Rechtsanwalt: "Eigentlich ist das so nicht zulässig" Die Hitze kann die Heizkosten hochtreiben – zumindest ein bisschen

Von Markus Pöhlking

Geringfügige Auswirkungen: Die Hitze setzt in vielen Wohnungen Heizkostenverteiler in Gang. Symbolfoto: Andrea Warnecke/dpaGeringfügige Auswirkungen: Die Hitze setzt in vielen Wohnungen Heizkostenverteiler in Gang. Symbolfoto: Andrea Warnecke/dpa

Osnabrück. Weil die Hitze in seiner Dachgeschosswohnung die Stände der Heizkostenverteiler in die Höhe treibt, befürchtet ein Anwohner der Osnabrücker Knollstraße höhere Heizkosten. Tatsächlich könnten sie in geringfügigem Maße ansteigen. Ein Anwalt hält ihre Erhebung daher für nicht zulässig.

Schon in den vergangenen Jahren sei ihm immer wieder mal aufgefallen, dass die Stände der Heizkostenverteiler bei hohen Temperaturen zunahmen. In seiner Wohnung im Dachgeschoss sei es im Sommer ohnehin sehr heiß. In der gegenwärtigen Hitzephase seien Raumtemperaturen von über 30 Grad keine Seltenheit, in den Zählerständen der elektronischen Messgeräte spiegele sich die Hitze wider: Alleine innerhalb eines viertägigen Kurzurlaubes sei der Wert um 40 Einheiten angestiegen, für das Ende des Sommers rechnet er mit rund 100 Zählerpunkten. "Und das, obwohl ich kein einziges Mal geheizt habe", sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung genannt wissen möchte. (Hitzefolgen: Stadt Osnabrück ruft Bürger auf, sparsam mit Wasser umzugehen)

Unklare Auswirkungen auf die Abrechnung

Er habe sich bereits mit seinem Vermieter über das Phänomen ausgetauscht, zahlreiche Ratgeberseiten im Internet besucht und die Thematik bei einschlägigen Dienstleistern angesprochen. "Die Problematik ist im Prinzip bekannt. Es ist allerdings nicht ganz klar, wie sie sich am Ende auf die Abrechnung auswirkt." Heizkostenverteiler zeichnen die Temperaturentwicklung einzelner Heizkörper auf. Die Daten tragen dazu bei, die Menge an verbrauchter Wärme zu ermitteln. Durch die Ergebnisse aller Heizkostenverteiler einer Wohnung lässt sich deren Anteil an den Gesamtheizkosten eines Hauses ermitteln. (Weiterlesen: BASF muss hitzebedingt Produktion drosseln)

"An heißen Tagen gerinfügige Abweichungen"

Der Bewohner der Wohnung in der Knollstraße befürchtet daher, die Hitze in seiner Dachgeschosswohnung könne seinen Anteil an den Heizkosten steigern. Der Arbeitsgemeinschaft Heiz- und Wasserkostenverteilung sind diese Gedankenspiele bekannt. In einem Sommeranzeiger beleuchtet der Verband das Thema eindeutig uneindeutig: Grundsätzlich sei davon auszugehen, dass Hitzeentwicklungen in einem Haus alle Wohnungen gleichermaßen betreffen, heißt es in dem Schreiben. Da also alle Verteiler proportional anstiegen, bleibe der Anteil an der Gesamtheizmenge je Wohneinheit gleich. 

Wenig später heißt es dann: "Es kommt vor, dass es je nach Gebäudezuschnitt an sehr heißen Sommertagen in einzelnen Räumen zu geringfügigen Abweichungen kommen kann." Explizit genannt werden Dachgeschosswohnungen, allerdings gelte: "Die Abweichungen werden aber angesichts individueller Heizgewohnheiten kaum auszumachen sein." Die Mehr- oder Minderbelastung durch solche Effekte falle bei der Heizkostenabrechnung nur mit geringfügigen Beträgen ins Gewicht. 

Keine Aussage über tatsächliche Heizkosten

Einen ähnlichen Standpunkt vertritt Matthias Wagnitz, der beim Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) Referent für den Bereich Energie- und Wärmetechnik ist. Der gestiegene Zählerstand erfasse die Temperatur und bilde lediglich einen relativen Wert ab, der noch keine Aussage über die tatsächlichen Heizkosten treffe. Für Dachgeschosswohnungen und solche mit hoher Sonneneinstrahlung etwa könne der Wert zwar durchaus überproportional steigen: "Letztlich sind das aber sehr geringfügige Effekte, die in der Abrechnung vielleicht im Centbereich zu Buche schlagen." (Auch interessant: Warum ein Rücklaufschutz so wichtig ist)

"Man kann das skandalisieren"

Dass die Praxis nicht ganz zufriedenstellend ist, erklärt Dietmar Seeber. Er ist in Osnabrück als Energieberater für die Verbraucherzentrale tätig. Tatsächlich könne ein Heizkostenverteiler in ungünstiger Lage die Heizkostenabrechnung verzerren – in aller Regel aber nur geringfügig. Im Einzelfall könne deren Anfechtung durchaus sinnvoll sein, sagt Seegers, zugleich gibt er zu bedenken: Heizkostenabrechnungen seien ohnehin nie exakt bis auf die letzte Stelle. "Man kann das natürlich alles skandalisieren. Letztlich gibt es aber derzeit praktisch kein besseres System zur Erfassung und die Ungenauigkeiten sind ja nicht gravierend", rät er zur Gelassenheit.

Eigentlich unzulässig, findet ein Anwalt

Von derlei pragmatischen Tönen will der Werlter Rechtsanwalt Konrad Schade indes nichts wissen. Das Miet- und Wohneigentumsrecht sowie energierechtliche Fragen bilden einen Schwerpunkt in der Arbeit des Juristen. Die Problematik der Heizkostenverteiler ist ihm bekannt, sein Urteil eindeutig: "Eigentlich ist das so nicht zulässig." 

Schade geht davon aus, dass viele Abrechnungen, die auf den Daten von Heizkostenverteilern beruhen, im Falle eines Widerspruches revidiert werden müssten. "Ich würde grundsätzlich dazu raten, dass zu bestreiten. Es dürfte für die Abrechnungsersteller schwierig sein, ihre Forderungen dann zu begründen." Gleichwohl lägen, daraus macht auch Schade keinen Hehl, die auf Heizkostenverteilern basierenden Ungenauigkeiten wohl in der Regel im Bereich kleiner Centbeträge.

Rechtssprechung sieht kaum Probleme

Das Phänomen der durch Hitze steigenden Stände von Heizkostenverteilern war in der Vergangenheit mehrmals Gegenstand von Rechtsprozessen. In einem Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH, Az.: VIII ZR 133/85) kamen die Richter zu dem Schluss, dass Ungenauigkeiten vom Mieter hinzunehmen seien. Diese Ansicht wurde in einer Reihe weiterer Prozesse bestätigt, teils auch explizit mit dem Hinweis, dass die durch den Lagenachteil einer Dachgeschosswohnung bedingten höheren Heizkosten vom Mieter zu tragen seien. 

In Fällen allerdings, in denen dem Mieter ein erheblicher Kostenanstieg entsteht – in der Regel wird dieser bei 20 Prozent der Vorjahresabrechnung veranschlagt – muss der Vermieter beweisen, dass die Geräte korrekt abgelesen wurden und einwandfrei arbeiten. Kann er keine nachvollziehbare Erklärung für den Anstieg liefern, muss er die entstandenen Mehrkosten tragen. 


Heizkostenverteiler

sind Messgeräte, die direkt an Heizkörpern befestigt sind. In aller Regel gibt es zwei Arten: Elektronische und solche, die per Verdunstungsprinzip arbeiten. 


Letztere bestehen aus einem Gehäuse, in sich ein mit Messflüssigkeit befülltes Glasröhrchen befindet. Erwärmt sich der Heizkörper, verdunstet die Flüssigkeit und je höher die Erwärmung ist, desto größer wird auch die Verdunstungsmenge. Der absinkende Flüssigkeitspegel im Messröhrchen ist somit Maß für den Wärmeverbrauch des Heizkörpers. Da der Verdunstungsprozess allerdings auch stattfindet, wenn die Heizung gar nicht in Betrieb ist, regelt die europäische Norm DIN EN 835, dass zum Ausgleich der sogenannten "Kaltverdunstung" eine bestimmte Menge Flüssigkeit über den Skalen-Nullstrich hinaus in das Röhrchen gegeben wird. Der Umfang der Flüssigkeitsmenge wird anhand des langjährigen Temperaturdurchschnitts ermittelt. In besonders heißen Sommern beispielsweise kann es daher zu einem Anzeigenfortschritt kommen, was im Rahmen der Norm als  zulässig definiert ist. 


Elektronische Heizkostenverteiler messen per Temperaturfühler die Temperatur des Heizkörpers. Ihre Einsatzbedingungen sind in der DIN EN 834 festgelegt. Ihre Einschaltschwelle liegt in der Regel zwischen 27 und 31 Grad Celsius, so dass es bei warmen Außentemperaturen, starker Sonneneinstrahlung oder durch Nähe zu anderen Wärmequellen auch hier ohne Heizungsbetrieb zu einem Messfortschritt kommen kann. 

Verbraucherschützer raten daher, Faktoren wie Sonneneinstrahlung beispielsweise durch Verdunklung zu vermeiden. 

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