Quartiersarbeit Initiative gegen Einsamkeit: Grüne wollen Nachbarschaften in Osnabrück stärken

Von Sandra Dorn

Die Mitarbeiter des ambulanten Pflegedienstes Wüstenwerk zählen längst zum Straßenbild des Stadtteils Wüste. Foto: David EbenerDie Mitarbeiter des ambulanten Pflegedienstes Wüstenwerk zählen längst zum Straßenbild des Stadtteils Wüste. Foto: David Ebener

Osnabrück. In Großbritannien gibt es ein Ministerium gegen Einsamkeit, und die Osnabrücker Grünen gehen nun in eine ähnliche Richtung. Sie wollen, dass die Stadt mehr tut, um Nachbarschafts- und Stadtteilinitiativen zu stärken.

Versteckt haben die Grünen dies hinter einem Ratsantrag mit dem reichlich abstrakten Titel „Quartier für alle“. Darin fordern sie, dass die Stadtverwaltung ein Konzept vorlegt, mit dem die Quartiersentwicklung und der ehrenamtliche Einsatz in den Stadtteilen verbessert oder aufgebaut werden können. Den Antrag hat der Rat vor der Sommerpause zur Beratung an die Fachausschüsse zurückverwiesen.

Initiativen gibt es schon in verschiedenen Quartieren, doch bislang arbeitet jede alleine vor sich hin, etwa die Wüsteninitiative oder die Nachbarschaftshilfe Dodesheide – und zwar ehrenamtlich und ohne nennenswerte Unterstützung durch die Stadt. Es sei höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme, meinen die Grünen, und dafür, einen Fördertopf einzurichten sowie Landesfördermittel abzuschöpfen. "Wenn ein alter Mensch eine professionelle Betreuung braucht, kostet das mehr Geld", sagt Grünen-Ratsherr Volker Bajus zur Finanzierung.

Babyboomer gehen in Rente

Nicht mehr lange, und die Babyboomer-Generation der geburtenstarken Jahrgänge ab Mitte der 1950er geht in Rente. „Wir müssen jetzt die Weichen stellen“, betont Bajus, „sonst würden wir eine Chance verpassen.“

Als Musterbeispiel dient den Grünen die Wüsteninitiative. Sie ist Ende 2010 aus einer Gruppe von Nachbarn aus der Wüstenstraße und Alfred-Delp-Straße hervorgegangen. „Wir haben uns gefragt, wie man in diesem Stadtteil vernünftig und gut alt werden kann“, sagt Wolfgang Timm, Vorsitzender der Vereins Wüsteninitiative. Sein Eindruck: „Die Stadt will nicht alt werden.“ Das Thema sei in Osnabrück völlig vernachlässigt. Orientiert hätten er und seine Mitstreiter sich daran, wie die Stadt Bielefeld Quartiersarbeit betreibt. Wenige Jahre nach Entstehung der Initiative gründeten zwei Mitglieder bereits den ambulanten Pflegedienst Wüstenwerk. Die Mitarbeiter, die ausschließlich auf Elektrorädern durch den Stadtteil fahren, sind aus dem Straßenbild in der Wüste inzwischen kaum noch wegzudenken.


Die Krankenschwestern Stephanie Mehliss (links) und Tanja Will vom Pflegedienst Wüstenwerk fahren auf ihren Elektrorädern über den Pappelgraben. Foto: David Ebener


Um ein Kommunikationsorgan zu haben, gründete die Initiative das Stadtteilmagazin „Wüstenwind“, das einmal monatlich erscheint und kostenlos in die Briefkästen gesteckt wird. Außerdem mietete der Verein eine leerstehende Kneipe an der Ecke Hiärm-Gruppe-Straße/Blumenhaller Weg an, die nun als Bürgertreffpunkt dient.

Treffpunkt wichtig

So ein Ort sei als Quartierszentrum wichtig, betonen auch die Grünen. Der Fraktion geht es aber nicht nur um das Älterwerden, sondern auch um ökologische Herausforderungen und Migration, sagt Anke Jacobsen, sozialpolitische Sprecherin der Ratsfraktion. „Die Menschen erleben zunehmend Einsamkeit und Vereinzelung.“ Ziel müsse sein, die Menschen verschiedener Generation zusammenzubringen. Wachsen müssten die Initiativen aber schon von sich aus. „Die Stadt soll unterstützen und nicht aufoktroyieren“, findet Jacobsens Ratskollegin Anne Kura.

Nachbarschaftshilfe

„Nachbarschaftliche Hilfe wird in Zukunft einfach erforderlich sein“, betont Wolfgang Timm. Der Ruheständler hat auch das eigene Älterwerden im Blick. Im lokalen Altenheim der Wüste, dem diakoniegetragenen Bischof-Lilje-Altenzentrum, möchte er bei aller Wertschätzung für die Einrichtung und guter Zusammenarbeit nicht landen. Doch die Alternativen sind rar. Mehrgenerationenwohnen in der Wüste? Fehlanzeige. Und ohnehin sieht es in dieser Hinsicht sehr dünn aus in Osnabrück. „In anderen Städten ist man da schon viel weiter“, so Timm. Die Wüsteninitiative habe zwar mittlerweile eine Nachbarschaftshilfenetzwerk aufgebaut, aber es fehle jemand, der sich um die Koordination kümmert. Eine halbe Personalstelle dafür steht daher auf dem Wunschzettel der Wüsteninitiative, ebenso eine halbe Stelle für die Stadtteilarbeit und ein Finanzierungstopf für die Entwicklung von Projekten. Den fordern auch die Grünen. „Wir müssen finanziell ja über die Runden kommen“, sagt Timm. Etwa 85 Mitglieder hat der Verein Wüsteninitiative.

Städtische Unterstützung erfuhr die bestehende Wüsteninitiative bislang lediglich in Form einer Kooperation mit dem Fachbereich Umwelt und Klimaschutz zur Energie- und Sanierungsberatung in der hinteren Wüste. Alles weitere organisieren die Mitglieder des Vereins komplett eigenständig, von Straßenfesten in der Wüsten- und Langen Straße sowie am Pappelgraben bis hin zu Reperaturcafés oder Kaffeenachmittagen im Bürgertreff.


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