Erst die Flucht, dann die Ernüchterung LAB Osnabrück fördert freiwillige Rückkehr von Flüchtlingen

Von Sandra Dorn

Bleiben oder gehen? 167 Menschen, die sich bei der LAB Osnabrück beraten ließen, haben sich in der ersten Jahreshälfte entschieden, Deutschland wieder zu verlassen. Foto: Thomas OsterfeldBleiben oder gehen? 167 Menschen, die sich bei der LAB Osnabrück beraten ließen, haben sich in der ersten Jahreshälfte entschieden, Deutschland wieder zu verlassen. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. 167 Flüchtlinge haben nach einer Rückkehrberatung bei der Landesaufnahmebehörde (LAB) in Osnabrück in diesem Jahr bislang die Bundesrepublik verlassen und sind in ihre Heimatländer zurückgekehrt, die meisten nach Albanien, Syrien und in den Irak.

Das teilte die LAB unserer Redaktion auf Anfrage mit. Der Standort Osnabrück, sprich das Flüchtlingshaus am Natruper Holz, ist zusammen mit der LAB in Braunschweig Beratungszentrum für die freiwillige Rückkehr in Niedersachsen. 2016 kehrten 134 Geflüchtete nach einer Beratung bei der Osnabrücker LAB in ihr Heimatland zurück, 2017 waren es 414.

Zielgruppen sind sowohl die Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung als auch Geflüchtete, die bereits in den niedersächsischen Kommunen leben. Von den 167 Rückkehrern, die die Beratung in Osnabrück in Anspruch genommen haben, waren 88 Bewohner des Remarque-Hauses, 79 lebten bereits in einer Stadt oder Gemeinde. Auch die Ausländerbehörde der Stadt Osnabrück schickt Rückkehrwillige zur Beratung ins Flüchtlingshaus.


Infotafel im Flüchtlingshaus. Foto: Thomas Osterfeld


„Unabhängig vom Status des Asylverfahrens ist eine freiwillige Rückkehr jederzeit möglich“, sagt Birgit Beylich, Leiterin des LAB-Standorts Osnabrück. Dass die meisten Rückkehrer Albaner sind – bei der LAB Osnabrück in diesem Jahr bislang 40 von 167 –, hat den einfachen Grund, dass diese ohnehin so gut wie keine Chance haben, in Deutschland zu bleiben. Anstatt auf ihre Abschiebung zu warten, nehmen sie lieber Rückkehrhilfen in Anspruch: Das Rückflugticket gibt es kostenlos, hinzu kommen in Niedersachsen 100 Euro Landesreisebeihilfe, „sodass gleich am Anfang die größte Not gelindert werden kann“, sagt Rückkehrberater Hartmut Gausmann. Doppelförderungen seien ausgeschlossen: Wer einmal eine Rückkehrhilfe in Anspruch genommen habe, bekomme keine zweite. (Lesen Sie auch: Die meisten Dublin-Abschiebungen in Osnabrück scheitern)

Desillusioniert

Die Gruppe derjenigen, die wie Albaner keine Bleibeperspektive haben, ist das eine – das andere sind die Geflüchteten, die trotz positiven Asylbescheids in die Heimat zurückkehren. „Es kommt vor, dass Leute in unser Land kommen und feststellen, dass das ein völliger Irrglauben war“, so Gausmann. Als Beispiel nennt er einen Rechtsanwalt aus dem arabischen Raum, der in seiner Heimat einen hohen Lebensstandard hatte und in Deutschland plötzlich auf Almosen des Staates angewiesen ist. Die Sozialarbeiter im Flüchtlingshaus seien dafür sensibilisiert, Flüchtlinge, die sagen, dass sie andere Vorstellungen hatten, an die Rückkehrberater zu verweisen, sagt Hausleiter Manfred Eichert vom Diakonischen Werk.

Auf Platz zwei der Rückkehrer waren in der ersten Jahreshälfte 2018 Syrer (23), gefolgt von Menschen aus dem Irak (21). Insgesamt kehrten Flüchtlinge in 23 Länder zurück. Syrien ist ein Sonderfall: Das Land Niedersachsen unterstützt eine Rückkehr, der Bund nicht. Die Gründe sind vielfältig: von gescheitertem Familiennachzug bis hin zu Perspektivlosigkeit in Deutschland. So wie bei einer syrischen Familie, von der Gausmann berichtet: Beide Kinder seien bestens integriert gewesen, die Tochter hatte einen Ausbildungsplatz sicher und der Sohn ging aufs Gymnasium, sie sagten aber: „Unsere Mutter geht hier vor die Hunde.“


Rückkehrberater Hartmut Gausmann ist gelernter Verwaltungsfachangestellter. Foto: Thomas Osterfeld


„Es wird keine Überzeugungsarbeit geleistet, es wird beraten“, betont Gausmann und prüft dabei diverse Parameter: Stand des Asylverfahrens, Beweggründe für die Flucht nach Deutschland, mögliche Krankheiten, Wohn- und Arbeitssituation in Deutschland, familiäre Probleme sowohl in Deutschland als auch im Heimatland, zum Beispiel die Erkrankung eines Angehörigen zu Hause. Nicht zuletzt kümmert er sich um die Frage: „Wenn alle Brücken abgebrochen sind: Wie kann ich in der Heimat wieder Fuß fassen?“

In vielen Ländern gibt es Organisationen, die beim Neuanfang unterstützen. Meistens sind es EU-, teilweise auch Bundes-Förderprogramme. Die Ausreise finanziert die Internationale Organisation für Migration (IOM) aus Bundes- und Landesmitteln. Weil bei einer freiwilligen Ausreise Kosten für Polizeieinsätze und Abschiebungen wegfallen, ist dieser Weg politisch gewünscht.

Kostenfaktor

Das Land Niedersachsen lässt sich die Rückkehrförderung daher einiges kosten. 2016 gab das Innenministerium laut LAB 2,7 Millionen Euro für die freiwillige Rückkehrförderung und -beratung aus. 11.935 Menschen kehrten zurück – abgeschoben wurden hingegen nur 1959 Geflüchtete. 2017, in dem Jahr nach dem Abklingen der Flüchtlingswelle, sanken die Rückkehrerzahlen wieder: 4401 Menschen machten von der freiwilligen Rückkehr Gebrauch, das Land gab dafür 1,6 Millionen Euro aus, wie im Februar 2018 aus der Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der AfD hervorging. Die Zahl der Abschiebungen blieb hingegen mit 1724 konstant. 

Gausmann schildert das Beispiel eines Mannes aus Gambia, der gemäß Dublin-Verordnung nach Italien zurückgeschickt werden sollte, damit sein Asylverfahren dort bearbeitet wird. „Italien kam für ihn überhaupt nicht infrage“, so Gausmann. Stattdessen entschied er sich für die Rückkehr. In Gambia hatte er zuvor als Kunsthandwerker gearbeitet und Souvenirs für Touristen hergestellt. Das Land habe er wohl wegen familiärer Streitigkeiten verlassen. „Ganz 100-prozentig hat er Ross und Reiter nicht genannt“, so Gausmann. Das sei aber auch nebensächlich. Als Individualhilfe bekam der Mann Werkzeuge zur Verfügung gestellt und über eine Hilfsorganisation vor Ort verschafften ihm die Behörden außerdem ein Dach über dem Kopf.


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