Bücherschranks ist einfach: Jeder darf sich ein Buch nehmen, um es zu lesen und hinterher einfach wieder zurückzubringen. Er darf es aber auch einfach behalten, wenn er möchte - oder ein eigenes Buch von zu Hause hineinstellen, das er nicht mehr haben möchte. Damit der Bücherschrank nicht zu einem Restposten-Lager verkommt, schaut Silke König regelmäßig nach. Die Deutschlehrerin rät: "Was man selbst für lesenswert hält, soll man mitbringen".

Der offene Bücherschrank ist ein gelber Hingucker in der Pausenhalle des Gymnasiums Carolinum in Osnabrück. Foto: David Ebener.

Telefonzelle wiegt über 300 Kilogramm

Die Idee, eine alte Telefonzelle als Bücherschrank zu nutzen, entstand in einer Lehrerkonferenz. Über mehrere Wochen schaute König anschließend im Internet nach und wurde schließlich auf einem Kleinanzeigen-Portal fündig. Ein Student aus einem Ort hinter Bremen brachte die Kabine nach Osnabrück. Das über 300 Kilogramm schwere Häuschen wuchtete König anschließend gemeinsam mit zwei Kollegen und ihrem Mann in die Pausenhalle. Vorher musste die Zelle aber gründlich gereinigt, das Türschloss funktionsfähig gemacht, die Elektrik angeschlossen und zu guter Letzt das Regal für die Bücher montiert werden.

Jetzt passen rund 100 Bücher in den offenen Bücherschrank. Dieser sieht nicht nur anders aus als eine klassische Schulbücherei, sondern unterscheidet sich auch inhaltlich: Er beinhaltet nämlich vor allem Jugendbücher. "Mit Büchern wie 'Die drei ???' wollen wir die Lesefreude stärken", erklärt die Deutschlehrerin. Außerdem seien griechische Sagen im Bücherschrank zu finden. "Micky Maus ist da jetzt nicht drin, aber Comics wie 'Gregs Tagebuch' kann man als Deutschlehrer noch verkraften" sagt König und muss dann selbst darüber lachen.

Die Schüler dürfen die Bücher mit nach Hause nehmen und wenn sie wollen sogar behalten. Foto: David Ebener

Bücherspenden sehr gewünscht

Die Bücher sind Spenden von Lehrern, von vier Jugendbuchverlagen und von drei Osnabrücker Buchhandlungen: Zur Heide, Dom-Buchhandlung und Bücher Wenner. Zur Eröffnung in dieser Woche war die Telefonzelle gut gefüllt, und bereits in der großen Pausen bildete sich davor eine kleine Schlange. Und wer sorgt für Nachschub? Die Lehrerin hat noch einige Bücher in petto, aber hofft auch auf weitere Spenden, die im Sekretariat des Gymnasiums abgegeben werden können. Womit sie nicht gerechnet hatte: Direkt zur Eröffnung brachten zwei Schüler eigene Bücher mit. "Das hier habe ich zuhause eh doppelt", sagte der eine. Andere Schüler witterten auch ein kleines Geschäft mit den frei verfügbaren Büchern - der Internet-Flohmarkt eBay lässt grüßen. Doch solchen Schlitzohren ist König einen Schritt voraus. Alle Bücher sind gestempelt mit "Offener Bücherschrank - unverkäuflich". Deutlicher geht es wohl nicht.

"Offener Bücherschrank - unverkäuflich" steht auf dem Stempel der Bücher. Manches Schlitzohr witterte schon ein Geschäft. Foto: David Ebener

Den Ankauf der Telefonzelle machte übrigens die Stiftung Carolinum möglich. Die gemeinnützige Stiftung wurde von ehemaligen Schülern gegründet. Sie vergibt Preise und fördert Projekte. "In diesem Jahr spendet sie 4000 Euro, wovon 1500 Euro für den Bücherschrank vergeben wurden", sagte der Stiftungsvorsitzende Fritz Brickwedde.

Beste Vorleserin des Gymnasium Carolinum

Gute Vorleser: Die Schülerin Leni Fehlhauer gewann dieses Jahr den Vorlesewettbewerb in Niedersachsen. Damit gehört sie zu den 16 Besten in ganz Deutschland. Foto: David Ebener

Zusammen mit Lehrerin König freut er sich, dass sich Leni und ihr Klassenkamerad David Krämer als erste ein Buch aussuchen können. Beide sind nämlich sehr gute Vorleser. Leni gewann nicht nur den Vorlesewettbewerb der Schule, sondern auch der Stadt, des Bezirks und schließlich sogar des Landes Niedersachsen. "Das erste Mal hat ein Schüler vom Gymnasium Carolinum beim Bundesfinale in Berlin mitgemacht", freut sich der Schulleiter Helmut Brandebusemeyer. Leni gehört damit zu den 16 Besten aus ganz Deutschland - von ursprünglich mehr als 6000 Teilnehmern. Für den Wettbewerb durfte sie drei Tage nach Berlin. Am letzten Tag kam dann sogar ihre ganze Klasse nach: Die jungen Carolinger schauten nicht nur beim Wettbewerb vorbei, sondern besichtigten auch den Bundestag und andere Attraktionen der Hauptstadt.


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