61 Jahre in der Gastronomie Als das Bier in Osnabrück noch 40 Pfennig kostete

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Erwin Grätz hat 61 Berufsjahre in Gastronomie und Hotellerie auf dem Buckel und in den Knochen. Seine Erinnerungen an die Nachkriegszeit eröffnen Einblicke in eine andere Welt, in der es einfacher, bescheidener, aus heutiger Sicht oft auch kurioser zuging.

Grätz meldete sich in der Redaktion, weil er sich durch einen Bericht zum Ratskeller persönlich angesprochen fühlte.

Von 1956 bis 1962 war sein Schwiegervater Willi Voges Pächter der Ratskeller-Gastronomie. Grätz musste öfter aushelfen, wenn dort größere Veranstaltungen waren. Etwa das Grünkohlessen des Verkehrsvereins, die „Osnabrücker Mahlzeit“. Heute kommen 1300 Männer dazu in die Osnabrück-Halle. In den Anfangsjahren ab 1954 war der Ratskeller der vergleichsweise noch familiäre Schauplatz.

Grätz kellnerte auch, wenn offizieller Besuch des Rathauses zu bewirten war, etwa Delegationen aus den Partnerstädten. Einmal, so erinnert er sich, wurde ein frisch geschossenes Wildschwein aus den Forsten des Gutes Leye angeliefert. „Das haben wir alles selber gemacht, das Ausnehmen, Zerlegen und Zubereiten für ein Festessen“, sagt er.

Hotelierstochter geheiratet

Eigentlich war Grätz im Hotel Reichshof an der Möserstraße angestellt, bei Hotelier Willi Voges. Da Voges gleichzeitig auch den Ratskeller betrieb, kam es zu wechselseitigen Aushilfen im Service. Im Reichshof lernte Grätz Voges’ Tochter kennen, die später seine Ehefrau wurde.

Aber zunächst einmal begann er 1955 als 14-Jähriger die Kellner-Lehre. Der Küchenmeister des Reichshofs machte sich einen Spaß daraus, die jungen Stifte als Erstes zum „Märzkirschen-Holen“ in den gegenüberliegenden Feinkostladen Krechting am Goethering zu schicken. Die im Laden kannten das natürlich schon und hatten ebenfalls ihren Spaß auf Kosten der jungen Grünschnäbel. Es sind dies die Initiationsriten der harmlosen Sorte. Wer einmal zur See gefahren ist, kennt das vielleicht auch, dass man Neulinge in die Maschine schickt, um „die Mittschiffsbremse zu ölen“ oder mit einem Eimer Küchenabfälle „das Kielschwein zu füttern“…

Den Gästen die Schuhe geputzt

Wenn der Nachtportier betrunken war oder aus anderem Grund ausfiel, wurde einer der Kellnerlehrlinge geweckt. Der musste dann mit einem Korb die Flure abgehen und die vor den Türen abgestellten Schuhe aufsammeln, nachdem er mit Kreide die Zimmernummer unter die Sohle geschrieben hatte. „Im Keller hatten wir so eine Schuhputzecke, da haben wir es uns in der Nachtschicht gemütlich gemacht mit den ganzen Schuhen“, erzählt Grätz. Auf einer Tafel waren die Uhrzeiten angeschrieben, zu denen einzelne Gäste zu wecken waren. „Wir mussten dann raufflitzen und an die Türen klopfen. Zimmertelefone gab es nicht“, sagt Grätz, der in Rulle lebt.

Und dann war da der Patriarch einer Textilfirma, der in München wohnte und stets mit dem Fernschnellzug „Gambrinus“ erster Klasse angebraust kam. Er stieg im Hotel Reichshof ab und wartete auf seinen Chauffeur, der mit dem schwarzen Mercedes die gleiche Strecke zurücklegte. Der Fabrikant konnte oder wollte auf seinen eigenen Wagen nicht verzichten, um hier vor Ort seine Fertigungsstätte an der Dammstraße und Großkunden besuchen zu können. Der Herr blieb stets eine Woche und zahlte 7,50 DM pro Nacht fürs Zimmer einschließlich Frühstück. Das Zimmer für den Chauffeur unter dem Dach war noch billiger, es kostete 5 DM.

Zeitalter der Handelsvertreter

Viele Hotelgäste waren Handelsvertreter. Manchmal veranstalteten sie „Hotel-Ausstellungen“. Um nicht bei jedem Kunden all ihre Musterkoffer ausbreiten zu müssen, luden sie die Kunden in den Reichshof ein und zeigten, was es Neues an Süßwaren, Schuhen, Cromargan-Erzeugnissen oder bügelfreien Nyltest-Hemden gab. So war der Reichshof unter der Woche immer gut ausgelastet.

„Wenn wir belegt waren, vermittelten wir weiter ans Hohenzollern, ans Central-Hotel oder an Hackmann, Alte Münze. Oder ans ‚Auto-Hotel‘ Risch an der Bohmter Straße, die hatten 115 Betten, da war eigentlich immer noch was frei“, berichtet Grätz. Aber viele Kunden hätten abgewinkt, die wollten nicht zu Risch, weil der „Kristallpalast“ und damit viel Remmidemmi direkt nebenan war. „Die fragten dann lieber: Ist denn nicht das Badezimmer noch frei? Das war unser Notzimmer, das kannten die schon“, so Grätz. Es war das einzige Bad im ganzen Hotel, während es eine Toilette immerhin auf jeder Etage gab. Die Badnutzung musste man vorher anmelden, dann wurde der Badeofen angeheizt und Handtücher ausgelegt. Wenn aber keine Anmeldungen fürs Bad vorlagen, dann wurde ein Bett hineingeschoben, und der Raum wurde als Notzimmer verkauft.

„Als 1968 die Autobahn Hansalinie fertig war, wurde es mit den Vertreter-Übernachtungen weniger“, erzählt Grätz. Viele seien dann in ihre Heimat zurückgefahren, ins Ruhrgebiet oder nach Bremen, weil das über die neue Autobahn flott ging.

Festessen für Vertreter der Klöckner-Kunden

Das Restaurantgeschäft sei aber noch länger gut gelaufen. So habe das Stahlwerk regelmäßig die „Abnahme-Beamten“ zum großen Essen eingeladen. Das waren Vertreter der Bundesbahn oder auch anderer europäischer Bahnverwaltungen, die nach Osnabrück gekommen waren, um die vom Stahlwerk hergestellten Schienen oder Radsätze zu begutachten. Klöckner habe sie stets gut bewirtet, um günstige Rahmenbedingungen für die Abnahme zu schaffen.

An einen regelmäßigen Gast erinnert sich Grätz besonders gut: Das war der Schnapsfabrikant und Zoopräsident Hermann Gosling (1893–1972). Der kam immer sonntagmittags mit seiner Frau Martha und bestellte Seezunge. Als Martha später Witwe war, kehrte sie oft in der Zoogaststätte ein, die Grätz von 1980 bis 2000 als Pächter führte. Nicht ohne Stolz blickt Grätz auf den 22. September 1999 zurück, als er den 100. Geburtstag der alten Dame ausrichten durfte.

Ordonnanz im Offizierskasino

Nach seiner Zeit im Reichshof diente Grätz ab 1964 in der Bundeswehr in der einschlägigen Fachrichtung. Bald kam er zum Fernmelderegiment 71 am Hauswörmannsweg und genoss die Privilegien eines „Heimschläfers“. Er kellnerte als Ordonnanz im Offizierskasino, hatte an den Wochenenden aber ausreichend Zeit, sich etwas hinzuzuverdienen, etwa beim Schwiegervater, in der „Vitischanze“ oder in der „Ludwigshalle“. Und er belegte Fortbildungslehrgänge zum Serviermeister. Im Juli 1968 legte er vor der IHK die Meisterprüfung ab, wobei die praktischen Prüfungsteile in der „Deele mit Kutscherstube“ stattfanden, damals ein angesehenes Restaurant in der Hasestraße.

Es folgte die Zeit, in der Grätz verschiedene Betriebe als „Chef de Rang“ kennenlernte, bevor er sich selbstständig machte. Er arbeitete im Parkhotel Kampmeyer, im „Burggrafen“ (Tecklenburg), im „Kiepenkerl“ (Münster), im „Achtermann“ (Goslar) und im „Atrium“ (Braunschweig).

Auf Tuchfühlung mit der Prominenz

Prominente kreuzten häufig seinen Weg. Im „Achtermann“ etwa empfahl er Altbundeskanzler Ludwig Erhard die Haus-Zigarre von der besten Sorte, im „Atrium“ servierte er Udo Jürgens Frühstück am Bett, nach ihren Auftritten in der Stadthalle Braunschweig versorgte er Lou van Burg, Gisela Schlüter, Hans-Joachim Kulenkampff, Peter Maffay, Otto Waalkes und andere Künstler.

„Wildwoche“ im Ratskeller: Küchenjungen tragen ein Wildschwein aus den Leyer Forsten in den Ratskeller. Foto: Archiv Erwin Grätz

„Große Tiere“ der anderen Art erlebte er 1980 bis 2000 im Osnabrücker Zoo als Gastronomie-Pächter. In den letzten Jahren seines Berufslebens ging es dann geruhsamer zu: Grätz führte die Gaststätte im Clubhaus des TuS Engter, bis er 2016, mit 76 Jahren, endgültig Tablett und Serviertuch aus der Hand legte und sich zur Ruhe setzte. An die Zeiten im Ratskeller und im Reichshof denkt der Ruller oft und gerne zurück: „Sie haben mich geprägt, sie haben die Liebe zum Beruf in mir verankert.“


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