Trotz Lehrlingsmangels im Handwerk Azubi-Rekord bei großen Baufirmen in Region Osnabrück

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Osnabrück. Große Baufirmen aus der Region Osnabrück wie Dieckmann und Wittfeld legen trotz Lehrlingsmangels Azubi-Zahlen auf Rekordniveau vor. Dabei sind zum Start des neuen Ausbildungsjahres 233 Ausbildungsplätze bei Baufirmen im Raum Osnabrück noch unbesetzt. Doch was machen etwa Wittfeld und Dieckmann anders, als Unternehmen, die immer noch händeringend nach Lehrlingen suchen? Unsere Redaktion hat nachgefragt.

Die Situation spitzt sich zu: Der Fachkräftebedarf steigt, doch das Angebot an Fachkräften, die in so körperlich anspruchsvollen Berufen wie dem Straßenbau arbeiten wollen, wird immer geringer. Das haben das bundesweit tätige Bauunternehmen Wittfeld mit Hauptsitz in Wallenhorst und die Unternehmensgruppe Dieckmann mit Sitz in Osnabrück schon vor Jahren erkannt und sich neu fokussiert. Ihr stärkeres Engagement für den Nachwuchs ist von Erfolg gekrönt: Mittlerweile stellen sie fast doppelt so viele Auszubildende ein wie noch vor einigen Jahren.

Dieckmann-Geschäftsführer Jens-Peter Zuther erklärt: „Auf dem freien Markt finden wir keine Fachkräfte mehr. Also haben wir reagiert und bilden unsere Fachkräfte selbst aus. Seit einigen Jahren hat die Ausbildung bei uns daher höchste Priorität.“ Während die Osnabrücker Firma mit 450 Mitarbeitern in der Region bis 2014 12 bis 16 Azubis einstellte, sind es seit 2015 stets mehr als 20. „Früher haben wir uns immer gesagt: Auf dem Arbeitsmarkt sind doch genug Fachkräfte vorhanden, und wir haben einfach auf die Bewerbungen gewartet“, sagt Ausbildungsleiter Friedrich Pfohl. „Heute gehen wir aktiv auf die Leute zu. Das, was wir heute machen, hätten wir schon vor zehn bis 15 Jahren machen sollen.“

( Weiterlesen: In der Region Osnabrück bewirbt sich der Betrieb beim Bewerber)

Doppelt so viele Azubis wegen Fachkräftemangel

Ähnlich beschreibt der Ausbildungsleiter von Wittfeld, Claus Grieger, die Situation: „Bis 2016 haben wir immer 13 bis 14 Azubis genommen. Dann mussten wir auf den Fachkräftemangel reagieren und bilden seit dem vergangenen Jahr immer mehr als 20 Lehrlinge aus.“ In diesem Jahr hat Wittfeld zum Ausbildungsstart 23 Azubis eingestellt. „Ich bin in Vollzeit nur noch für die Ausbildung zuständig“, erläutert Grieger. Diese intensive Betreuung der Auszubildenden zahlt sich aus. „Wichtig ist, dass sie stets einen Ansprechpartner haben, der sie in Praxis und Theorie betreut. Das wünschen sich viele, ist aber oft nicht der Fall.“

Die gute Ausbildung hat sich laut Grieger herumgesprochen. Allerdings hat das Unternehmen, das zu einem der größten Infrastrukturdienstleister Europas, dem französischen Eiffage-Konzern gehört, auch viel dafür getan: „Wir sind auf sehr vielen Messen, präsentieren uns dort als Arbeitgeber, bauen Kontakte zu den Arbeitsagenturen und Berufsberatern auf und bringen uns so ins Gespräch.“ Außerdem sei die Schulnote nicht immer so ausschlaggebend: „Es ist auch okay, wenn die Auszubildenden in der Schule mal mit einer 4 durchkommen, wenn sie denn auf der Baustelle gut mitmachen. Das Gesamtpaket muss stimmen.“ Damit die angehenden Baufacharbeiter die Ausbildung dann auch überstehen, bietet Wittfeld im Vorfeld Praktika an, um herauszufinden, ob der Beruf als Kanal-, Straßenbauer oder Gleis- und Bahnbauer auch zu den Bewerbern passt.

Image-Filme, Facebook und Instagram für die Azubi-Werbung

Auch Dieckmann unternimmt viel, um Azubis zu werben. Die Firma hat eine professionelle Dieckmann-Facebook-Seite aufgebaut, erstellt Imagefilme und bindet bei der Gestaltung auch die Jüngeren ein. Da Facebook bei dieser Klientel mittlerweile aber eine immer geringere Rolle spielt, arbeiten sie auch schon an einem Auftritt bei dem angesagteren Bilderdienst Instagram. „Uns ist wichtig, mit den Jugendlichen auf Augenhöhe zu reden. Also gehen wir mit unseren Azubis zusammen in die Schulen und erzählen von uns. Das wirkt viel mehr, als wenn so alte Knacker wie ich das alleine tun würden“, fügt Pfohl mit einem Hinweis auf sein grau meliertes Haar lachend hinzu.

„Wenn sie verpennt haben, hole ich sie zu Hause ab“

Insgesamt legt Dieckmann großen Wert auf ein gutes Betriebsklima. Pfohl versteht sich als Mutter der Kompanie. „Ich sage den Jungs immer: Ab 5 Uhr morgens könnt ihr mich jederzeit anrufen. Und wenn sie verpennt haben, dann hole ich sie auch schon mal zu Hause ab und bringe sie auf die Baustelle.“ Pfohl, der auch Chef der Gewerkschaft IG Bau in der Region ist, beschreibt sich als Familienmensch. Wenn es nötig ist, bringt er den Azubis auch bei, morgens pünktlich zur Abfahrt auf die Baustelle auf dem Dieckmann-Betriebshof zu sein oder sich im Krankheitsfall zumindest pünktlich beim Polier zu melden, damit dieser morgens nicht unnötig auf sie warten muss. Um den Teamgeist zu fördern, gibt es zudem regelmäßig Aktionen wie etwa Azubi-Nachmittage im Kletterwald.

1400 Unterschriften gegen die Abschiebung von Jamal schweißen zusammen

Unschlagbar für den Zusammenhalt in der „Familie Dieckmann“, wie sie hier von sich reden, war jedoch eine andere Aktion: Das überwältigende Engagement für Jamal, der als einer von sieben Flüchtlingen seit 2015 bei Dieckmann in die Lehre ging. Die Mitarbeiter sammelten 1400 Unterschriften dafür, dass der 19-jährige Sudanese nicht abgeschoben wird, seine Ausbildung bei Dieckmann bis 2020 beenden darf und einen sicheren Aufenthaltsstatus bekommt. „Ständig haben die Leute morgens gefragt: Und, wie sieht’s bei Jamal aus?“, berichtet Pfohl. Er ist sich mittlerweile sicher, dass Jamal auch dank des Mitarbeiter-Engagements bis 2020 bleiben darf.

Darf Jamal bleiben?

Und auch darüber hinaus will Pfohl dafür kämpfen, dass Jamal Eldein Ahmed nach der Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker in Deutschland arbeiten wird. „Ich werde mit ihm zur sudanesischen Botschaft nach Berlin fahren und dafür sorgen, dass er seine Geburtsurkunde bekommt und später mit seinem sudanesischen Pass auch den deutschen Pass bekommt.“ Jamal will irgendwann in Osnabrück seinen Meister machen. Pfohl zeigt sich fest entschlossen, ihn dabei zu unterstützen.

„Die Familie“: Schon sein Vater arbeitete hier

Schon der Vater von Arlind Musliu (rechts) arbeitete bei Dieckmann in Osnabrück. Foto: Jean-Charles Fays

Ähnlich wie Jamal träumt auch der Azubi im dritten Lehrjahr Julien Schüssler davon, irgendwann Polier, also Leiter einer Baustelle, zu werden und später seinen Meister zu machen. Noch nicht so weit denken hingegen möchte Arlind Musliu, der erst vor zwei Wochen als Azubi angefangen hat. Wie bei vielen anderen Kollegen auch, arbeitet bereits sein Vater bei Dieckmann: „Ich habe nur Gutes gehört“, sagt der 17-Jährige. Vielleicht liegt es bereits am Zusammengehörigkeitsgefühl der „Familie“, dass er im Hochsommer nicht einmal über die Gluthitze klagt, als er die Kollegen an der Baustelle am Osnabrücker Hasetorwall beim Setzen eines Bordsteins unterstützt.


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