Serie: Politiker und ihre liebsten Kulturorte Heiko Schlatermund lernt das Theater als Praktikant kennen

Von Ralf Döring

Lächeln, auch unter Last: Ratsmitglied  Heiko Schlatermund (SPD) wuchtet Teile einer Theaterkulisse durchs Emma-Theater. Foto: David EbenerLächeln, auch unter Last: Ratsmitglied Heiko Schlatermund (SPD) wuchtet Teile einer Theaterkulisse durchs Emma-Theater. Foto: David Ebener

dö Osnabrück. Wohin zieht es die Mitglieder des Kulturausschusses, wenn sie Kultur erleben wollen? Für den siebten Teil unserer Serie berichtet Heiko Schlatermund (SPD) von seinem Praktikum am Theater.

Die erste Begegnung könnte als ruppig interpretiert werden. „Was hast‘n Du für Puschen an!“, hörte Heiko Schlatermund, als er zum ersten Mal auf der Bühne des Theaters am Domhof stand. Danach besorgten ihm die Kollegen Sicherheitsschuhe und Arbeitshandschuhe, denn der SPD-Mann war nicht als Regie-Hospitant gekommen, sondern um als Bühnenarbeiter das Haus von innen kennenzulernen.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“

Nun ist Schlatermund weder der erste Kulturpolitiker, der das Theater zum liebsten Kulturort kürt, noch der Erste, der den Blick hinter die Kulissen riskiert. Schlatermund ist aber sicher der Erste, der als Praktikant Kulissen geschoben oder LKWs für einen Abstecher beladen hat.

Seit dieser Woche weiß er, was es heißt, wenn vormittags für die Oper „San Paolo“ geprobt und anschließend die Abendvorstellung von „Chaplin“ vorbereitet wird: „Das ist schwere körperliche Arbeit“, sagt er, und: „Die haben richtig zu knüppeln.“ Das verleiht dem Bonmot von Karl Valentin eine ganz neue Dimension: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, hat der in seiner großen Weisheit einmal gesagt. Die Schichtzeiten und der hohe Altersdurchschnitt im Team machen die Sache übrigens nicht leichter.

Ein strammes Programm hat Schlatermund absolviert, getrieben von der Neugierde auf den Theaterbetrieb, den er als stellvertretender Vorsitzender des Aufsichtsrats ja beobachten soll. Vor allem aber hat er Argumente gesammelt für anstehende Diskussion in den Fraktionen und im Rat der Stadt.

Die könnten in nächster Zeit wichtig werden: Das Theaters am Domhof muss saniert werden. Schlatermund kann da eine ganze Liste potenzieller Baustellen aufzählen: Er weiß um die langen und unökonomischen Wege, weil sich Lager und Werkstätten über die ganze Stadt verteilen. Er weiß um die „absolut unzureichende Probenraumsituation“, mit Probebühnen, die kaum etwas mit der Aufführungsbühne zu tun haben. Er weiß um die Mängel beim Brandschutz, die wenigstens zum Teil aus der beengten Raumsituation resultieren. Die Sanierung is unumgänglich.

Voll motiviert und schlecht bezahlt

Nun hat Schlatermund aber nicht nur die Maloche hinter der Bühne kennengelernt, sondern auch mit Künstlern, mit Schauspielern, Tänzern und Sängern gesprochen. „Großen Respekt“ zollt er dem Tanzensemble, das er drei Stunden lang bei einer Probe beobachtet und zum Gastspiel in Hameln begleitet hat. „Jung und voll motiviert“, seien die Tänzerinnen und Tänzer, sagt er, obwohl die aktive Zeit streng begrenzt ist: Anfang dreißig enden viel Tanzkarrieren. Trotzdem müssen die Tänzer mit „einem Hungerlohn“ auskommen, womit Schlatermund beim berüchtigten „NV Bühne“ angelangt ist: Dieser Tarifvertrag sichert Berufsanfängern viel Arbeit bei wenig Geld zu. Ein Berufseinsteiger verdient 2000 Euro brutto, gleichzeitig klagen die Darsteller über „zu viele Produktionen und „extreme Ansprüche von Regisseuren“. Trotzdem seien alle hoch motiviert und würden sich „enorm mit dem Theater identifizieren“. Eine prima Voraussetzung für gutes Theater. Aber sein Praktikumsbericht wäre sich von einem eindringlichen „es gibt viel zu tun“ durchzogen.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN