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Aus China ausgewiesen Kritische Fragen nicht erwünscht: David Missal ist wieder in Osnabrück

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„Cancelled“: Ein roter Stempelaufdruck im Reisepass des Journalismus-Studenten David Missal lässt erkennen, dass er in China nicht mehr erwünscht ist. Foto: Gert Westdörp„Cancelled“: Ein roter Stempelaufdruck im Reisepass des Journalismus-Studenten David Missal lässt erkennen, dass er in China nicht mehr erwünscht ist. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Wenn es um Menschenrechte geht, reagieren chinesische Behörden empfindlich. Wohl deshalb musste der 24-jährige Journalismus-Student David Missal die Volksrepublik jetzt verlassen. Er hatte sich für Zusammenhänge interessiert, die dem Staat nicht genehm sind. In Osnabrück stand er uns für ein kurzes Gespräch zur Verfügung.

Für die Medien ist David Missal in diesen Tagen ein gefragter Interviewpartner. Am Sonntagabend ist er nach Osnabrück zurückgekehrt. Und nun melden sich unentwegt Radiosender und Zeitungsredaktionen bei ihm, dabei hat er nicht einmal Zeit, seine Mailbox abzuhören. Als er im September 2017 sein Masterstudium an der Pekinger Tsinghua-Universität begann, war nicht abzusehen, dass dieses Jahr so spektakulär zu Ende gehen würde.

David Missal öffnet seinen Reisepass. Eigentlich sollte das Visum bis zum 6. September gültig sein. Doch dann gab es ein Gewitter, und wie ein Blitz geriet ein roter Stempelaufdruck auf das Dokument: „Cancelled“. Damit war es vorbei mit dem Studium in der Volksrepublik. Gründe wurden nicht genannt. Aber Missal ist klar, dass er sich mit seinem kritischen Blick auf den Umgang des Staates mit oppositionellen Kräften unbeliebt gemacht hat.

„Das ist schon gruselig“

Dabei ist er, wie er sagt, keineswegs mit dem Ziel nach China gegangen, um Menschenrechtsverletzungen aufzugreifen: „Das hat sich so ergeben“. Der Student, der fließend Chinesisch spricht, nahm sich im ersten Semester überwiegend bunte Geschichten vor. Zum Beispiel begleitete er einen Privatdetektiv auf der Jagd nach Ehebrechern. Oder einen Abenteurer, der damit berühmt werden wollte, dass er einen schweren Lkw-Reifen von einer Stadt zur nächsten rollte. „Also nichts Politisches“, wie der junge Mann aus Osnabrück bekundet.

Politisch wurde es, als er über Twitter auf Rechtsanwälte aufmerksam wurde, die Menschenrechtler verteidigen. Twitter ist für chinesische Internetnutzer normalerweise nicht zugänglich, Missal konnte aber über sein VPN-Netzwerk darauf zugreifen. Er suchte den Kontakt zu Anwälten und Angehörigen von Menschen, die schon jahrelang im Gefängnis sitzen, weil sie als Dissidenten oder als Mitglieder der Falun-Gong-Bewegung in Ungnade gefallen sind. Zu ihnen gehören auch Leute, die sich beim Staatspräsidenten über Missstände beschwert haben.

Die Ehefrau eines seit drei Jahre Inhaftierten wisse nicht, ob ihr Mann überhaupt noch lebe, berichtet Missal. Auch von Folter habe er einiges mitbekommen. Einem Anwalt, der selbst in die Mühlen des Repressionsapparates geraten ist, seien Medikamente verabreicht worden, von denen er nicht wusste, ob sie ihm schaden würden. „Das ist schon gruselig“, meint der Student. Und als angehender Journalist räumt er ein: „Objektiv zu bleiben, fällt da schwer“.

Leben im Zwiespalt

An der Uni kenne er keinen, der ebenfalls über Menschenrechtsverletzungen recherchiert habe, sagt Missal. Sicherlich habe er dabei den Bonus des Ausländers nutzen können. Befreundete Kommilitonen, denen er von seinen Beobachtungen erzählte, hätten ihn dafür bewundert. Die meisten von ihnen lebten aber in einem Zwiespalt: „Viele denken kritisch, aber sie wissen, dass sie damit im Beruf Schwierigkeiten bekommen“.

Auch unter den Dozenten gebe es kritische Geister und Idealisten. Eine Betreuerin habe zum Beispiel früher beim chinesischen Staatsfernsehen gearbeitet – auf durchaus investigative Weise. Und sein Professor habe die Recherchen in punkto Menschenrechtsverletzungen zwar nicht unterstützt, aber immerhin erlaubt, sagt Missal.

Vieles, das in China zum Journalismus-Studium gehöre, unterscheide sich kaum von dem, was an europäischen Universitäten gelehrt werde, etwa wenn es um Videojournalismus gehe. Aber es gebe gravierende Unterschiede. Marxistische Journalismustheorie sei Pflicht, berichtet Missal, und dazu gehöre eben auch, dass die Medien von der Partei kontrolliert würden und nicht umgekehrt.

In China wird der 24-jährige sein Studium nun nicht fortsetzen können. Und nun? David Missal hat schon neue Pläne. Seinen Masterstudiengang will er in Taiwan oder Hongkong zu Ende bringen. Vielleicht auch in Berlin.


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