Im Namen der öffentlichen Meinung Osnabrücker „Theater ohne Maß“ interpretiert Ibsens „Ein Volksfeind“

Von Uta Biestmann-Kotte

Engagiert: die Darsteller der Gruppe „Theater ohne Maß“ auf der Bühne. Foto: Hermann PentermannEngagiert: die Darsteller der Gruppe „Theater ohne Maß“ auf der Bühne. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück. Mit der Aufführung des Ibsen-Dramas „Ein Volksfeind“ ging am Freitag und am Samstag die erste Produktion der Gruppe „Theater ohne Maß“ im Ersten unordentlichen Zimmertheater über die Bühne.

Es muss Wandlung geschaffen und die Wasserleitung umgebaut werden – so fordert es Badearzt Thomas Stockmann, nachdem er giftige Mikroorganismen im Wasser des Heilbades entdeckt hat. Doch mit seinem Drang nach Aufklärung und Wahrhaftigkeit bringt er bald den gesamten Kurort Nordhjem gegen sich auf. 

Um Maßlosigkeit, persönliche Vorteile und medialen Rufmord geht es in dem Stück „Ein Volksfeind“, das jetzt als erste Produktion der 2017 gegründeten Osnabrücker Gruppe „Theater ohne Maß“ im Ersten unordentlichen Zimmertheater über die Bühne ging. Gemeinsam entwickelte das junge Ensemble aus Henrik Ibsens 1883 uraufgeführtem Gesellschaftsdrama eine Inszenierung von erschreckend aktueller Brisanz, in der die öffentliche Meinung auf Kosten der Wahrheit Oberhand gewinnt.

Dabei begann die in die Gegenwart versetzte Story noch ganz harmonisch im Wohnzimmer des Arztes, wo Ehefrau Käte (Anna Brandewiede) als treu sorgendes Hausmütterchen für die taffe „Volksblatt“-Chefredakteurin Hovstadt (Anke Dittmer) und Redakteur-Sunnyboy Billing (Christopher Gundler) Punsch kredenzt. Dieses harmonische Arrangement schlägt rasch um in eine mediale Hexenjagd, die den Arzt um seine Wohnung und seine gesellschaftliche Stellung bringt. Zwischen Redaktionsbüro, Volksversammlung und dem durch Steine verwüsteten Wohnzimmer nahm das Drama seinen Lauf, das vom achtköpfigen Ensemble durchweg überzeugend dargestellt wurde. Während Kai Jasper Lorenz als verfemter Arzt klarer Sympathieträger war, machte Ilsabee Rademacher im Part von Stockmanns skrupelloser Schwester Petra geradezu frösteln: In ihrer Funktion als Stadträtin hat sie einzig ihre Karriere im Blick, wodurch sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Zustand des Heilwassers ignoriert.

Julia Wippermann führte als kleinbürgerlicher Drucker Aslaksen den Spagat zwischen „Mäßigung“ und „öffentlicher Meinung“ vor. Und Virginia Jagusch stand im Part von Stockmanns wohlhabender Schwiegermutter Matha Kill für die Beeinflussung der „öffentlichen Meinung“ durchs Kapital. Einzig Stockmanns Tochter Pia (Elisa Ludewigt), eine emanzipierte Lehrerin, durchschaut wie ihr Vater die moralische Verkommenheit der Gesellschaft, in der die Mehrheit zwar die Macht, aber nicht Recht hat. Am Ende blieb dem standhaften Arzt eine Erkenntnis: „Der ist der stärkste Mann auf der Welt, der allein steht.“       


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