Staatsanwalt legt Berufung ein Nach Tod einer Radlerin in Hellern: Lkw-Fahrer vor dem Landgericht

Von Rainer Lahmann-Lammert

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Drama in Hellern: Eine 71-jährige Radfahrerin wurde vom rechts abbiegenden Sattelzug überrollt. Der Lkw-Fahrer steht am Freitag vor Gericht. Foto: NWM-TVDrama in Hellern: Eine 71-jährige Radfahrerin wurde vom rechts abbiegenden Sattelzug überrollt. Der Lkw-Fahrer steht am Freitag vor Gericht. Foto: NWM-TV

Osnabrück. Die Radfahrerin hatte keine Chance. Sie wurde zerquetscht, als der Sattelzug nach rechts zog, obwohl er auf der Geradeausspur gestanden hatte. Fast ein Jahr nach dem schweren Unfall in Hellern muss sich der Lkw-Fahrer vor Gericht verantworten. Fahrlässige Tötung lautet der Vorwurf.

Schon im Juni hat das Amtsgericht Osnabrück den 56-jährigen Berufskraftfahrer zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Davon erfuhr die Öffentlichkeit allerdings nichts, weil die Pressestelle des Gerichts die Medien nicht informiert hatte. Gegen das Urteil legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. Deshalb kommt die Angelegenheit jetzt vor die 7. kleine Strafkammer des Landgerichts.

Am 16. Oktober 2017 war der schwere Fünfachser einer Gütersloher Spedition stadtauswärts auf der Lengericher Landstraße unterwegs. An der Blankenburg gab es damals noch die große Baustelle. Beim Anblick der rot-weißen Leitbaken glaubte der Mann am Steuer offenbar, die Straße in Richtung Hasbergen sei gesperrt. Außerdem hatte ihm sein Navi signalisiert, dass er nach einigen hundert Metern ohnehin abbiegen müsse. 

Nicht nach rechts geschaut

Obwohl er sich auf der Geradeausspur eingeordnet hatte, beschloss er, mit seinem Gespann nach rechts herüberzuziehen. Dass rechts von ihm auf der rot markierten Fahrradspur die 71-jährige Frau mit ihrem schwarzen Damenrad stand, war ihm entgangen. Die Ampel sprang auf Grün und die Tragödie nahm ihren Lauf. Hilflos mussten mehrere Zeugen mit ansehen, wie die ältere Dame versuchte, sich von dem Lkw wegzudrücken. Es half nichts. Ihr Körper wurde unter die schwere Maschine gezogen und mehrfach überrollt.  

Die Radlerin erlag kurze Zeit später ihren schweren Verletzungen. Im Obduktionsbericht ist von "kräftigen Zermalmungen quer über das Becken bis auf den rechten Oberschenkel" die Rede. Durch den enormen Druck waren die inneren Organe, das Skelett und das Gefäßsystem zertrümmert worden. Das Leben der Frau habe nicht mehr gerettet werden können, konstatierte ein Rechtsmediziner. 

Als mahnendes Dokument erinnert dieses Ghostbike an den tragischen Unfall vom 16. Oktober 2017. Die 71-jährige Radlerin wurde an der Lengericher Landstraße von einem schweren Lkw überrollt. Foto: Rainer Lahmann-Lammert

Ein vom Gericht beauftragter Kfz-Sachverständiger führte aus, dass es an der Verkehrssicherheit des Sattelzuges nichts zu beanstanden gegeben habe. Auch die Spiegel seien korrekt eingestellt gewesen. Nach Auffassung des Gutachters hätte der Lkw-Fahrer die 1,70 Meter große Radlerin sogar durch die Scheibe der Beifahrertür sehen müssen, wenn er nach rechts geblickt hätte.

Belastendes ergab sich auch durch die Auswertung der digitalen Tachodaten. Danach wurde der Sattelzug  innerhalb von elf Sekunden auf Tempo 21 beschleunigt. Das sei eine "normale Abbiegegeschwindigkeit", hielt der Gutachter fest, aber kein "besonders langsames Herantasten".

Strafmaß zu niedrig?

Mit der gebotenen Sorgfalt hätte der Angeklagte die Radfahrerin zweifellos rechtzeitig erkennen und den Unfall vermeiden können, fasste die Strafrichterin in ihrem Urteil zusammen. Zu seinen Gunsten vermerkte sie, "dass die Verkehrsführung nicht zuletzt durch die irreführende Beschilderung unübersichtlich und verwirrend war und der Angeklagte sich als Ortsfremder besonders orientieren musste". In die Waagschale kam auch der Umstand, dass der Mann bislang nicht strafrechtlich in Erscheinung getreten war.

Zu Lasten des Angeklagten wertete die Richterin jedoch, dass er als erfahrener Berufskraftfahrer fahrlässig mit einer "typischerweise gefährlichen Situation" umgegangen sei. Schon der rot markierte Fahrradstreifen hätte ihn alarmieren müssen, dass sich dort Radfahrer aufhalten könnten. Und weil der Sattelzug auf der Geradeausspur stand, hätten andere Verkehrsteilnehmer nicht damit rechnen können, dass er plötzlich nach rechts abbiege. 

Somit hat der angeklagte Lkw-Fahrer nach Auffassung des Gerichts in gravierender Weise seine Sorgfaltspflichten außer acht gelassen. Wegen fahrlässiger Tötung wurde er deshalb zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Zugleich setzte die Richterin die Strafe zur Bewährung aus. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wird das Landgericht nun prüfen, ob das Strafmaß angemessen oder möglicherweise zu niedrig ist. 




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