Ab unter die Haube Darf's noch etwas wärmer sein? Wo trocken Trumpf ist

Von Anne Spielmeyer

Draußen 30, unter der Haube 45 Grad: Waltraud Olbrich kommt einmal pro Woche in den Friseursalon Selma am Rosenplatz. Foto: Michael GründelDraußen 30, unter der Haube 45 Grad: Waltraud Olbrich kommt einmal pro Woche in den Friseursalon Selma am Rosenplatz. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Hitze und Trockenheit machen uns fertig – Menschen, Tiere, Pflanzen. Zum Glück gibt es Dinge, die auch ohne Wasser auskommen. Wir haben sie gesucht, das Ergebnis: eine ziemlich trockene Geschichte.

Die Trockenhaube

Die Haube ist ein heißes Geschoss. Bis zu 60 Grad kann Selma Ulgur ihre drei Trockner am Stiel hochfahren. "Aber das ist momentan wirklich zu viel des Guten", findet die Inhaberin des Friseursalons Selma am Rosenplatz und lacht. Am Vormittag kommen noch Kunden, nachmittags ist bei der Hitze oft Flaute. Die meisten Frauen trocknen schonend und langsam bei 45 Grad, manchen reicht derzeit auch die 35-Grad-Einstellung, die sich geschmeidig an die Außentemperatur anpasst. Vorglühen geht immer, durchbrennen soll keiner. "Haare aufdrehen und trocknen muss trotz Hitze manchmal sein", sagt Ulgur, die ältere Damen wie junge Bräute seit 24 Jahren unter die Haube bringt. "Nur Fönen ist gerade absolut nicht angesagt." Die Friseurmeisterin kann das gut verstehen. "Das übernimmt der Sommer." Die Frauen halten es aktuell wie die Männer seit jeher: cut and go. Matte ab und nichts wie weg.


Niemand weiß besser als die Briten, wie amüsant trocken sein kann. Archivfoto: dpa


Trockener Humor

Mike Whitehurst ist Brite, Sprecher der britischen Streitkräfte in Deutschland, lebt "zu lange" – genau genommen seit 40 Jahren in Osnabrück – und hat insgeheim einen ganz anderen Auftrag: "Entwicklungsdienst", verrät er. Entwicklungsdienst in Sachen trockener Humor. Eine Lebensaufgabe mit ungewissem Ausgang. "Wenn man als Engländer hier scherzt, wie man es gewohnt ist, dann kann es fürchterlich nach hinten losgehen", sagt er über Ironie und Zynismus, warnt vor "erheblichen diplomatischen Konsequenzen" und lacht. Wenn bei einem Geschäftstreffen alle ihren Senf dazugeben und der Chef einen Beitrag mit "Thank you, very useful" (Danke, sehr hilfreich) quittiert, dazu in Mr.-Bean-Manier die Braue lupft, dann wissen alle: Verschwende nicht meine Zeit mit Deinem Geplänkel! "Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen", rät Whitehurst. Und niemals übers Wetter jammern. Das Hitze-Problem kennen Briten nicht, und wenn ihnen der Regen aus dem Kragen läuft, gilt: "Mustn’t grumble." (Ich kann mich nicht beklagen).


Schon drinnen oder noch draußen? Trockenschwimmer lernen ihre Lektion am Beckenrand. Archivfoto: dpa


Trockenschwimmer

Der Beckenrand wird im Sommer gnadenlos unterschätzt. Alle blicken aufs Wasser, dabei hocken Seepferdchen-Anwärter nicht selten erstmal draußen, bevor sie mit dem richtigen Arm- und Beinschlag zu Wasser gelassen werden. In den Osnabrücker Bädern gibt es noch mehr Kurse, die die Teilnehmer auf dem Trockenen sitzen lassen. Beim AquaCircle-Kurs gibt es Zirkeltraining auch an Land, erklärt Lisa Kirstein von den Stadtwerken Osnabrück. Beim FloatFit-Kurs im Nettebad besteht die Kunst darin, sich bei Übungen auf einem wackeligen Board zu halten und gerade nicht ins Wasser zu fallen. "Idealerweise wird man nicht nass", sagt Kirstein. Nicht immer gelinge das, ergänzt sie. Kein Wunder! Bei diesen Temperaturen wird der Wackler auf dem Brett nicht nur dem Gleichgewichtsgefühl geschuldet sein?


Trockene Weine sind ehrlich. Sommelier Sven Oetzel erklärt, dass Süße und Kälte Fehler im Wein überdecken. Archivfoto: Friedrich/Stefanie Hiekmann


Trockener Wein

Eins vorweg: Auch süße Weine können was. "Trockene und süße Weine können qualitativ hochwertig sein", betont Sven Oetzel, Sommelier im Friedrich Weinladen. Aber: Trockene Weine sind oft ehrlicher. "Süße und Kälte überdecken die Fehler im Wein", erklärt der Fachmann. Korkschmecker oder Nagellackentferner-Nuancen werden im trockenen Wein schneller erkannt. Während man einen schlechten Trockenen schneller aussortiert, leert man von einem Süßen gegebenenfalls die Flasche und stellt erst am nächsten Morgen mit schwerem Kopf fest: Da gab es einen Fehler. Vielleicht nicht nur einen... Müssen wir wegen der Hitze um unsere Weine bangen? Nein. Erstmal nicht. "Eventuell wird es in diesem Jahr nicht so viel Wein geben, weil die Trauben kleiner sind", sagt Oetzel. "Mit der Qualität hat das aber nichts zu tun." Ein Gewitter mit Hagelkörnern wäre fatal: "Die Trauben sind jetzt schon so reif und weich, dass sie bei Hagel platzen." Ratzfatz hätte man dann Schimmel im Weinberg. In der Pfalz soll die Lese um den 15. August beginnen, rund drei Wochen früher als gewöhnlich. Je trockener der August bleibt, desto feucht-fröhlicher könnte der Herbst also werden...


Moderne Trockenshampoos kann man auch sprühen, zeigt Friseurmeisterin Selma Ulgur. Foto: Michael Gründel


Trockenshampoo

Haare waschen ganz ohne Wasser? Mit Trockenshampoo kein Problem. Der Trend aus den Siebzigern erlebt gerade ein Revival, einige Hersteller geben eine staubige Version ihrer Haarwaschmittel raus. Was klingt wie ein Wunder, funktioniert ähnlich wie Katzenstreu. Eine pudrige Mischung aus Silikat und Stärke soll den Talg aus den Haaren saugen. "Gerade bei dunklem Haar keine schöne Variante", findet Friseurmeisterin Selma Ulgur, die nicht nur den matten Puderfilm auf Haar und Schulter, sondern auch die Chemikalien im Produkt zu bedenken gibt. Moderne Trockenshampoos könne man inzwischen aber auch aufsprühen. Sie bieten sich für Toupagen und Hochsteckfrisuren an, weil sie Volumen geben. Gepudert oder besprüht – Fans finden sich seit jeher. Ein Kunde bewertet den Klassiker "Frottee Trockenshampoo" in blauer Dose im Internet: "Erst nur als Nothelfer verwendet, nutze ich es jetzt auch, um mein altersbedingt straßenköterdurchmeliertes Haar gleichmäßig ergrauen zu lassen."  Nur färben ist schöner…


Trocken naschen: Trockenfrüchte sind gesünder als Süßigkeiten. Sie enthalten wenig Feuchtigkeit, aber viele Nährstoffe. Archivfoto: dpa


Trockenobst

Schrumpelig ist im Kommen. Was das "Trockenfrüchte Paradies" verheißt, breitet Orkhan Huseynov auf zehn Metern Standlänge bei großen Märkten aus: Aprikosen, Königsdatteln, Jumbofeigen, Pomelo, Kumquats oder Mangos – allesamt getrocknet, sind Beispiele des Bissendorfer Familienunternehmens dafür, wie lecker 20 Prozent Restfeuchtigkeit sein können. "Trockenfrüchte sind ein guter Ersatz für Süßigkeiten", sagt Huseynov, Herr der Früchtchen, über die Energiespender aus arabischen Ländern. Die Vitamine gehen beim Trocknen zwar größtenteils flöten, Mineralstoffe aber bleiben erhalten. Und so gebe es auch im Sommer, dem Zenit des Frischeverlangens, treue Kunden, die für Trockenheit Geld ausgeben: Sportler, Veganer, Müsli-Esser. Bei den heißen Temperaturen können Apfelringe auch in unseren Breiten getrocknet werden: Äpfel schälen, Gehäuse ausstechen, Ringe schneiden, aufreihen und in die pralle Sonne hängen.


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