„Und wer sieht mich?“ Gesprächskreis für jugendliche Angehörige von Suchtkranken

Von Petra Pieper

Im Gesprächskreis für Jugendliche aus Suchtfamilien erleben die Teilnehmer Zuspruch und Verständnis in einem geschützten Raum. Foto: Astrid BlomeyerIm Gesprächskreis für Jugendliche aus Suchtfamilien erleben die Teilnehmer Zuspruch und Verständnis in einem geschützten Raum. Foto: Astrid Blomeyer

Osnabrück. Auf sie schaut kaum jemand, ihre berechtigten Interessen werden leicht übersehen: Schätzungsweise 2,65 Millionen Kinder leben in Familien mit alkoholabhängigen Eltern, weitere geschätzte 50000 Kinder haben Eltern, die von illegalen Drogen abhängig sind. Damit kommt fast jedes sechste Kind in Deutschland aus einer suchtbelasteten Familie.

In Osnabrück gibt es seit einem halben Jahr einen Gesprächskreis für Jugendliche aus solchen Familien. Gegründet hat ihn Astrid Blomeyer, die als Ehefrau eines alkoholkranken Mannes erlebte, wie ihre Kinder unter der angespannten Situation in der Familie litten. „Allerdings habe ich das erst viel später durch unsere Tochter erfahren. Damals habe ich geglaubt, die Kinder schlafen und bekommen nichts mit von den Problemen.“ Alle ihre Aufmerksamkeit und Sorgen hätten sich auf ihren Mann gerichtet, der schleichend immer tiefer in eine Alkoholabhängigkeit geriet. „Dass die Kinder auch Ängste und Sorgen hatten, habe ich gar nicht gesehen.“ Erst im Nachhinein erkannte sie, dass ihr damals neunjähriger Sohn zwar nicht über seine Angst und Beklemmung sprach, aber die Mutter vor verbalen Angriffen des Vaters zu beschützen versuchte. Und die zwölfjährige Tochter, die sich in ihren Albträumen vor einem „schwarzen Mann“ fürchtete, der sie in tiefes Loch werfen wollte, versuchte, gegenüber der Mutter stets besonders lieb zu sein.

Stationäre Entgiftung

Erst als ihr Mann körperlich und seelisch so sehr geschwächt gewesen sei, dass er sich seinem Hausarzt offenbarte, habe sich die Situation zum Guten gewendet. Rüdiger Blomeyer unterzog sich einer stationären Entgiftung und einer ambulanten Therapie und besucht seitdem gemeinsam mit seiner Frau wöchentlich eine Kreuzbund-Selbsthilfegruppe. „Dort haben wir erstmals erfahren, dass wir mit unseren Sorgen nicht allein sind.“ Seitdem, und das ist 15 Jahre her, ist er ohne Rückfall abstinent und engagiert sich unter anderem in Vorträgen im Kampf gegen die Alkoholkrankheit. Er ist Diözesan- und stellvertretender Bundesvorsitzender im Kreuzbund – Selbsthilfe – und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige.

Gesprächskreis für Jugendliche aus Suchtfamilien

Und Astrid Blomeyer bittet seit kurzem einmal im Monat Jugendliche aus SuchKfamilien zu einem Gesprächskreis. „Wir schauen, welche Auswirkungen die Suchterkrankung auf die Kinder hat.“ Mit jüngeren Kindern müssten Fachleute arbeiten, dazu fühle sie sich nicht qualifiziert, aber 15- bis 25-Jährige seien durchaus in der Lage, ihre Situation im - angeleiteten - Gespräch zu reflektieren. Sie würden einen teilweise schmerzhaften Bewusstwerdungsprozess durchlaufen, in dem es neben der Auseinandersetzung mit der Krankheit des Vaters oder der Mutter auch um einen Abbau von sozialer Isolation, Schuldgefühlen und Loyalitätskonflikten sowie die eigene Suchtgefährdung gehen könne.

Treffen im geschützten Raum

Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeweils am ersten Sonntagnachmittag des Monats um 15 Uhr in einem Raum des Kreuzbundheims an der Bramscher Straße 158. „Hier finden die Jugendlichen einen geschützten Raum, in dem sie ihre Sorgen und Nöte offen besprechen können. Davon dringt nichts nach draußen!“ Tränen dürfen fließen und Frust, Ängste oder Wut kann herausgelassen werden. Denn wenn sich alle Aufmerksamkeit in der Familie auf den Alkoholkranken richte, fühlten sich die Kinder oft übersehen, mit ihren Ängsten und Bedürfnissen allein gelassen. Häufig entwickle sich daraus ein Ohnmachtsgefühl und ein Zorn auf den Süchtigen, der unter Alkoholeinfluss leicht „laut, ungerecht oder gemein“ werde. In den Familien sei die Situation meist so angespannt, dass über die Probleme nicht geredet werde: „Vieles wird unter den Teppich gekehrt“, sagt Blomeyer. In der Gruppe jedoch besprechen die Jugendlichen, wie sie mit krisenhaften Situationen umgehen können, oder auch, wie sie sich in Schule und Öffentlichkeit verhalten.

Im Herbst wird die Gruppe gemeinsam ein Wochenendseminar zum Thema „Wo bleibe ich mit meiner Wut?“ besuchen. Weitere Teilnehmer sind willkommen, der nächste Treff ist am 5. August.

Kontakt: 0160 9661 3862 oder arsfblomeyer@web.de


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