Urteil des Landgerichts Osnabrück Mehr als drei Jahre Gefängnis für brutalen Angriff auf Freundin

Von Robert Schäfer

Das Landgericht Osnabrück hat einen 27-Jährigen verurteilt, der seine Freundin im Streit schwer misshandelt hat. Foto: Michael GründelDas Landgericht Osnabrück hat einen 27-Jährigen verurteilt, der seine Freundin im Streit schwer misshandelt hat. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Das Landgericht Osnabrück hat einen 27-Jährigen wegen eines brutalen Übergriffs auf seine damalige Freundin und weiterer Straftaten zu drei Jahren und einem Monat Freiheitsstrafe verurteilt. Er hatte der jungen Frau 2016 durch Tritte schwere Verletzungen zugefügt. Sie kam nur knapp mit dem Leben davon.

Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautete auf versuchten Totschlag. Der 27-Jährige habe seine damalige Freundin, Mutter eines gemeinsamen Kindes, in Osnabrück zu Boden geschubst und ihr mehrfach ins Gesicht und gegen den Oberkörper getreten, hieß es in der Anklageschrift. Die junge Frau habe dadurch eine Gehirnerschütterung erlitten und mehrere Rippen seien gebrochen. Außerdem sei ihre Lunge schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, wodurch sie zwischenzeitlich in Lebensgefahr schwebte. Der Angeklagte habe ihren Tod zumindest billigend in Kauf genommen.

Dass er tatsächlich zugetreten hatte, gab der Angeklagte gleich zu Prozessbeginn zu. Er habe aber nicht die Absicht gehabt, die junge Frau zu töten. Vielmehr sei er von ihr extrem genervt gewesen. In einem Osnabrücker Schwimmbad habe sie zuvor Alkohol und Cannabis konsumiert und sich auffällig verhalten. Daraufhin habe er sich zurückziehen wollen. Sie sei ihm aber gefolgt und habe ihn immer wieder geschlagen, bespuckt und beleidigt. Zu guter Letzt seien ihm die Sicherungen durchgebrannt. „Ich habe total die Kontrolle verloren“, sagte er kleinlaut. Danach sei er nach Hause gegangen und habe das gemeinsame Kind zu einer Nachbarin gebracht.

In einigen Punkten bestätigte die junge Frau im Zeugenstand die Darstellung ihres Ex-Freundes, berichtete aber auch über weitere Umstände, die zu dem Vorfall geführt hätten. Der Angeklagte habe sich zwar grundsätzlich immer gut um sie gekümmert, aber eben auch zur Gewalt geneigt. Bereits während der Schwangerschaft habe er ihr Knochenbrüche zugefügt. "Aus Angst und Dummheit" habe sie ihn nicht angezeigt - oder stattdessen einen Ex-Partner bezichtigt. Im Schwimmbad habe sie sich an jenem Tag Mut angetrunken, um ihren Freund damit zu konfrontieren, dass sie plane, das Jugendamt über die häusliche Situation aufzuklären.

Als sie ihm von ihrem Entschluss berichtet habe, sei es zu einem heftigen Streit gekommen, in dessen Verlauf auch sie selbst zugeschlagen habe. Dann aber sei sie von ihm zu Boden gebracht und mit Tritten und Schlägen malträtiert worden. Dabei habe ihr der Angeklagte gesagt, dass er sie umbringen werde, berichtete die Zeugin unter Tränen. Bis heute habe sie Angst vor ihm. Deshalb habe sie sogar einen Suizidversuch unternommen, was zu einem mehrmonatigen Aufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie geführt habe.

Der Angeklagte selbst bezeichnete sich als tief getroffenen Vater, der alles tue, um seine Tochter zurückzubekommen. So habe er sich aus eigenem Antrieb in ein Anti-Aggressionstraining begeben, freiwillig eine Drogentherapie begonnen und sei zudem in einer psychologischer Verhaltenstherapie. Er hoffe, nach Abschluss des Verfahrens wieder das Sorgerecht für das kleine Mädchen zu bekommen. Gleichzeitig bestritt er, seine Ex-Partnerin nach dem Vorfall bedroht oder gestalkt zu haben. Vielmehr habe er Besuche des Kindes in der Psychiatrie ermöglicht und die junge Frau mit Geld versorgt.

Mehrere Zeugen der Tat zeigten sich im Gerichtssaal noch immer erschüttert von der Brutalität des Angriffs, den sie beobachtet hatten. Wie auf einen Fußball habe der Angeklagte auf sein Opfer eingetreten, schilderte eine Zeugin. An Tritte gegen den Kopf konnte sich allerdings niemand erinnern. Die junge Frau habe, nachdem der Angreifer von ihr abgelassen hatte, aus dem Mund geblutet und über Atemnot geklagt, berichteten die Zeugen übereinstimmend.

Die Patientin sei damals in einem sehr schlechten Gesamtzustand in den Schockraum des Klinikums gebracht worden, resümierte ein damals diensthabender Arzt. Von Verletzungen im Gesicht und am Kopf hätten aber weder er noch sein Kollege auf der Station etwas gesehen. Eine medizinische Sachverständige bestätigte, dass sich die junge Frau wegen der Lungenverletzung in akuter Lebensgefahr befunden habe und ohne das sofortige Eingreifen der Notärzte in jedem Fall gestorben wäre.

Weitere Zeugen wurden nach der Art der Beziehung des damaligen Paares gefragt. Sie beschrieben diese als spannungsgeladen und zerrüttet und den Angeklagten, je nach Lebenssituation, als liebevollen Vater oder aggressiv-aufbrausenden Gewalttäter. Das negative Bild des jungen Mannes belegten auch die Eintragungen in seinem Vorstrafenregister: So war er nicht nur mehrfach beim Fahren ohne Führerschein ertappt worden, sondern auch schon als Gewalttäter aufgefallen. Unter anderem hatte er kurz vor dem Vorfall, der nun verhandelt wurde, eine Nachbarin bei einem Streit tätlich angegriffen, was eine Bewährungsstrafe nach sich zog.

Nach der Beweisaufnahme hielt die Staatsanwaltschaft nicht mehr an der Anklage wegen versuchten Totschlags fest. Stattdessen beantragte sie eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung. Die Versuche des Angeklagten, sich durch seine Teilnahme an Trainings und Therapien in einem guten Licht darzustellen, bezeichnete der Anklagevertreter in seinem Plädoyer als "Show". Dem schloss sich auch der Rechtsbeistand der Geschädigten an, die als Nebenklägerin auftrat. Der Opferanwalt berichtete zudem darüber, dass er mit dem Verteidiger des Angeklagten eine Vereinbarung über eine Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 12.000 Euro ausgehandelt habe.

Wenn die Verteidigung gehofft hatte, dass diese Vereinbarung doch noch einmal die Tür für eine Bewährungsstrafe öffnen würde, wurde sie enttäuscht. Letztlich folgte das Gericht in weiten Teilen der Argumentation der Staatsanwaltschaft. Zwar habe eine deutliche Provokation vonseiten der Frau vorgelegen, der brutale Angriff und vor allem die Tritte gegen das schon am Boden liegende Opfer seien aber eine schwerwiegende Straftat.

Zum Nachteil des Angeklagten wertete das Gericht zudem die Bewährungsstrafe, die er nur wenige Wochen vor der Tat aufgebrummt bekommen hatte. Diese letzte Warnung habe er wohl nicht verstanden, musste sich der Angeklagte anhören. Letztlich bildete das Gericht eine Gesamtstrafe, die neben der Gewalttat gegen die Ex-Freundin auch eine noch offene Geldstrafe wegen dreifachen Fahrens ohne Führerschein einschließt. Der Verteidiger des Angeklagten kündigte noch im Gerichtssaal an, gegen das Urteil in Revision gehen zu wollen.


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