„Der Turm gehört der ganzen Stadt“ Vor 60 Jahren erhielt St. Marien Osnabrück den Turmhelm zurück

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Osnabrück. Es brauchte 14 Jahre, bis Kirche und Stadtgesellschaft nach der Kriegszerstörung im September 1944 wieder genug Kraft geschöpft hatten, um den Turm von St. Marien wiederaufbauen zu können – und damit noch zwei Jahre später als der von St. Katharinen, der seit 1956 wieder die Stadtsilhouette bekrönte.

Beim Dom war alles viel schneller gegangen. Dessen Türme trugen bereits 1947 wieder Hauben. Allerdings in einfacher Pyramidenform, die rein gar nichts mehr mit den Barockaufsätzen von vor der Zerstörung zu tun hatten. 1947 war die Domgemeinde froh über das Dach über dem Kopf. Aber in späteren Jahrzehnten gab es auch Kritik an dieser schnellen, aus der Not geborenen Lösung. Da war die längere „Wartezeit“ für die beiden protestantischen Hauptkirchen vielleicht gar nicht so von Nachteil. Jedenfalls erhielten sie Turmhelme, die sich eng am Vorkriegsaussehen der Gotteshäuser orientierten.

Im Falle der Marienkirche gelang sogar eine weitgehend originalgetreue Kopie des barocken Helms. Es gab genügend alte Aufmaße und Fotos. Allerdings bereitete der statische Nachweis doch einige Probleme. Die Baumeister vergangener Jahrhunderte hatten mehr auf Erfahrung gesetzt als auf DIN-Normen, Standsicherheitsnachweise und Ähnliches. Der bauleitende Architekt Max Berling fand schließlich für alles eine Lösung.

Anfang 1958 wurden die Aufträge für die Hauptgewerke vergeben: Den Dachstuhl zimmert Fritz Wiebrock (nach dessen Tod vollendet von Zimmerer Schulte), für die Beplankung und das Turmkreuz sorgt die Kupferwerkstatt von Otto Grimm, den Gerüstbau übernimmt Firma Behrend, die Maurer- und Betonarbeiten das Baugeschäft Heinrich Hake.

Im August 1958 hatten die Zimmerleute das fichtenhölzerne Gebälk des Turmhelms auf die Endhöhe von 80 Metern emporwachsen lassen. Zum Richtfest am 1. September mussten sich die kirchlichen und städtischen Würdenträger auf die halbe Höhe von 40 Metern hinaufbemühen, nämlich auf die oberste Plattform des gemauerten Turms. Hier legten sie den Kopf in den Nacken, um den Zimmermeister zu sehen, der noch weiter oben affenartig auf dem Richtbalken hing und den Richtspruch verkündete.

Der Stadtsuperintendent Heinrich Grimm dankte für das Erreichte. „Die Errichtung des Turmhelmes stellt nicht nur eine Verschönerung des Stadtbildes dar, sondern lässt das Osnabrücker Leben auch ein Stück alter Kultur zurückgewinnen“, sagte er. Im Zusammenhang von Kriegszerstörung und Wiedergewinnung sprach er von einem „Werk zum Troste der Menschen“. Er bat darum, dass „im Zusammenwirken der göttlichen Gnade und der menschlichen Kraft“ das gute Werk gelingen möge. Jetzt sei erst die „Halbzeit“ erreicht.

Damit meinte er insbesondere die Finanzierung. Nach den Zusagen vom Land Niedersachsen (60.000 DM), der Stadt (50.000 DM) und der Landeskirche (30.000 DM) fehlten noch rund 93.000 DM, um für die Baukosten von rund 233.000 DM aufkommen zu können. Die Mariengemeinde entschied sich für eine Haus- und Straßensammlung. Gegen die Gabe von 3 oder 5 DM erhielt jeder Spender einen „Baustein“ in Gestalt einer Luftaufnahme des eingerüsteten Turmhelms.

Der frühere langjährige Kirchenvorsteher von St. Marien, Helmut Voß, beschrieb kürzlich, wie er als Mittelstufenschüler des Ratsgymnasiums von seinem Religionslehrer „angeworben“ wurde, die besagten Bausteine zu verkaufen: „Das mir zugeteilte Gebiet lag um die Rudolfstraße herum. Da wohnte zwar eine Tante von mir, aber ich bewegte mich in fremdem Terrain, nämlich dem Gemeindebezirk der Lutherkirche. So erinnere ich mich noch sehr gut daran, dass genau mit diesem Argument so manche der auf mein Klingeln an der Tür erscheinenden Bewohner den erbetenen Betrag von 5 DM nicht herausrückten.“ Offensichtlich hatten sich also nicht alle Osnabrücker Bürger die Ansage des Superintendenten zu eigen gemacht, dass der Turm nicht nur der Mariengemeinde, sondern der ganzen Stadt gehöre.

Insgesamt war die Haus- und Straßensammlung aber sehr erfolgreich. Sie erbrachte knapp 48.000 DM. 18.000 DM wurden von der Marktlotterie beigesteuert, die der Verkehrsverein für den Wiederaufbau der Giebelhäuser, der Stadtwaage und eben auch des Turms der „Bürgerkirche am Markt“ veranstaltet hatte. Große Einzelspenden rundeten das Ergebnis auf, so von Maria Stiller für das kupferne Turmkreuz und im Folgejahr von Adda Heywinkel für das neue Geläut.

Der Dachstuhl ist gezimmert, die Kupferplatten fehlen noch: der Marienkirchturm im August 1958. Die Giebelhäuser im Vordergrund gehen ihrer Vollendung entgegen. Foto: Edeltraut Urban

Bei der Weihe des Turmes und der Glocken am Himmelfahrtstag 1959 bot die Marienkirche alles an Geistlichkeit auf, was sie zu bieten hatte. Neben dem Landessuperintendenten Kurt Degener und dem Stadtsuperintendenten Heinrich Grimm waren das die Pastoren Erwin Müller, Kurt Eckels und Hans-Hugo Rahne. Eckels ging in seiner Predigt anerkennend auf die Sammelerfolge der evangelischen Jugend im gesamten Stadtgebiet ein. Kirchenvorsteher und Oberstadtdirektor Walter Wegener verkündete stolz die Auflösung des Vereins zum Wiederaufbau des Marienturms „wegen phantastischer Zweckerreichung“.


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