Wasserwirtschaft und Naherholung Der Osnabrücker Pappelsee: Zweckbau und Oase in der Wüste

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Osnabrück. Bei der augenblicklichen Dürre und der einhergehenden Braunfärbung ehemaligen Stadtgrüns scheint der Begriff „Wüste“ gar nicht mehr so abwegig. Die Namensgebung des Osnabrücker Stadtteils ist hingegen eigentlich paradox. Denn diese Wüste war immer besonders nass.

Der Name geht vielmehr auf die Siedlungsfeindlichkeit zurück, wie sie sowohl extreme Trockenheit wie auch Wasserüberschuss mit sich bringen. Über Jahrhunderte war das südwestliche Vorland der ummauerten Hasestadt kaum nutzbar. Der großflächige „Quellsumpf“ in der Tallage zwischen Kalkhügel und Westerberg fiel niemals trocken, solange der Mensch nicht eingriff. Effektiv geschah das erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Mit dem Ausbau des Pappelgrabens und der Anlage weiterer Entwässerungsgräben wurde das Land nach und nach „baureif“ gemacht. Aber das Wasser blieb den Siedlern auf den Fersen. Schon nach mittelstarken Regengüssen standen die Keller unter Wasser.

Die Tiefbauer wissen, wie man Abhilfe schafft: durch die Anlage von Regenrückhaltebecken. In einem ersten Schritt entstand 1975/76 der „Wüstensee“ an der Schreberstraße. Aber mit der zunehmenden Bodenversiegelung durch die Anlage immer neuer Wohnsiedlungen wurde schnell deutlich, dass mehr passieren musste, um das Oberflächenwasser an einem zu schnellen Abfließen in die dann überlasteten Gräben und Kanalisationen zu hindern und die schwierigen Grundwasserverhältnisse in Osnabrücks feuchtestem Stadtteil regulieren zu können. Die Pläne für einen See parallel zum Pappelgraben zwischen Prenzler- und Jostesweg standen schon im Entwässerungskonzept von 1962, der Grunderwerb begann in den 1970er-Jahren.

Erster Spatenstich 1984

1984 erfolgte der erste Spatenstich zur Anlage des Regenrückhaltebeckens am Pappelgraben, der später den volkstümlicheren Namen „Pappelsee“ erhalten sollte. Er fasst 30.000 Kubikmeter, ist 250 Meter lang, 50 Meter breit,, und der Wanderweg einmal drum herum misst 600 Meter. Dieser Rundweg trägt den Namen Dr.-Karl-Heinz-Müller-Weg. Und das natürlich nicht ohne Grund. Der 1991 verstorbene Gartenbau-Professor hatte immer wieder Druck bei der Stadt gemacht, das wasserwirtschaftlich dringend notwendige Becken endlich fertigzustellen. Denn leider schleppten sich die Arbeiten mühsam dahin. Der Tiefbauunternehmer, der das Ausbaggern gratis angeboten hatte, weil er sich ausreichende Erträge aus dem Verkauf des anfallenden Sandes versprochen hatte, verlor 1985 die Lust an dem Auftrag. Es zeigte sich nämlich, dass der Sand mit Moorboden vermischt war. Er wurde den Sand nicht los und stellte die Arbeiten daraufhin auf halbem Wege ein. Statt eines Pappelsees türmten sich unförmige Sandhaufen in der Landschaft auf, „Pappelberge“, wie die Bewohner der Wüste spotteten.

Karl-Heinz Müller scharte 50 Gleichgesinnte um sich und gründete mit ihnen den Bürgerverein Wüste. Damit bekam die Stimme der Wüsten-Bürger mehr Gewicht. Der beständige Dialog des Bürgervereins mit dem Tiefbauamt zeigte Wirkung. Die Verwaltung verzichtete auf einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem ursprünglichen Auftragnehmer, der zulasten des Baufortschritts und der geplagten Anwohner gegangen wäre. Sie kündigte den Ursprungsvertrag, schrieb die Arbeiten neu aus und nahm damit empfindliche Mehrkosten in Kauf. Im Juni 1986 war der Tiefbau endlich abgeschlossen.

Fokus auf den Naturschutz

Botanik-Professor Müller engagierte sich weiter für den See. Mit zahlreichen Mitstreitern sorgte er für eine naturnahe, artenreiche Einfassung. Sie retteten die Kopfweiden, die dem Wasserbau weichen mussten, und pflanzten sie am neuen Ufer an, sie setzten Seerosen ein, sie schufen ökologische Nischen für seltene Tier- und Pflanzenarten. Schon bald hatten sich Stockenten und Teichhühner in den Schilfzonen häuslich eingerichtet. Der Charakter eines Zweckbauwerks war nur noch an den Stadtwerke-Schildern „Betriebsgelände“ zu erkennen.

Einer Mondlandschaft gleichen die „Pappelberge“ noch im März 1985. Foto: Archiv Lore Müller

Vor vielen Jahren stand eine Annonce in dieser Zeitung: „Für unsere Mutter suchen wir eine ruhige, sonnige Wohnung in der Wüste“. Für Auswärtige klang das so, als wollten die Kinder ihre Mutter sprichwörtlich „in die Wüste schicken“. Die Anzeige wurde zu einem bundesweiten Lacher, als das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sie in seiner beliebten Rubrik „Hohlspiegel“ abdruckte. Der kundige Osnabrücker aber weiß natürlich, dass seine Wüste zu den beliebtesten Stadtteilen gehört, nicht zuletzt wegen des Naherholungswerts des Pappelsees, der zu einer echten Oase in der Wüste geworden ist.


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