Reportage über den Weg ins Priesteramt In Gottes Diensten: „Der Zölibat ist meine Berufung, kein Zwang“

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Vor der Weihe wird geübt: Diakon Kristian Pohlmann im April in der Kleinen Kirche neben dem Dom in Osnabrück. Foto: David EbenerVor der Weihe wird geübt: Diakon Kristian Pohlmann im April in der Kleinen Kirche neben dem Dom in Osnabrück. Foto: David Ebener

Osnabrück. Ein Familienmensch, der keine Familie haben darf. Ein junger Mann, der für den Rest seines Lebens der Kirche Gehorsam verspricht. Wir haben Kristian Pohlmann ein Jahr lang begleitet, auf seinem Weg zum Priesteramt.

„Da ist der Pfarrer!“ Die Großmutter zeigt freudestrahlend auf den jungen Mann, der gerade aus der Sakristei tritt. Weißes Messgewand, ernster Blick – dass Kristian Pohlmann noch gar kein Pfarrer ist, sondern Diakon, kümmert die Familie nicht. Es zählt, dass er taufen kann.

Zwei Dutzend Besucher in schwarzen und grauen Mänteln nehmen nach und nach in den ersten drei Reihen der kleinen Kirche Platz. Es ist kühl an diesem Freitag im Januar. Bevor es losgeht, erklärt Kristian Pohlmann Eltern und Paten den Ablauf: „Ich werde zwischendurch ein paar Dinge fragen. Aber keine Sorge, ich sage Ihnen genau, was ich hören möchte.“ Im Buggy quengelt das Baby. Pohlmann berührt es sanft und sagt: „Dann wollen wir dich heute mal taufen.“



Als der Gottesdienst beginnt, deklamiert der Diakon mit der offiziellen Stimme des Vertreters einer Jahrtausende alten Institution: „Mit großer Freude empfängt dich die Gemeinschaft der Kirche.“ Die Eltern fragt er: „Widersagt ihr den Verlockungen des Bösen?“ „Ich widersage“, antworten beide schüchtern.

Später, als die Familie schon mit Erinnerungsfotos beschäftigt ist, verneigt sich Pohlmann vor dem Altar und blickt zum Kreuz oben an der Wand. Seit neun Monaten arbeitet er hier im Osten Bremens. Mehr als zehn Kinder hat er in dieser Zeit in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen. Für ihn ist die Stadt eine Station auf dem Weg zum Priesteramt. „Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagt Pohlmann. „Aber mein Herz schlägt doch fürs Ländliche, für die Natur und Schützenfeste. Die Großstadt ist auf Dauer nicht meins.“



Mit seinem Berufsziel ist Pohlmann heutzutage ein Exot. Seit den 90er Jahren werden in der katholischen Kirche immer weniger neue Priester geweiht. 1997 waren es bundesweit noch 165. 2017 gerade einmal 74. Zwei Bistümer mussten im vergangenen Jahr komplett auf eine Weihe verzichten. Eines davon war Osnabrück. Zum ersten Mal in der neueren Geschichte der Diözese.

Woran liegt das? „Der entscheidende Punkt ist der Zölibat“, sagt Religionssoziologe Detlef Pollack. Der Priestermangel habe auch mit einer Werteverschiebung zu tun. „Früher waren Eltern stolz darauf, wenn ein Kind aus der Familie Priester wurde. Da die Bindung ans katholische Milieu stark abgenommen hat, findet sich eine solche Haltung heute kaum noch.“

In Kristian Pohlmanns Familie, die aus Georgsmarienhütte stammt, ist das anders. Hier gehört zum Sonntag die Messe. Als Kind war Pohlmann erst Messdiener, dann Gruppenleiter. Selbst sein Hobby passt: Er spielt Orgel. „Das ist meine Berufung, mein Herzenswunsch. Ich habe meinen Traumberuf gewählt“, sagt der 27-Jährige. „Das beschäftigt mich seit dem Kindergarten. Als ich mich beim Bistum beworben habe, haben meine Freunde gesagt: Gott sei Dank – du wirst Pastor.“

Es zählt die "menschliche Reife"

Einer, der gewissermaßen an der Pforte zum Priesterleben steht, ist der Osnabrücker Regens Thilo Wilhelm. Er ist für die Ausbildung im Bistum verantwortlich. Im Gespräch lobt er Diakon Kristian Pohlmann: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass er einen guten Weg geht. Alle wesentlichen Kriterien erfüllt er.“ Im Gespräch über die Zulassung zum Priesteramt fällt immer wieder der Begriff „menschliche Reife“. Wilhelm sagt: „Wir bekommen erheblich mehr Bewerbungen, als wir Anwärter annehmen. Wenn man bei der Auswahl nicht gut aufpasst, kann im Nachhinein großer Schaden entstehen.“ Der Kandidat müsse bereit sein, sich dem Leben als Priester voll hinzugeben.

In Bremen steht das Pfarrhaus direkt neben der Kirche. Hier hängt im Zimmer des Diakons ein großes Holzkreuz an der Wand. Darunter mehrere Kerzen, Heiligenbilder und ein kleiner Kaktus. Eine der Heiligenfiguren hat ihm sein verstorbener Heimatpfarrer vererbt. „Ich komme aus einem sehr behüteten Glaubensumfeld“, sagt Pohlmann. „Ich selbst habe Kirche immer positiv erlebt.“

Im Bremer Osten kennt man ihn mittlerweile. Als Pohlmann eines Tages mit einem Eis in der Hand durch die Nachbarschaft lief, rief eine ältere Dame aus dem Fenster: „Na, schmeckts? Als Diakon darf man sich ja auch mal ein Eis gönnen, was?“

Vorbereitung einer Übungsstunde in der Kleinen Kirche in Osnabrück. Foto: David Ebener

Drei Monate später, im April, steht der Diakon hinter dem steinernen Altar der Kleinen Kirche in Osnabrück. Pohlmann hält eine große Hostie in die Höhe. „Das ist mein Leib…“, trägt er vor, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Dabei blickt er kurz zu einem Mann in den Vierzigern mit moderner Undercut-Frisur hinüber, der in der ersten Bankreihe sitzt und ohne aufzublicken in ein schwarzes Notizbuch schreibt.

Dozent Alexander Bergel (Mitte) und die Diakone Josef Ohagen (von links), Tobias Postler, Kristian Pohlmann und Thomas Wirp, die sich auf die Weihe vorbereiten, üben in der Kleinen Kirche neben dem Dom in Osnabrück. Foto: David Ebener

Mit feierlichem Ernst breitet Pohlmann seine Hände aus, hebt sie zur Decke und schließt mit einem „Jetzt und in alle Ewigkeit.“ „Amen“, murmelt der Mann in der ersten Bank und fügt hinzu: „Ja, vielen Dank. Wann können Sie bei uns anfangen?“

Dozent Alexander Bergel (Mitte) zeigt, wie es geht. Foto: David Ebener

Immer und immer wieder haben Kristian Pohlmann und weitere Priesteramtskandidaten an diesem Montag den Ablauf der Heiligen Messe geübt. Am Ende jedes Durchlaufs schätzen sich die Kollegen gegenseitig ein. Bei Pohlmann sind sie voll des Lobes. „Das war ganz schön professionell“, sagt einer. Pohlmann beißt ein wenig auf seiner Lippe herum. Übungsleiter Alexander Bergel sagt: „Das war ein sehr souveräner Auftritt.“ Hier und da gebe es aber doch noch etwas zu verbessern.

Auch auf die richtige Handhaltung kommt es an. Foto: David Ebener

„Du hast an manchen Stellen die Leute angeschaut. Mach das nicht. Das ganze Gebet richtet sich an den Vater“, sagt Bergel und holt dann weiter aus. „Das Hochgebet wird häufig als Tiefpunkt der Messe wahrgenommen“, warnt er seine Schützlinge, und klingt dabei ein wenig wie Modedesigner und TV-Moderator Guido Maria Kretschmer, der eine seiner Show-Kandidatinnen behutsam damit konfrontiert, dass ihr Querstreifen so gar nicht stehen. „Die meisten Gemeindemitglieder wissen was kommt, dadurch ist es für viele so emotional wie ein Busfahrplan. Aber man kann das durch seine Stimme beeinflussen.“ Außerdem sollen die Kandidaten darauf achten, ihre Daumen anzulegen, wenn sie die Arme ausbreiten. Das sehe einfach besser aus.

Viele Male gehen die Priesteramtsanwärter die Zeremonie durch. Foto: David Ebener

Wenige Wochen vor dem Weihetermin sitzt Kristian Pohlmann vor einer Pizza Tonno auf dem Osnabrücker Marktplatz. Er spricht  über den Missbrauchsskandal („Das widert mich bis heute an. Aber ich bin sehr froh, dass es aufgedeckt wurde und dass es gerade in Deutschland nicht mehr so vertuscht wird.“) und über den Zölibat.

Pohlmann erzählt häufig von seiner Familie, seinen Großeltern, Geschwistern. „Das werde ich nie haben“, sagt er mit ernster Miene. „Und das tat auch schon mal weh. Man ist ja ein Mensch. Der Wunsch danach wird nicht einfach weggeweiht. Aber ich habe meine Entscheidung nie bereut.“ Die zölibatäre Lebensform hält er für angemessen für sein Leben als Priester. Selbst wenn es katholischen Pfarrern irgendwann freigestellt werden sollte, eine Familie zu gründen, will Pohlmann bei seinem Entschluss bleiben. „Der Zölibat ist meine Berufung, kein Zwang. Ich habe mich bewusst dafür entschieden.“



Und dann erzählt er von dem Mädchen, das er während des Theologiestudiums kennen gelernt hat. Im Priesterseminar in Münster habe man ihm gesagt: „Wir sind dafür da, dass Sie mit einer glücklichen Lebensentscheidung hier rausgehen.“ Ein paar Mal Eisessen, dann hatte sich das Ausprobieren erledigt. „Ich habe gemerkt: Das ist nicht meins. Aber ich musste das für mich klären“, sagt Pohlmann. „Ich habe im Gebet mit Gott darüber gesprochen. Und es war gut, diese Erfahrung gemacht zu haben. Da merkt man: Man ist auch ein normaler Mensch.“

Es ist Pfingstsamstag. Weihrauch erfüllt den Osnabrücker Dom. Fernsehkameras sind auf den Altar gerichtet. Leises Gemurmel erfüllt das voll besetzte Kirchenschiff. Weihbischof Johannes Wübbe zieht mit seinem Gefolge durch den Mittelgang ein. „Welch ein schönes Ereignis, welch ein festlicher Rahmen“, beginnt der Weihbischof, der den erkrankten Bischof Bode vertritt.

Ehrfurcht und Gehorsam

Als Kristian Pohlmann – heute im weißen Gewand – aufgerufen wird, sagt er laut: „Hier bin ich.“ Der Regens sagt über die Diakone, so wie es das Ritual vorsieht: „Das Volk und die Verantwortlichen wurden befragt; ich bezeuge, dass sie für würdig gehalten werden.“ Der Weihbischof spricht über Berufung und Versuchung. Schließlich treten die beiden Osnabrücker Priesteramtskandidaten nacheinander vor ihn. „Ich bin bereit“, sagt Kristian Pohlmann, die Hände vor der Brust gefaltet. In die Hand des Bischofs verspricht er Ehrfurcht und Gehorsam.

Diakon Kristian Pohlmann (rechts) wird am Pfingstsamstag von Weihbischof Johannes Wübbe zum Priester geweiht. Foto: David Ebener

Am Ende der Messe verlassen 75 Priester, die den Gottesdienst hinter dem Altar verfolgt haben, lautlos ihre Plätze und reihen sich ein, um einer nach dem anderen die Hand auf die Stirn der beiden frisch geweihten Priester zu legen. Im Hintergrund vibrieren langgezogene Orgeltöne. Jeder, der die Stirn der neuen Priester berührt hat, schließt sich den Vorgängern an, und stellt sich in die Gruppe derjenigen, die sich hinter dem Weihbischof versammelt haben. Viele von ihnen schließen lächelnd die Reihen. Ausbilder Alexander Bergel legt seine Hand mit geschlossenen Augen auf die Stirn von Kristian Pohlmann und schreitet dann mit gefalteten Händen in die letzte Reihe.



Einige Wochen zuvor hatte Pohlmann im Gespräch auf dem Osnabrücker Marktplatz gesagt: „Das ist eine Gemeinschaft, in der ich mich getragen fühle, die mir eine gewisse Sicherheit gibt.“ Schließlich umarmt Weihbischof Johannes Wübbe den Priester Kristian Pohlmann fest. Der lächelt. Er und sein Kollege dürfen nun erstmals im Kreise der Priester hinter dem Altar sitzen.



Beim Höhepunkt, der Gabenbereitung, legen beide ihre Daumen an, so wie sie es im Liturgiekurs geübt haben. Nach zwei Stunden Gottesdienst applaudiert die Gemeinde den beiden frisch geweihten Priestern. Auf dem Weg in den Garten des Bischofshauses zum Empfang raunt ein Gemeindemitglied dem anderen zu: „Ich glaube, der Pohlmann kommt ins Emsland. Der war jetzt lange genug in der Diaspora.“

Währenddessen erfährt Kristian Pohlmann hinter den geschlossenen Türen des Bischofshauses, dass er als Kaplan nach Lingen geschickt wird.


Fotos: David Ebener


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