Der Jahnplatz in Bielefeld Auch Osnabrücks Paralleluniversum hat ein Neumarkt-Problem

Von Rainer Lahmann-Lammert

Nein, das ist nicht der Neumarkt in Osnabrück, sondern der Jahnplatz in Bielefeld. Aber die Probleme sind die Gleichen. Foto: Rainer Lahmann-LammertNein, das ist nicht der Neumarkt in Osnabrück, sondern der Jahnplatz in Bielefeld. Aber die Probleme sind die Gleichen. Foto: Rainer Lahmann-Lammert

Bielefeld. Ein Platz, den keiner mag: Asphalt und Beton, nervender Durchgangsverkehr, viel zu hohe Stickoxidwerte. Die einen wollen ihn für Autos sperren, die anderen pochen auf freie Fahrt. Nein, hier ist nicht vom Neumarkt in Osnabrück die Rede, sondern vom Jahnplatz in Bielefeld. Schöne Grüße aus dem Paralleluniversum.

Der Jahnplatz ist eigentlich eine Durchgangsstraße, durch die sich täglich 20.000 Autos schieben. Eine Schneise, die Bielefelds Fußgängerzone in zwei Teile trennt. Genau wie der Neumarkt in Osnabrück. Mit dem Unterschied, dass die edleren Geschäfte auf der südlichen Seite zu finden sind und das neue Einkaufszentrum namens Loom im etwas minder angesagten Norden seinen Standort gefunden hat.

Das ist neu: Eine Umweltspur für Busse und Radler, eine Spur weniger für die Autos. Foto: Rainer Lahmann-Lammert

Seit einer Woche läuft in Bielefeld ein Experiment, das darauf abzielt, den Verkehr auf dem zentralen Platz der Stadt zu verringern. Auf dem Straßenabschnitt gilt neuerdings Tempo 30, dem Individualverkehr wurde eine Spur abgenommen und als Umweltspur den Bussen und Radlern gewidmet. Vier rot-weiße Poller hindern Autofahrer daran, in den Niederwall abzubiegen, eine Seitenstraße wie der Kollegienwall in Osnabrück. Radler kommen durch, und die Fußgänger, die bislang auf die Ampel warten mussten, genießen ihre neue Freiheit, jederzeit die Seite wechseln zu können.

Es gab schon weitergehende Pläne für den Jahnplatz. Autofrei sollte er werden nach dem Willen der Paprika-Koalition. Ja, das Bündnis nennt sich wirklich so, weil es aus SPD und Grünen, einem Piraten und einer Wählergemeinschaft namens "Bürgernähe" besteht. Die bunten Schoten bringen es auf eine Einstimmen-Mehrheit im Bielefelder Rat, wenn auch Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) die Hand hebt. 

Für Fußgänger ist das Überqueren des Jahnplatzes jetzt etwas einfacher geworden. Foto: Rainer Lahmann-Lammert

Gegen einen autofreien Jahnplatz sperrte sich jedoch die CDU mit Händen und Füßen. Sie prophezeite "Staus ohne Ende" und warnte vor Umsatzrückgängen in der Bielefelder City. Mehrmals versuchte sie, den Modellversuch zu stoppen. Paprika ruderte schließlich zurück und einigte sich im Juni mit der CDU auf eine Testphase mit "reduziertem Individualverkehr". 

"Ein hässlicher Fleck"

Anders als der Neumarkt, dessen Leidensgeschichte schon mehr als zwei Jahrzehnte zurückreicht, beherrscht der Jahnplatz in Bielefeld erst seit einem Jahr die kommunalpolitische Agenda. Hohe Stickstoffdioxidwerte heizten nicht nur die Diskussion um Fahrverbote an. Im Fokus stand schon bald die Frage, ob der Anblick von lückenlos versiegelten Flächen, nüchternen Fassaden und lieblos gestalteten Haltestellendächern überhaupt noch zumutbar ist. "Selbst im Abendlicht ist der Jahnplatz ein hässlicher Fleck", titelte die "Neue Westfälische" im Juli.                            

Es soll sich etwas ändern, das steht fest. Und die Stadt Bielefeld sieht gute Chancen, von einem Förderprogramm des Landes zu profitieren. 13,3 Millionen Euro sollen in Aussicht stehen, ein Teil davon zweckgebunden für den Radverkehr. Planer und Politiker stehen unter Zugzwang, weil das Geld nur fließt, wenn die Arbeiten 2023 abgeschlossen sind. Einen Vorentwurf haben drei Ingenieure vor einigen Wochen vorgestellt. Mehr Aufenthaltsqualität, mehr Grün, weniger Verkehr und keine "Angsträume" mehr, lautet das Ziel, die Bushaltestellen sollen heller und freundlicher werden, der Tunnel zu einer Fahrradstation umgebaut werden. 

Das gibt's noch in Bielefeld: Ein Tunnel mit Rolltreppen. Aber unten geben immer mehr Geschäfte auf. Foto: Rainer Lahmann-Lammert

Mit dem Jahnplatztunnel sind wir bei einem sensiblen Bielefelder Thema angekommen. Osnabrücker, die den Niedergang des Neumarkttunnels miterlebt haben, können das vielleicht nachempfinden. Obwohl von fast allen Seiten Rolltreppen in die Passage führen, wechseln die meisten Passanten lieber oberirdisch die Straßenseite. Unten lässt die Frequenz nach, und ein Geschäft nach dem anderen schließt. 

Die kürzeste U-Bahn der Welt

Den Tunnel einfach wegbaggern und zuschütten, das geht in Bielefeld aus zwei Gründen nicht. Erstens gehört er nicht der Stadt, sondern einem privaten Investor,  mit dem erst eine Vereinbarung getroffen werden müsste, zweitens dient er auch als Zugang zur Stadtbahn. Bielefeld, das sei hier in Erinnerung gerufen, wird manchmal verspottet, die "kürzeste U-Bahn der Welt" zu betreiben. 

Die Stadtbahn macht den Unterschied. Deshalb können die Bielefelder am Jahnplatz nicht so ganz auf ihren Tunnel verzichten. Foto: Rainer Lahmann-Lammert

"Man könnte ja den einen oder anderen Zugang schließen", meint Stephanie Dietz, die Leiterin des Amtes für Verkehr, und die Stadtbahn sei dann immer noch gut erreichbar. Einen Tunnel findet sie nicht mehr zeitgemäß. Es zeuge von einem "eigenartigen Planungsverständnis", wenn von Fußgängern erwartet werde, dass sie den Autos zuliebe unter die Erde gehen, sagt die Verkehrsplanerin. 


Ohne Ampel geht es auch: An der Einmündung zum Niederwall mussten die Fußgänger lange auf "Grün" warten. Jetzt haben sie freie Bahn – und kosten das aus. Foto: Rainer Lahmann-Lammert

Dietz ist auch nicht zimperlich, wenn es um den Autoverkehr in der Stadt geht. Bis 2030 möchte sie ihn möglichst halbieren. Die meisten Fahrten seien nur zwei bis fünf Kilometer lang, gibt sie zu bedenken, und fügt hinzu: "Das ist ökonomisch-ökologischer Schwachsinn!" Vor diesem Hintergrund kann sie sich gut vorstellen, den Jahnplatz perspektivisch autofrei zu gestalten. Allerdings wird sie nur noch wenige Monate an dieser Perspektive mitarbeiten können, denn zum Jahresende wechselt sie nach Köln.

Überrascht, wie gut es funktioniert

Kritiker der Bielefelder Verkehrspolitik werfen ein, dass es an einem Konzept fehle, wo denn die Autos bleiben sollen, wenn sie nicht mehr über den Jahnplatz fahren dürfen. Nach der ersten Woche des Modellversuchs der Stadt sind selbst Skeptiker überrascht, wie geräuschlos die Verkehrsberuhigung funktioniert. Der Platz erscheint relativ leer, die Busse kommen besser voran, ein Wehklagen über Umsatzrückgänge im Einzelhandel oder Straßenverstopfungen an anderer Stelle ist nicht zu vernehmen. Aber das kann ja noch kommen. So wie in Osnabrück.

Mit dieser Messstation fing alles an: Überhöhte Stickstoffdioxidwerte brachten die Stadt Bielefeld dazu, den Verkehr auf dem Jahnplatz neu zu ordnen. Foto: Rainer Lahmann-Lammert










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