Künstlerin bessert nach Wartungsarbeiten am "Musikexpress" in Osnabrück

Von Mareike Bader

Künstlerin Angelika Walter arbeitet wieder am "Musikexpress". Der "Zahn der Zeit" macht sich an Putz und Farbe zu schaffen. Foto: David EbenerKünstlerin Angelika Walter arbeitet wieder am "Musikexpress". Der "Zahn der Zeit" macht sich an Putz und Farbe zu schaffen. Foto: David Ebener

Osnabrück. Vor zwei Jahren wurde der "Musikexpress" in Osnabrück fertiggestellt. Auf die Künstlerin Angelika Walter wartet schon wieder neue Arbeit.

Der "Musikexpress" am Bahntunnel an Limburger Straße in Osnabrück war vor 32 Jahren das erste Wandbild von Angelika Walter. Eine Arbeit, die sie und den Stadtteil Wüste nachhaltig geprägt hat.

Ein Jahr konnte sie sich damals um das 350 Quadratmeter große Kunstwerk kümmern. Erhielt durch das Projekt "Kunst in der Stadt" eine einjährige Festanstellung bei der Stadt Osnabrück. Zur Absicherung hatte sie neben dem Studium an der Kunstakademie an der Uni Münster Germanistik studiert. Doch nach einem Jahr als Lehrerin am Gymnasium in Bad Essen wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Das Projekt habe ihr sehr geholfen als Künstlerin Fuß zu fassen, blickt die heute 65-Jährige zurück. "Wenn man von der Uni kommt, kennt einen keiner." 

Das änderte sich schlagartig. Passanten suchten den Kontakt zur Künstlerin – das Konzept Kunst in den öffentlichen Raum zu tragen ging auf. Bis heute zieht es sie mit ihrem mobilen Atelier raus. Mal in Fabrikhallen, wo sie sich weiterhin ihrem Lieblingsthema Mensch zwischen Natur und Technik widmet oder zurück zum "Musikexpress".

Angelika Walter führt am "Musikexpress" Wartungsarbeiten durch. Foto: David Ebener

An dem nagt der Zahn der Zeit. An manchen Stellen blättert die Farbe ab. Gerade auf der östlichen Seite, der Innenansicht des Zuges, falle Putz ab. Durch das Erdreich hinter dem Tunnel drücke Wasser durch und führt zu Algenbildung, erklärt Walter. Die Farbe war plötzlich grün statt gelb. "Das ist ganz schlimm hier. Das muss regelmäßig gemacht werden", beklagt die Künstlerin: "Das Leben soll hier weiterlaufen." Dazu gehören eben auch die Wartungsarbeiten. 

Sie wolle lieber früh an kleinen Stellen ihr Kunstwerk ausbessern als noch einmal die große Fläche. Eine Lehre aus der kräftezehrenden Restaurierung 2004, als das Ursprungsbild mit Graffiti übersprüht worden war. 

Fließend Wasser oder Strom für die Reinigung gibt es an der Eisenbahnunterführung nicht. Helferin Inga Hagemann aus der benachbarten Rehmstraße hilft mit Eimern voll Wasser aus. Einen Wasserkanister haben Angelika Walter und Brigitte Busch aber immer dabei. 

Busch unterstützt Walter seit sieben Jahren. Wie andere wurde sie beim Vorbeifahren am "Musikexpress" auf die Künstlerin aufmerksam und hat prompt ihre Hilfe angeboten. "Zu zweit fühlt man sich sicherer", sagt sie. Die Hobbykünstlerin hat hier und da sogar selbst Hand angelegt. Versorgt das Mäuschen an der Öffnung des Tunnels mit aus Steinen bemalten "Käse" oder hat die beiden Tafeln daneben mit Blattgold umrahmt. 

Besucher der "Musikexpress"-Führungen können Fahrkarten erwerben. Foto: David Ebener

Die vielen Details faszinieren sie. "Es gibt ganz viel zu erzählen", sagt sie begeistert. Das ist so viel, dass sie dafür eine ganze Hand voll Notizzettel für die Führungen parat hat. Die dauern etwa eine gute Stunde – damit ist aber längst nicht alles erzählt.

Besucher der Führung können eine Fahrkarte mit einem von etwa 20 Motiven als Andenken gegen eine Spende erwerben. So hofft Walter ihre Arbeit am "Musikexpress" weiterhin finanzieren zu können. "Wenn ich einen Sommer hier verbringe, kann ich nichts verkaufen", sagt die freiberufliche Künstlerin. Beim "Musikexpress" gilt aber: "Schwarzfahrer werden hier nicht rausgeschmissen."

Mitte August bekommt Walter ein Gerüst als Spende gestellt. "Dann kann ich auch oben arbeiten", freut sie sich. Ein großer Wunsch wäre einmal eine professionelle Reinigung. "So Leute, die auch einen Wassertank haben."

Die Bürgerstiftung unterstützt sie nach wie vor, dazu versucht Walter selbst aktiv Spenden zu generieren. "Auf Dauer muss wieder was rein kommen", betont sie. Für Firmenlogos, die bisher Spendengelder einbrachten, geht der Platz aus. Möglich sind noch Namensnennungen als Geschenk zum Geburtstag oder Hochzeit. "Das nimmt nicht so viel Fläche ein", sagt Walter.

Das Dezember-Motiv der 2016 entstandenen Innenansicht des "Musikexpress" entstand als Dank an zwei mit Ledermänteln bekleidete Bewacher des Wandbildes. Foto: David Ebener

Wieder ein Detail mehr im 95 Meter langen Eisenbahntunnel. Jedes Motiv hat eine eigene Geschichte, bestätigt Walter. Da ist die steirische Harmonika eines Gastes des improvisierten "Brückencafés" zu sehen oder im Dezembermotiv ein Engel als Dank für die beiden "Schutzengel", die kurz vor dem  Ende der Restaurierungsarbeiten 2004 den "Musikexpress" bewacht haben.

Probleme mit Sprayern wie damals gab es danach nicht mehr. Doch Anfang des Jahres hat Walter doch wieder ein Graffiti gefunden. "Das ist seit 2004 wirklich das erste Mal gewesen", betont sie.

Mit dem Schriftzug "Zahn der Zeit" greift Künstlerin Angelika Walter den Graffiti-Stil auf, der einst ihr Wandbild überdeckte. Foto: David Ebener

Den Graffiti-Stil hat die studierte Künstlerin aufgegriffen und ergänzt damit die vielen Kunstrichtungen wie Impressionismus oder Surrealismus. "Zahn der Zeit" steht an einer Stelle, wo einst das Ursprungsbild überdeckt war. Das hatte Walter neu übermalt. Aber die Farbe ist eben abgeblättert, ihre Signatur von damals freigelegt. Spontan hat Walter in die alten Flächen "Farbfresser" gemalt. Ohne Skizze, wie damals als sie die beiden Zugteile angefertigt hat. "Jetzt brauche ich das natürlich nicht mehr", sagt die Künstlerin.

Der Zug reise durch die Jahreszeiten, aber auch durch die Kunst- und Kulturgeschichte, erklärt Walter. So ist das berühmte Goethe-Motiv von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein zu sehen, das sie auf ihre Weise interpretiert hat. Neben dem reisefreudigen Goethe als Stellvertreter für Lyriker, deren Texte für Lieder vertont wurden, gibt es auch ein Zitat von Picasso. 

Goethe scheint ihr besonders wichtig zu sein, zu seinem Geburtstag am 2. September gibt es wieder besondere Veranstaltungen. „Dann will ich alles für dieses Jahr fertig haben“, sagt die Künstlerin. Es gibt noch viel auszubessern. Und es werden neue Details hinzukommen, wie jedes Jahr. Andere kehren zurück wie die Löwenzahn-Schirmchen. Daran hat sie eine Passantin erinnert, sagt Walter. „Nächstes Jahr sind wir wieder hier“, freut sich Brigitte Busch jetzt schon.

Bis Anfang September will Angelika Walter am "Musikexpress" arbeiten. Einige Details kommen dann zurück wie die Schirmchen der Löwenzahn-Samen. Foto: David Ebener



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