Initiative 50 aus Idomeni Osnabrück Flashmob vom Dom bis zum Nikolaiort

Von Peter Selter

Mit einem Flashmob zwischen Nikolaiort und Dom erinnerten die Teilnehmer an die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. Foto: André HavergoMit einem Flashmob zwischen Nikolaiort und Dom erinnerten die Teilnehmer an die im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. Foto: André Havergo

Osnabrück. Mit einem Vortrag aus erster Hand und einem Flashmob machten jetzt mehrere Osnabrücker Hilfsinitiativen auf die Rettung von geflüchteten Menschen im Mittelmeer aufmerksam. Gut 60 Gäste folgten trotz tropischer Temperaturen am Freitag der Einladung in den Gemeindesaal von St. Marien. Am Samstag gab es einen Flashmob.

„Es ist unerträglich, dass Menschen nicht gerettet werden und ertrinken“ erklärte der Superintendent der evangelischen Kirche Osnabrücks, Dr. Joachim Jeska, in seinem Statement, dass er dem Bericht von Sea-Watch-Aktivist Marcus Berger vorausschickte. Er kenne viele Bürgerinnen und Bürger, die sich für geflüchtete Menschen engagieren würden.  

Ausdrücklich ermunterte er alle, die dringenden Fragen an die politischen Verantwortungsträger zu stellen. Es sei für Viele schwierig zu versachlichen und zu differenzieren. Dazu tragen auch das Engagement der Akteure  vor Ort bei, so der Chef der evangelischen Kirche Osnabrücks, der seitens der Kirche Unterstützung zusicherte.

Marcus Berger von Seawatch informierte über die Rettungsaktionen seiner Organisation im Mittelmehr. Foto: Thomas Osterfeld

Mit den aktuellen Aktionen unterstützen die Osnabrücker Gruppen „Initiative 50 aus Idomeni Osnabrück“, Exil - Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge, Flüchtlingshilfe Rosenplatz, Griechenland Solidarität Osnabrück und „attac Osnabrück“ die bundesweite Aktion Seebrücke, die mittlerweile überall in Deutschland auf eine sehr große Resonanz stößt.

 „Das Mittelmeer ist die tödlichste Grenze der Welt“ erklärte Marcus Berger von der Organisation Sea-Watch. Der 43-jährige EDV-Fachmann aus Rheine war zuletzt im Mai selbst drei Wochen lang vor der lybischen Küste im Einsatz. 1508 Menschen seien bis zum Vortragsabend beim Versuch, Europa über das Mittelmeer zu erreichen, gestorben, so der Aktivist, der zu den 30 Vereinsmitgliedern der in Berlin ansässigen gemeinnützigen Organisation zählt.

Sea-Watch ist vor vier Jahren aus einer Initiative von Freiwilligen entstanden, die dem Sterben an Europas Grenzen nicht mehr tatenlos zusehen wollten, betonte Marcus Berger. Die Vision des Vereins sei, dass kein Mensch bei seiner Einreise nach Europa sterben dürfe.

Das Problem sei die gestiegene und immer drastischer werdende Abschottung Europas. Mit einem 100 Jahre alten Fischkutter seien sie im Jahr 2015 angefangen, die ersten Geflüchteten aus dem Meer zu retten. Mittlerweile seien sie mit der Sea-Watch III einem 55 Meter langen und 15 Meter breiten Schiff besser aufgestellt. Bis zu 500 Menschen würden die Retter bei manchen Suchfahrten an Bord nehmen.

Unterstützt werde der Einsatz der Flotte, zu der auch die Sea-Watch II, die heutige „Lifeline“ gehört, vom Flugzeug „Moonbird“. Mit Hilfe des Flugzeugs könnten sie das betreffende „SAR-Gebiet“, also das internationale Gebiet zur Suche und Rettung von Menschen auf See, im Blick behalten. Die heutige „Lifeline“ werde aktuell im Hafen von Malta widerrechtlich festgehalten. Tatsächlich, und das hätte auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestages jüngst bestätigt, verstoße das Festhalten der Schiffe und des Flugzeugs der Aktivisten, klar gegen das internationale Seerecht.

Das mittlerweile die Schiffe von Sea-Watch und zudem auch das Flugzeug festgehalten werde entbehre jeder Rechtmäßigkeit, betonte Marcus Berger. So werde Claus-Peter Reisch, der Kapitän des Rettungsschiffs „Lifeline“ angeklagt, weil er angeblich unter falscher Flagge gefahren sei. Fadenscheinige Gründe, so Marcus Berger. Eine zweitägige Überprüfung des niederländischen Reeders habe bestätigt, dass alle Vorschriften beachtet worden seien.

Das passe zur der Entwicklung, durch die sich seit dem zweiten Quartal des vergangenen Jahres das Blatt für die ehrenamtlichen Helfer gewendet habe. Seien die Flüchtlinge bis dahin von Frontex-Schiffen der Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache abgeholt worden, damit die Sea-Watch-Schiffe gleich wieder in den Rettungseinsatz hätten auslaufen können, müssten sie mittlerweile fünf Tage lang die Gäste an Bord selber nach Sizilien bringen und wieder in das Einsatzgebiet zurückfahren. Zudem habe Italien die Grenzen quasi geschlossen.

Seine Berichte über „Vier-Stunden-Schichten“, dem sich nähern an die Schlauchboote mit kleineren Schnellbooten um Panik zu verhindern, dem Verteilen der Rettungswesten sowie dem Zustand der Boote der Geflüchteten vermittelten einen Eindruck von den Tragödien, die sich auf dem Meer abspielen. In der Mitte der oft mit mehreren hundert Menschen besetzten Plastikboote würden oft bereits die ersten Leichen liegen. Regelmäßig stehe eine bis zu 20 Zentimeter hohe stinkende Flüssigkeit aus Benzin, Salzwasser und Fäkalien in den Booten.

Die zentrale Koordinierungsstelle für Seenotrettung MRCC (Maritime Rescue Coordination Centre) in Rom teilt die Fälle auch nicht mehr den Rettungsorganisationen zu. Sie übergebe die Rettung direkt an die libysche Küstenwache. Libyen sei Kriegsgebiet und die sogenannte Küstenwache bestehe aus einzelnen Schiffen, die jeweils in eigener Verantwortung führen. Da zähle ein Menschenleben schlichtweg nichts. „Die kriegen Geld dafür von der EU, dass die Menschen nicht mehr nach Europa gelangen können“, so Marcus Berger.

Durch die zahlreichen Schikanen sei die Zahl der Rettungsschiffe vom Jahr 2017 bis heute von 14 auf nunmehr nur noch vier Schiffe reduziert worden. Und selbst die verbleibenden Schiffe, wie auch die von Sea-Watch, seien derzeit festgesetzt.

Zahlreiche Fragen, moderiert von Renate Heise und Sabine Bohne von den Osnabrücker Hilfsinitiativen, konnten die Gäste des Abends schließlich an Marcus Berger richten. Gerade die Verstöße gegen das internationale Recht müssten dringend die politisch Verantwortlichen auf den Plan rufen, waren sich Zuhörer und Aktivisten einig.

1405 Flüchtlinge sind in der ersten Jahreshälfte auf ihrem Weg von Nordafrika nach Europa im Mittelmeer ertrunken. Foto: André Havergo

Neben einem Informationsstand am Löwenpudel schloss sich am Samstag ein Flashmob vom Dom bis zum Nikolaiort an. Mit dem Glockenschlag des Osnabrücker Doms um Punkt 12 Uhr zogen mehrere hundert Unterstützer eine orange oder gelbe Warnweste an. Auf dem Rücken steht die Zahl 1.405 + x , also die Zahl der Menschen, die in der ersten Jahreshälfte bereits auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken sind.

Sehr still wurde es für einige Minuten in der Osnabrücker Innenstand, als die Teilnehmer auf einer gedachten Linie stehend schweigend in Richtung Dom schauten. Nach fünf Minuten zogen alle Ihre Weste wieder aus und die Aktion war beendet. Nicht aber die Arbeit der Initiativen. Das Statement von Marcus Berger, ob am Vortragsabend, am Informationstand neben dem Wochenmarkt oder nach dem Flashmob war deutlich: „Wir retten auf jeden Fall weiter“.


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