Agentur für Arbeit warnt Tausenden Frauen in Stadt und Landkreis Osnabrück droht die Altersarmut

Von Sandra Dorn

Fast 25.000 Frauen in Stadt und Landkreis Osnabrück droht die Altersarmut. Foto: Daniel Reinhardt/dpaFast 25.000 Frauen in Stadt und Landkreis Osnabrück droht die Altersarmut. Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Osnabrück . Knapp 8000 Frauen in der Stadt und 16700 im Landkreis Osnabrück sind ausschließlich geringfügig beschäftigt. Sie zahlen nichts in die Sozial- und Rentenversicherungen ein und sind entsprechend stark von Altersarmut bedroht.

„Diese Frauen werden in der Rente niemals alleine davon leben können“, warnt Andrea Kalinsky, Leiterin der Koordinierungsstelle Frau und Betrieb. Und Andrea Kreft, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Osnabrücker Agentur für Arbeit, hat die Erfahrung gemacht: „Die Frauen stoßen häufig erst auf das Thema, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“

Spätes Erwachen

Den meisten werde ab Mitte 50 oder noch älter bewusst, dass ihnen die Altersarmut droht – es sei denn, sie haben schon früher eine Trennung durchgemacht oder der Ehemann ist arbeitslos geworden.

Die Frauenquote in der Gruppe der Minijobber ist dabei in der Region Osnabrück erheblich höher als niedersachsen- und bundesweit. So sind 66,6 Prozent der ausschließlich auf 450-Euro-Basis Beschäftigten im Landkreis Osnabrück Frauen, also zwei Drittel. Nur ein Drittel der ausschließlichen Minijobber sind Männer. Niedersachsen- und bundesweit sind lediglich 62,9 und 62 Prozent der Minijobber Frauen, und in der Stadt Osnabrück 60 Prozent. Noch gravierender sieht es in der Gruppe der Menschen in der Familienphase zwischen 35 und 45 Jahren aus: Da liegt die Frauenquote bei den Minijobbern im Landkreis bei satten 87,4 Prozent – das sind fast zehn Prozentpunkte mehr als bundesweit ( 77,7 Prozent). 2519 Frauen sind es in Zahlen im Landkreis, und in der Stadt 72,5 Prozent beziehungsweise 812 Minijobberinnen.  

Altes Rollenbild

Gerade im Landkreis herrsche oft immer noch das alte Rollenbild, sagt Kreft: Der Mann geht arbeiten, die Frau kümmert sich um Familie und Haushalt. Die Einkünfte aus Minijobs etwa als Putzfrau, im Einzelhandel, bei der Postzustellung oder in der Logistik kommen dann der Urlaubskasse zugute oder werden als nettes Zubrot betrachtet. Die Scheidung wird damit zur Armutsfalle – und 2017 wurde in Deutschland mehr als jede dritte Ehe geschieden. Viele Frauen seien völlig überrascht, wenn sie erfahren, wie wenig ihnen noch zusteht. „Da brechen Welten zusammen“, sagt Andrea Kreft.


Sie wollen Frauen für das Thema sensibilisieren: Andrea Kreft (links) von der Osnabrücker Agentur für Arbeit und Andrea Kalinsky von der Koordinierungsstelle Frau und Betrieb in Osnabrück. Foto: Sandra Dorn


Vortragsreihe

Mit einer kostenlosen Vortragsreihe wollen sie und Andrea Kalinsky im September für das Thema sensibilisieren. Die Titel: „Frauen und Rente“ (Dienstag, 4. September). „Jede kann es treffen: Trennung und Scheidung“ (Donnerstag, 6. September) und „Neue Wege gehen: Selbstwertgefühl stärken“ (Donnerstag, 13. September), jeweils von 9.30 bis 11.30 Uhr in der Osnabrücker Agentur für Arbeit (Johannistorwall 56).

„Die Hoffnung, dass ein Minijob der Eintritt in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist, ist in der Regel ein Irrglaube“, betont Andrea Kreft. Erschwerend hinzu kommt: „Viele Frauen glauben, dass sie am Arbeitsmarkt nicht mehr gewollt werden.“ Auch das sei jedoch ein Irrglaube.

Beratungsangebote

Frauen, die sich um ihre finanzielle Versorgung im Alter sorgen und wieder in den Beruf einsteigen wollen, können sich jederzeit beraten lassen, entweder bei der Koordinierungsstelle Frau und Betrieb in der Schloßstraße (Tel. 0541/27026) oder bei der Agentur für Arbeit in Anspruch nehmen (Tel. 0541 /980-260) – und zwar unabhängig von ihrem derzeitigen beruflichen Status, egal ob Elternzeit, Scheidung oder Minijob.

Die Beratungszahlen sind jedoch nicht hoch. Bei der Koordinierungsstelle würden jährlich etwa 100 bis 120 Frauen beraten, sagt Andrea Kalinsky. Vielen sei es schlichtweg unangenehm, den Beraterinnen zu sagen, dass sie sich 20 Jahre um die Familie gekümmert hätten. Dabei müssten sie sich darum am wenigsten Sorgen machen. „Wir wollen niemanden verurteilen, der eine längere Familienphase macht“, sagt Kreft. „Mir ist stattdessen wichtig, dass die Frauen, wissen, worauf sie sich einlassen.“


Geringfügige Beschäftigung

So definiert die Agentur für Arbeit Minijobs: "Zu den geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen zählen Arbeitsverhältnisse mit einem niedrigen Lohn (geringfügig entlohnte Beschäftigung) oder mit einer kurzen Dauer (kurzfristige Beschäftigung). Beide werden auch als "Minijob" bezeichnet.

Eine geringfügig entlohnte Beschäftigung nach § 8 Abs. 1 Nr. 1 SGB IV liegt vor, wenn das Arbeitsentgelt aus dieser Beschäftigung (§ 14 SGB IV) regelmäßig im Monat die Geringfügigkeitsgrenze nicht überschreitet. Die Geringfügigkeitsgrenze beträgt bis einschließlich zum 31.12.2012 400 Euro und ab dem 01.01.2013 450 Euro. Regelmäßig bedeutet, dass, wenn die Grenze von 450 Euro nur gelegentlich und nicht vorhersehbar überschritten wird, trotzdem eine geringfügig entlohnte Beschäftigung vorliegt. "

Anders sieht es aus bei sozialversicherungpflichtigen Jobs. Dazu schreibt die Arbeitsagentur: "Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte umfassen alle Arbeitnehmer, die kranken-, renten-, pflegeversicherungspflichtig und/oder beitragspflichtig nach dem Recht der Arbeitsförderung sind oder für die Beitragsanteile zur gesetzlichen Rentenversicherung oder nach dem Recht der Arbeitsförderung zu zahlen sind. Dazu gehören insbesondere auch Auszubildende, Altersteilzeitbeschäftigte, Praktikanten, Werkstudenten und Personen, die aus einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis zur Ableistung von gesetzlichen Dienstpflichten (z. B. Wehrübung) einberufen werden. Nicht zu den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten zählen dagegen Beamte, Selbstständige, mithelfende Familienangehörige, Berufs- und Zeitsoldaten, sowie Wehr- und Zivildienstleistende. 


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