1669 Lehrstellen sind noch frei In der Region Osnabrück bewirbt sich der Betrieb beim Bewerber

Von Jean-Charles Fays


Osnabrück. Betriebe in der Region Osnabrück klagen über einen Azubi-Mangel. Mittlerweile bewirbt sich der Auszubildende beim Bewerber, nicht umgekehrt. So beschreibt die IHK die neue Situation. Aktuell sind laut Arbeitsagentur 28 Prozent mehr Lehrstellen frei als noch im Vorjahresmonat. Während bis Ende Juli 1669 Stellen unbesetzt waren, waren im Juli 2017 nur 1302 Ausbildungsstellen frei.

Hinzu kommt, dass bei der Arbeitsagentur nur 3365 Bewerber für Lehrstellen gemeldet waren. Damit ging auch diese Zahl um zehn Prozent zum Vorjahr zurück. Die Entwicklung trifft die Region auch deshalb hart, weil zugleich der Bedarf an Lehrlingen gewachsen ist. Der Arbeitsagentur wurden 4753 Ausbildungsstellen gemeldet. Damit wurden 14 Prozent mehr Stellen ausgeschrieben als im Vorjahr. Arbeitsagentur-Sprecher Volkmar Lenzen erklärt die vielen angebotenen Lehrstellen mit der guten wirtschaftlichen Lage. Schwer haben es kleinere Betriebe in der gewerblich-technischen Branche, in Bau-, Lager- und Metallberufen sowie im Gastgewerbe.

„Alle wollen studieren und in klimatisierten Büros sitzen“

Der Geschäftsführer des Bissendorfer Metallbauers Pieper Metallbau, Fritz Pieper, zeigt sich frustriert, dass er die offene Metallbauer-Lehrstelle in seinem Zehn-Mann-Betrieb nicht besetzen kann: „Alle wollen studieren, in klimatisierten Büros sitzen und einen Job von 9 bis 17 Uhr.“ Dabei biete er bereits eine gute Ausbildung mit Betriebsfahrten für einen guten Zusammenhalt. Selbst die Kosten für das Fitnessstudio übernehme der Betrieb, doch alles habe bislang nichts genutzt. „Wir kleinen Betriebe haben es einfach schwerer“, konstatiert er. „Wahrscheinlich muss ich mir da noch mehr einfallen lassen und die Ausbildungsvergütung, die aktuell zwischen 600 und 700 Euro liegt, noch weiter anheben.“

Jugendliche streben oft nach höchstmöglichen Schulabschlüssen

Die Projektleiterin Bildungspolitik der IHK Osnabrück -Emsland-Grafschaft Bentheim, Kirsten Schwake, analysiert: „Jugendliche streben oft nach höchstmöglichen Schulabschlüssen.“ Insofern gebe es einen Trend zum Abitur und von dort in die Hochschulen. Häufig seien Schüler und ihre Eltern offenbar der Meinung, dass nur ein Abitur mit anschließendem Studium gute Aussichten für einen erfolgreichen Berufsweg biete. „Das ist nicht richtig. Eine duale Berufsausbildung bietet mindestens gleich gute Karrierechancen“, zeigt sich Schwake überzeugt. Darüber seien Jugendliche häufig nicht ausreichend informiert. Genau an diesem Punkt müsse man daher ansetzen. Der Erlass der Landesregierung zur Berufsorientierung, die vor allem auch an Gymnasien stattfinden soll, gehe daher in die richtige Richtung.

Ausbildungsmarkt hat sich gedreht: Nicht der Auszubildende bewirbt sich beim Betrieb

Den Rückgang der Bewerberzahlen um zehn Prozent kommentiert Schwake: „Der Ausbildungsmarkt hat sich gedreht. Nicht der oder die Auszubildende bewirbt sich beim Betrieb, sondern umgekehrt: immer mehr Unternehmen werben um die jungen Leute.“ Viele Unternehmen hätten daher ein eigenes Azubi-Marketing entwickelt. 39 Betriebe würden etwa das IHK-Siegel „Top-Ausbildungsbetrieb“ nutzen und damit signalisieren, dass sie den jungen Menschen mehr bieten, als das Gesetz vorgebe. Viele seien zudem auf Ausbildungsmessen präsent oder würden Kooperationen mit Schulen eingehen, um im persönlichen Austausch mit jungen Menschen ihr Unternehmen vorzustellen. Derzeit gebe es eine enorme Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen. „Sie nutzen die Ausbildung als ein Instrument, um dem absehbaren Fachkräfteengpass entgegenzuwirken. Es hat sich herumgesprochen: Die eigene Ausbildung ist die beste Vorsorge gegen Fachkräftemangel“, erklärt Schwake.

Lehrstellenvermittlung geht weiter

Auch der Geschäftsführer der Abteilung Berufsbildung der Handwerkskammer Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim, Harald Schlieck, empfiehlt, aktiv in die Schulen zu gehen, Praktika anzubieten und für das Unternehmen zu werben. In vielen Unternehmen habe das Ausbildungsjahr am Mittwoch zwar bereits begonnen, doch auch in den kommenden Wochen rechnet er mit Bewegung auf dem Ausbildungsmarkt. Die Lehrstellenvermittlung gehe auch in den kommenden Wochen noch weiter.

Frank Bertram vom Jobcenter des Landkreises, Maßarbeit, empfiehlt Unternehmen die Kooperation mit Schulen, um die künftigen Azubis direkt an den Schulen zu gewinnen.


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