Interview mit Joachim Jeska Osnabrücker Superintendent verteidigt Seenotrettung

Von Benjamin Havermann

Schiffbrüchige muss man retten: Das sagt Superintendent Joachim Jeska vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Osnabrück. Foto: Archiv/André HavergoSchiffbrüchige muss man retten: Das sagt Superintendent Joachim Jeska vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Osnabrück. Foto: Archiv/André Havergo

Osnabrück. Unter dem Motto „Seebrücke“ gehen aktuell Menschen in Deutschland auf die Straße, um für die Seenotrettung auf dem Mittelmeer zu demonstrieren. Am Wochenende fanden auch in Osnabrück verschiedene Aktionen statt. Daran beteiligt war auch Superintendent Joachim Jeska vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Osnabrück.

Warum finden Sie es wichtig, dass man sich jetzt engagiert und nicht nur zusieht, wie im Mittelmeer die Menschen ertrinken?

Weil die Zahl der Tote im Mittelmeer so dramatisch zunimmt. Mehr als 1400 Tote in einem halben Jahr sind unerträglich. Ich kann mir keinen Grund vorstellen, warum man Menschen, die schiffbrüchig sind, nicht rettet. Da sehe ich uns theologisch in der Pflicht. Die entscheidende Begründung für die Würde des Menschen steht schon am Anfang der Bibel: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Da steht nicht: Gott schuf den Mann oder die Frau, den weißen oder den schwarzen Menschen nach seinem Bilde. Der Mensch ist geschaffen zu Gottes Abbild und somit gebührt ihm Würde.

(Weiterlesen: Osnabrücker wollen sich für Seenotrettung im Mittelmeer einsetzen)

Sollte die Seenotrettung nicht besser von Staaten geregelt werden und nicht von privaten Organisationen? Schließlich befördern sie so das Geschäft der Schlepper.

Den Schleppern muss man das Handwerk legen. Das ist überhaupt keine Frage. Da sehe ich die Europäische Union in der Pflicht, deutlicher zu agieren. Aber die Menschen nicht aus dem Wasser ziehen, kann ich mir nicht vorstellen. Und ich find auch ungerecht, dass man die Italiener oder Griechen allein lässt. Sich als Staat wegen der geographischen Lage zurückziehen, finde ich unglaublich unfair.

Wie blicken Sie als Theologe auf die aktuelle Diskussion um die europäische Flüchtlingspolitik?

Die find ich unerträglich. Nach allem, wie ich meinen christlichen Glauben verstehe, ist das unmöglich. Besonders gut zeigt dies die Bibelstelle über den barmherzigen Samariter. Wir müssen unseren Nächsten helfen. Und dazu gehören auch Flüchtlinge, die im Mittelmeer in Not geraten. Übrigens sehen das auch viele Feuerwehrleute und Rettungsärzte so, mit denen ich zu tun habe. Uns Menschen ist das Helfen mitgegeben. Nur durch irgendwelche Grenzen im Kopf, sei es durch Erziehung, Bildung oder Ideologie, wird dieser Reflex abtrainiert. Und das erleben wir gerade, wie ganze Staaten ihren Bürgern dies abzutrainieren versuchen.

Wollen Sie denn halb Afrika nach Europa holen?

Nein, das will ich natürlich auch nicht. Ich bin schon der Meinung, dass man grundsätzlich planen und überlegen soll, wer zu uns kommt. Ich bin für eine Strategie und für eine möglichst faire Verteilung. Ich finde es erschreckend, dass sich einige Staaten in Europa so zurückziehen. Natürlich können wir nicht alle Afrikaner aufnehmen. Wir können aber schon eine Menge aufnehmen und wir brauen auch viele.

In der Öffentlichkeit dominieren zuletzt die Negativ-Beispiele. Macht das viel kaputt?

Ja, finde ich schon. Natürlich gibt es Leute, die unser Sozialsystem ausnutzen oder Verbrechen begehen. Und da würde ich sehr klar sagen: Die müssen die Konsequenzen tragen. Das macht viel kaputt, was schon aufgebaut wird. Es gibt so viel bürgerschaftliches Engagement für Flüchtlinge. Ich kenne viele Menschen, die Deutschunterricht geben oder ihre Wohnung umsonst geben.

Wie erleben Sie das in Osnabrück? Ist die Stimmung gekippt?

Ich glaube, die Stimmung ist nicht mehr so gut wie vor einigen Jahren, aber es gibt noch enorm viel Bereitschaft, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Wir haben viele Leute, die sich für Flüchtlinge engagieren, wie beim Flüchtlingshaus.

Wie können die Ängste abgebaut werden?

Das geht nur über konkrete Begegnungen. Ein gutes Beispiel sind die Schüleraustasche nach Frankreich oder Großbritannien. Die bringen so viel Nähe zwischen den Völkern. Das gilt auch für die Flüchtlinge. Wenn man sich mit ihnen beschäftigt, erlebt man ganz tolle Menschen, die mit den Negativbeispielen nicht viel zu tun haben.


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