Ernst des Lebens beginnt Schulpsychologe erklärt, was die Einschulung für Kinder bedeutet

Von Kathrin Pohlmann

Ein großer Schritt: Mit dem ersten Schultag beginnt die Schulkarriere - für viele eine unvergessliche Zeit im positiven, wie auch im negativen Sinne. Foto: dpa/ Uwe ZucchiEin großer Schritt: Mit dem ersten Schultag beginnt die Schulkarriere - für viele eine unvergessliche Zeit im positiven, wie auch im negativen Sinne. Foto: dpa/ Uwe Zucchi

Osnabrück. Mit der Einschulung beginnt für Kinder ein neuer Lebensabschnitt. Er ist oft mit Aufregung, Erfolg, Freude, neuen Freunden, aber auch mit Frust verbunden. Im Interview berichtet Schulpsychologe Frank Aufhammer, von der Landesschulbehörde in Osnabrück, was die Einschulung für Kinder bedeutet und wie Eltern ihren Sprösslingen den Einstieg ins Schulleben leicht machen können.

Herr Aufhammer, erinnern Sie sich noch an Ihre eigene Einschulung? 
Ja, tatsächlich. Das war ein sehr aufregendes Ereignis. So wie sicherlich für viele Kinder. Man ist erst Kindergartenkind und kommt dann zu den Großen in die Schule. Es gab eine Schultüte, es wurden Fotos gemacht. Ich wurde schick angezogen für den Anlass. Natürlich war der erste Kontakt mit den Lehrern und den neuen Mitschülern auch etwas ganz Besonderes. Und man fragt sich, was kommt da auf einen zu. Für mich ist dieses Ereignis mit einer großen Vorfreude verbunden gewesen. 


Interview der Woche zum Schulstart mit dem Schulpsychologen Frank Aufhammer der Landesschulbehörde Osnabrück. Foto: Michael Gründel


Ist das ein einschneidendes Erlebnis für Kinder?
Ja, das ist es. Auch aus psychologischer Sicht ist die Einschulung eine wichtige Entwicklungsaufgabe. Das ist ein Übergang zu einem neuen Abschnitt im Leben. Das Kind muss sich von seiner gewohnten Umgebung im Kindergarten und seinen Erzieherinnen verabschieden, einige Freunde muss es vielleicht auch zurücklassen. Der Übergang bedeutet, bei aller Vorfreude auch Unsicherheit zu erleben.  

Und wie geht es den stolzen Eltern dabei?
Eltern sind davon genauso betroffen. Sie begleiten nicht nur das Kind, sie haben möglicherweise auch eigene Unsicherheiten, denn jetzt haben sie ein Schulkind. Vielleicht verändert sich auch entsprechend die Beziehung zum Kind.  

Schultüten, Ranzen, Stifte, Spielsachen, Süßigkeiten. Wird die Einschulung immer mehr zum Event?
Ich glaube, die Einschulung war schon immer ein wichtiges Thema. Die These nach einer Kommerzialisierung steht für mich nicht so stark im Vordergrund. Die Frage ist, wie gehe ich mit dem Thema innerhalb der Familie um. Gibt es ein großes Fest zum Beispiel. Ich finde, dabei sollte man die Kinder nicht außer Acht lassen. Was will mein Kind eigentlich? Einigen ist der Hype vielleicht auch zu viel.  

Sie hatten ja gesagt, dass Sie bei Ihrer Einschulung Vorfreude verspürt haben. Das geht aber sicher nicht allen Kindern so, oder?
Die Forschung sagt, dass es Kinder gibt, die solche Übergänge völlig problemlos schaffen. Die erleben gar keinen oder kaum Stress. Bei anderen Kindern braucht dieser Übergangsprozess einfach deutlich länger und es braucht mehr Unterstützung. Als Kind freue ich mich vielleicht aufs Lernen, aber ich komme auch in eine völlig neue Umgebung mit neuen Herausforderungen. 

Was können Eltern tun, um ihren Kindern den Einstieg ins Schulleben zu erleichtern? 
Es gibt einiges, was man tun könnte. Ein großes Thema ist der Schulweg. Da sollte man das Kind anfangs begleiten. Irgendwann sollte man dem Kind den Weg aber auch alleine überlassen. Aber das muss im Vorfeld natürlich geübt werden. Ganz wichtig ist vielleicht auch, das Kind am Tag der Einschulung in die Schule zu begleiten. Es gibt zwar Schilder auf denen steht: ‚Ab hier können wir alleine laufen‘, aber das muss nicht unbedingt für den ersten Schultag gelten. Ich verstehe, dass Eltern wissen wollen: ‚In was für ein System kommt mein Kind da‘, wer sind die Lehrer, was sind das für Personen, die sich da um mein Kind kümmern. 

Interview der Woche zum Schulstart mit dem Schulpsychologen Frank Aufhammer der Landesschulbehörde Osnabrück. Foto: Michael Gründel

Also sollten Eltern auch Kontakt zu Lehrern suchen?
Absolut. Eltern sollten sich trauen auf Schule – also Lehrer zuzugehen. Ich würde es begrüßen, wenn sie sich von Anfang an einbringen. Vielleicht hat ein Kind ja spezielle Bedürfnisse. Wenn irgendwo Unstimmigkeiten entstehen, dann würde ich empfehlen relativ zügig zu schauen, wie kann man das Problem gemeinsam mit der Schule lösen.  

Und was sollten sie vielleicht lassen?
Eltern haben eigene Schulbiografien. Wenn sie zum Beispiel Schule mit schlimmen Erfahrungen in Verbindung bringen, dann sollte man das Kind das nicht spüren lassen. Oder wenn Eltern im Konflikt mit einer Lehrkraft stehen, dann sollte man das seinem Kind nicht vermitteln. Kinder finden Lehrer meist ganz toll und sie lernen gerade in den ersten Schuljahren recht personenbezogen. Und da ist es nicht sinnvoll den Kindern zu sagen: ‚Deinen Lehrer mag ich nicht‘. Das sollten Eltern direkt mit der Lehrkraft regeln.  

Der Kindergarten ist noch recht spielerisch, in der Schule beginnt „der Ernst des Lebens“, oder?
Ja, plötzlich hat das Kind einen sehr regulierten Tagesablauf. Es muss rechtzeitig aufstehen, es muss pünktlich in der Schule sein. Diese Regeln sind im Kindergarten noch nicht so streng. Das sind natürlich auch Anforderungen an die ganze Familie, die sich dann mit der Einschulung umstellen muss. Das neue System muss sich erst einmal einspielen.  

Routine ist also hilfreich?
Ja, genau. Ein gemeinsames Frühstück ist sinnvoll. Vielleicht kann man am Abend vorher gemeinsam den Stundenplan durchgehen und schauen, welche Stunden stehen am nächsten Tag an. Dann können Eltern mit dem Kind gemeinsam die Schultasche packen. Das hilft anfangs sehr und gibt eben Routine.  

Ungeliebt und angeblich so nützlich – die Hausaufgaben. Wie geht man als Eltern damit um?
Ich würde tatsächlich die Hypothese vertreten, dass wir Hausaufgaben nach wie vor brauchen. Das ist noch mal ein großer Unterschied zum Kindergarten. Durch Hausaufgaben wiederholen und vertiefen Schüler die Inhalte des Unterrichts. Hausaufgaben erfordern auch Selbstständigkeit. Hausaufgaben sollten aber in erster Linie die Kinder machen und nicht die Eltern. Für die Lehrer ist es wichtig sehen zu können, ob ein Kind etwas verstanden hat oder eben noch nicht. 

Eltern sollten sich bei den Hausaufgaben dann ganz raushalten?
Sie sollten versuchen nicht zu sehr zu intervenieren. Ich kann das Bedürfnis mancher Eltern durchaus verstehen. Sie wollen für ihre Kinder von Anfang an Erfolg sehen und auch gleich zu Beginn der Schullaufbahn den Grundstein dafür legen. Kinder dürfen aber auch mal Fehler machen und sie dürfen auch mal etwas nicht können. Ermutigung an solchen Stellen, an denen es schwierig ist und Frust aufkommt, ist aber wichtig.  

Der Erfolgsdruck kommt dann schon mit der Einschulung?
Der soziale Vergleich, was Leistung angeht nimmt in der Schule stärker zu. Das ist tatsächlich so. Viele Eltern vermitteln ihren Kindern: ‚Jetzt beginnt der Ernst des Lebens‘. Aber gerade bei der Einschulung sollte der Druck nicht zu hoch sein. Bei den Kindern kommt der Vergleich erst später. Die Lernfreude und Wissbegier stehen anfangs im Vordergrund. Kinder entwickeln sich auch unterschiedlich und man sollte ihnen die Zeit dafür geben. Wenn nicht alles von Anfang an glatt läuft, sollten Eltern nicht gleich die Karriere des Kindes in Gefahr sehen oder Angst haben, dass das Kind in der Gesellschaft nicht zurechtkommt.   


Interview der Woche zum Schulstart mit dem Schulpsychologen Frank Aufhammer der Landesschulbehörde Osnabrück. Foto: Michael Gründel


Kinder müssen dann plötzlich lange sitzen. Ist das eine Herausforderung?
Es gibt Kinder, die kommen damit gut zurecht, die längere Konzentrationsphasen durchhalten, anderen bereitet das Schwierigkeiten. Wobei in den ersten beiden Schuljahren noch sehr viel mit motorischen Übungen gearbeitet wird. Das starre 45-Minuten-Sitzen ist da eher selten, das ist meine Erfahrung. Pausen sind wichtig - in der Schule und zuhause. Für manche Kinder ist es gut nach der Schule erst mal abzuschalten und vielleicht nach draußen zu gehen und sich auszutoben oder Freunde treffen. Vor den Fernseher setzen, das empfehle ich ausdrücklich nicht. Es ist wichtig auch die Kinder mal zu fragen: ‚wie war es in der Schule?‘. 

Wie sehen Sie das Thema Smartphones für Grundschüler?
Es gibt Vertreter wie Manfred Spitzer, der von digitaler Demenz bei Kindern spricht, weil wir sie von Anfang an mit digitalen Medien überfrachten. Ich sehe das ein bisschen differenzierter. Ich glaube, Kinder wachsen heutzutage mit digitalen Medien auf und wir müssen digitale Medien sinnvoll im schulischen Kontext integrieren, damit die Schüler auch Medienkompetenzen entwickeln. Im ersten Schuljahr ist es vielleicht noch zu früh. Das Smartphone sollte während der Hausaufgaben keine Rolle spielen. Kinder nutzen es hauptsächlich zum Spielen und die Versuchung sich durch das Gerät ablenken zu lassen ist zu groß. 

Ab wann würde man Sie denn ins Boot holen als Schulpsychologe?
Die Schulpsychologie kommt zum Einsatz, wenn Eltern oder Lehrer sich Sorgen um die Entwicklung des Kindes machen. Wir stehen auch zur Seite, wenn Konflikte zwischen Eltern und Lehrkräften bestehen und sie nicht weiterkommen 

Also kann man Sie auch bei Unsicherheiten einfach mal kontaktieren?
Ja, natürlich. Bei Unsicherheiten auch beim Übergang von Kindergarten zur Schule beraten wir gerne und man kann uns einfach anrufen und dann unterstützen wir bei der Lösungsfindung. Wir unterliegen genau wie Ärzte oder Psychotherapeuten der Schweigepflicht. 


Frank Aufhammer ist 36 Jahre alt und arbeitet seit zwei Jahren als Schulpsychologe bei der Niedersächsischen Landesschulbehörde in der Regionalabteilung Osnabrück. Er ist für 19 Schulen im Südkreis und einer Schule im Stadtgebiet zuständig. 

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