Proteste mit Langzeitwirkung Wie sich die 68-er in Osnabrück abgespielt haben

Von Christoph Beyer

Herausgeber und Projektinitiator Reiner Wolf (zweiter von links) trug bei der Buchpräsentation im ARTelier-Café Auszüge aus dem Sammelband „Protest und Aufbruch – 68 in Osnabrück“ vor. Foto: Christoph BeyerHerausgeber und Projektinitiator Reiner Wolf (zweiter von links) trug bei der Buchpräsentation im ARTelier-Café Auszüge aus dem Sammelband „Protest und Aufbruch – 68 in Osnabrück“ vor. Foto: Christoph Beyer

Osnabrück Was geschah 1968 in und um Osnabrück? Dieser Frage widmet sich das kürzlich erschienene Sachbuch „Protest und Aufbruch – 68 in Osnabrück“. Zur gut besuchten Buchpräsentation im ARTelier Café konnte Herausgeber Reiner Wolf viele der beteiligten Autoren begrüßen.

Als gesellschaftliche „Zeitenwende“ werden die fünf Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisse häufig bewertet. Dominiert wird die Rückschau auf diese Zeit von den Bildern der Studentenproteste in Berlin oder Frankfurt. Dass auch in Osnabrück vielfältige Aktionen und Proteste stattfanden, belegt nun ein neuer Sammelband.

17 Autoren haben dabei unterschiedliche Schwerpunkte und Zugänge zum Thema gewählt. Nicht nur konkrete Aktionsformen der damaligen Protest-Akteure, sondern auch Reflektionen über Gesellschaft und Milieus sowie Kultur und Konsum geben dabei den Rahmen vor. Zudem finden auch subjektive Erinnerungen von Zeitzeugen ihren Platz.

„Wir haben unseren Fokus schon ganz klar auf die Jahre 1967 bis 1969 gelegt und nicht auf das, was sich aus 68 später ergeben hat“ schilderte der Historiker und Sozialwissenschaftler Reiner Wolf, der das Projekt initiiert und vorangetrieben hat. Dass das damalige Geschehen auch in der Gegenwart noch für hitzige Diskussionen sorgen kann, räumte Wolf mit dem Hinweis ein, dass er während der Buchentstehung mehrfach zwischen Autoren moderieren musste. Von derartigen Deutungsdifferenzen war bei der Buchpräsentation aber nichts zu spüren. In locker-humorvoller Atmosphäre trugen einige der beteiligten Autoren Auszüge aus ihren Beiträgen vor.

Anschaulich wusste etwa Kalla Wefel von autoritären Strukturen im Schulbetrieb zu berichten, die seinen Widerstandsgeist entfachten. Der Kabarettist räumte aber auch ein: „Wir konnten eine große Klappe haben, denn wir wussten, dass wir butterweich fallen.“ Damit nahm er Bezug auf die prosperierende Wirtschaftssituation jener Jahre. Heiko Schulz schloss mit der Schilderung seiner Schulerlebnisse passend an Wefel an und verdeutlichte, wie sich bei ihm nach und nach ein Bewusstsein für gesellschaftliche Missstände entwickelt hat.

Eine wissenschaftliche Analyse lieferte der Politikwissenschaftler Michael Pittwald mit seiner Beschreibung der unerwartet heftigen Schülerproteste vom 5. Februar 1968 in Osnabrück, die sich gegen die Erhöhung der Busfahrpreise richteten und durchaus auch ein positives Echo außerhalb der Schülerschaft fanden. Das Beispiel machte deutlich, dass Staat und Institutionen auch in Osnabrück vor der Aufgabe standen, sich den gesellschaftlichen Veränderungen anzupassen.

Als ironische Referenz an die alte Protestkultur zogen die Lesungsteilnehmer im Anschluss an die Buchpräsentation mit Megaphon und Plakaten durch die Altstadt, um an ausgewählten Orten an die Ereignisse vor 50 Jahren zu erinnern.

Unter dem Titel „Protest und Aufbruch – 68 in Osnabrück“ ist seit diesem Sonntag auch eine Ausstellung im Stadtgalerie-Café zu sehen.


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