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Zeitzeuge erinnert sich So war es früher im Osnabrücker Moskaubad

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Seine Mutter hat aus Nesselstoff Schwimmflügel genäht für die jungen Schwimmschüler, die der Vater dann an der Angel vorsichtig durch das „Tiefe“ im Freibad Moskau geleitete. Wohl kaum einer kann so authentisch aus der Frühzeit des Moskaubads erzählen wie der heute 95-jährige Herbert Ellinghaus.

Denn sein Vater Adolf Ellinghaus (1893–1974) war „Oberschwimmmeister“ und von der Eröffnung 1926 bis zu seiner Pensionierung 1958 Leiter des Moskaubads, das in der NS-Zeit und noch bis in die 1990er-Jahre offiziell „Neustädter Freibad“ hieß. Er bewohnte mit der Familie die Dienstwohnung oberhalb des Freibad-Restaurants. Das befand sich in etwa dort, wo heute das Hallenbad mit angeschlossenem Bistro steht. Für Herbert und seine Brüder war das Freibadgelände ein einziger großer Spielplatz, den sie alle Jahreszeiten hindurch intensiv erlebten.

Sie waren dabei, wenn die Schwimmer und die Kunstspringer das Publikum zu Tausenden auf die Tribünen lockten. Sie halfen mit, die Lichterketten für Abendveranstaltungen aufzuhängen, und zündeten schon mal probeweise die Fackeln an, die die Kunstschwimmerinnen später mit einstudierter Choreografie durch das Becken tragen würden.

Herbert als Diskjockey

1937 genehmigte die Partei eine Außen-Beschallungsanlage. Die Tribüne wurde mit zwei großen Lautsprechern aufgerüstet. Die Phonoanlage befand sich im westlichen Tribünenturm. Herbert durfte auflegen. Die aktuellsten Schallplatten bezog er von seinem Freund, dem Sohn des Radiohändlers Friedemeyer. „Peter Kreuder, Michael Jary, Franz Grothe, das waren so die großen Namen. Aber ich musste aufpassen: Swing war verboten. Wenn ich Swingmusik aufgelegt hätte, wäre ich in Teufels Küche gekommen“, erzählt Ellinghaus.

Manchmal kamen auch Prominente vorbei. Schauspieler, die etwa wegen einer Filmpremiere die Hasestadt aufsuchten, ließen sich gern auf der Tribüne des damals ultramodernen Bades fotografieren. Wie zum Beispiel Ufa-Star Brigitte Helm, die seit ihrer Hauptrolle in Fritz Langs „Metropolis“ (1927) jedermann kannte.

Abends wurde geschwoft

Die Wohnsituation über der Gaststätte hatte ihre Reize. Dort war nicht immer mit Schließung des Bades Feierabend. Oft hatten die Schwimmvereine Anlass zum geselligen Beisammensein, oder die Bediensteten des Freibades samt Ehepartnern feierten. „Bis spät in die Nacht hörten wir die Walzermusik und stellten uns vor, wie da unten geschwoft wurde“, erinnert sich Ellinghaus.

Pächter der Gaststätte war Heinrich Hülsmann, ein in jeder Hinsicht gewichtiger Mann. „Wenn er in seinen schmalbrüstigen Opel P4 stieg, dann hing der Wagen ganz schief, und die Kotflügel schleiften links auf den Rädern“, sagt Ellinghaus. Daraus schlau geworden, lud er später immer ein volles Bierfass zum Ausgleich auf die Beifahrerseite.

„Opa Webers“ Eismaschine

Ein älterer Herr, von den Buben nur „Opa Weber“ genannt, war für die Eismaschine zuständig. Die Prozedur fand im Keller statt. In einem Holzbottich drehte sich ein Kupferkessel, der von einer Riementransmission angetrieben wurde. Zwischen Bottichwand und Kupferkessel lagen Eisstücke, kleingeschlagen aus angeliefertem Stangeneis. „Wir Kinder saßen auf den Stufen und hofften natürlich, dass es irgendetwas auszuschaben gab und dabei etwas für uns abfiel“, erzählt Ellinghaus. Das fertige Speiseeis gelangte im Restaurant und am Liegewiesen-Kiosk zum Verkauf.

Mit der Pistole auf Ratten geballert

Die kantigen Betonbalken der heute bei drei Metern abgeriegelten Sprunganlage des Osnabrücker Moskaubads sind eine Reminiszenz an den im Krieg zerstörten „Zehner“. Foto: Michael Gründel

Die Tages-Eintrittsgelder bewahrte Vater Ellinghaus in einer Kassette im Schlafzimmer auf. Zur Sicherheit erhielt er eine Pistole. Eines Tages wollte er mit der Pistole eine Ratte erlegen. Der heutige Fahrradparkplatz vor der Badeanstalt war nämlich mit Stadtmüll aufgefüllt worden, was natürlich auch Schädlinge anzog. „Die Ratten gaben sich mit den Müllresten nicht zufrieden, sie drangen in unseren Hühnerstall ein und holten sich Vaters Küken.“ Dadurch habe der Vater einen richtigen Brass auf die Ratten gehabt. Als er ein Exemplar aus dem Wohnungsflur heraus im Garten sah, griff er also zur Waffe und ballerte los. Nur vergaß er leider, zuvor das Flurfenster zu öffnen. Ellinghaus: „Die Scheibe war kaputt, die Ratte war weg, und wir hatten unseren Spaß!“


Das Moskaubad

Das Moskaubad ist das älteste künstlich angelegte Freibad Osnabrücks. Zuvor gab es nur Flussbadeanstalten an Nette und Hase und das 1924 vom SV Neptun errichtete Kanalbad Netterheide. Kurz nach Eröffnung des Moskaubads 1926 ging noch im gleichen Jahr das Prießnitzbad in Betrieb, eine von einem privaten Verein getragene vergleichsweise kleine Anlage am Blumenhaller Weg. Schinkel erhielt 1927 das künstliche Freibad Wellmannsbrücke als Nachfolger der seit 1912 existierenden Flussbadeanstalt gleichen Namens. Jüngstes Osnabrücker Freibad ist das 1973 eröffnete „Haster Freibad im Nettegrund“.

Für das Moskaubad reichte 1926 eine Bauzeit von drei Monaten vom ersten Spatenstich in das sumpfige Schrebergartengelände bis zur Eröffnung. 120 Arbeitslose hoben in reiner Handarbeit die Becken aus. Sie waren im Rahmen der „produktiven Erwerbslosenfürsorge“ dienstverpflichtet worden. Der Standort war mit Bedacht gewählt, denn aus den nahen Quellteichen sprudelt genug Wasser, um alle Becken in fünf Tagen einmal mit Wasser befüllen zu können.

Für die Namensherkunft des Moskaubads gibt es mehrere Theorien. Eine vermutet als Urheber russische Donkosaken, die ehemals an der Seite Napoleons kämpften und 1813 hier hängen blieben. Sie zogen in die Häuser einer Papiermacher-Kolonie in der Wüste, die zufällig gerade leer stand, weil der Papier-Unternehmer Quirll die Papiermühle an der Stelle aufgegeben hatte. Nach der Siedlung ging der Name „Moskau“ auch auf eine Straße und ein Kaffeehaus über, das von 1832 bis 1913 existierte. Und auf das Moskaubad.

Nur in der Nazi-Zeit und während des Kalten Kriegs hieß es offiziell „Neustädter Freibad“, weil man auf Moskau nicht gut zu sprechen war.

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