Kontroverse Gefahrenabschätzung Lagern Giftmüllfässer in den Gertrudenberger Höhlen?

Von Rainer Lahmann-Lammert

Abraum wie hier gibt es an vielen Stellen im Gangsystem unter dem Gertrudenberg. Ein Teil der Höhlen ist außerdem mit einer Zementschlämme verfüllt worden. Kann es sein, dass im Untergrund Giftmüll lagert? Foto: Andreas StoltenbergAbraum wie hier gibt es an vielen Stellen im Gangsystem unter dem Gertrudenberg. Ein Teil der Höhlen ist außerdem mit einer Zementschlämme verfüllt worden. Kann es sein, dass im Untergrund Giftmüll lagert? Foto: Andreas Stoltenberg

Osnabrück. Lagern im Gertrudenberger Loch Giftmüllfässer? Diesen Verdacht erhebt Wilfried Kley, der Vorsitzende des Vereins Gertrudenberger Höhlen. Der Zeuge, auf den er sich stützt, will seine Aussage allerdings nicht wiederholen. Gleichwohl wirft Kley der Stadt Untätigkeit vor und fordert ultimativ Sondierungen.

Es klingt abenteuerlich, aber nicht ganz abwegig: Ganze Ladungen mit Giftmüllfässern von der Tolo Chemie sollen in den 50er Jahren am Gertrudenberg angekommen sein. Ein älterer Herr hat es Wilfried Kley und einem Mitstreiter so berichtet. Die Tolo Chemie produzierte an der Süsterstraße Reinigungsmittel. Als der Betrieb in den 90er Jahren dicht gemacht wurde, blieb eine Altlast zurück, die noch jahrelang für Schlagzeilen sorgte.

Der Zeuge berichtet, sein Vater habe die Fässer von dem Chemiebetrieb zum Gertrudenberg gebracht. Als Kraftfahrer in einem Fuhrgeschäft sei er zwischen 1954 bis 1956 angewiesen worden, die 200 Liter fassenden Stahlbehälter jeweils nach Einbruch der Dunkelheit von der Süsterstraße abzuholen und oberhalb der Veilchenstraße abzuladen. Zu diesen Transporten sei es "sehr häufig" gekommen. Und am nächsten Morgen hätten die Fässer nicht mehr dort gestanden.

Der Zeuge sagt nichts mehr

Für Höhlenforscher Kley liegt damit auf der Hand, dass giftige Abfälle im Gertrudenberger Loch entsorgt wurden. Der Abladeplatz soll am Bürgerpark in Sichtweite des Häuschens gewesen sein, das heute vom Studentenwerk genutzt wird. Er vermutet, dass die Fässer durch eine Öffnung, die es heute nicht mehr gibt, in das Gangsystem gekippt wurden. Sein Verdacht richtet sich auf Raum 31, einen Teil der Höhle, der bislang verschlossen war – mit einer Mauer, die offensichtlich erst nach dem Krieg eingebaut wurde.

Die Zeugenaussage, die von Kley und seinem Vereinskollegen Helmut Stockreiter protokolliert wurde, ist allerdings nicht belastbar. Weitere Nachfragen soll sich der Mann verbeten haben, gegenüber unserer Redaktion oder Behörden wolle er sich nicht äußern, bedauern die Höhlenforscher. Sie vermuten, dass Familienangehörige den Zeugen unter Druck gesetzt hätten, weil sie Schadenersatzforderungen fürchteten.


Mehr Tatkraft erwartet Wilfried Kley, der Vorsitzende des Vereins Gertrudenberger Höhlen, von der Stadt Osnabrück. Foto: Michael Gründel

Inzwischen hat die Stadt, vom Verein über den Giftmüll-Verdacht informiert, eine Untersuchung veranlasst. Mitarbeiter des Ingenieurbüros Taberg inspizierten Ende Juni den Raum 31 und fanden eine Menge Schutt und Gesteinsbruch vor, es roch jedoch nicht verdächtig nach Chemieabfällen und die Untersuchung der Raumluft ergab ebenfalls keine Anhaltspunkte.

Eigenmächtig ein Loch gestemmt

Befremdet waren die Fachleute allerdings darüber, dass in der Mauer zum Raum 31 bereits ein Loch klaffte. Da hatten sich schon die Höhlenforscher mit Hammer und Meißel Zugang verschafft. Sie hätten die Stadt darüber informiert, wirft Kley ein. Doch der Fachbereich Umwelt und Klimaschutz sieht das anders und missbilligt das "eigenmächtige Vorgehen".

Fachbereichsleiter Detlef Gerdts ist skeptisch, weil sich Zeugenhinweise auf Altlasten schon häufiger nicht bestätigt hätten. Gegen eine illegale Entsorgung spricht aus seiner Sicht, dass es mühsam gewesen wäre, die Fässer ins Höhlensystem zu bekommen. Zum fraglichen Zeitpunkt in den 50er Jahren, aber auch noch später, habe man ohne jede Einschränkung giftige Stoffe in der Schnepperschen Tongrube oder am Lindlager Berg abkippen können. Auch Betriebe wie Karmann oder Kabelmetal hätten sich auf diese Weise ihrer Produktionsabfälle entledigt.

Vor diesem Hintergrund erkennt Gerdts kein Motiv darin, Fässer mit problematischem Inhalt bei Nacht und Nebel in einem schwer zugänglichen Höhlensystem abzulagern. Bedarf für weitere Untersuchungen sieht er erst, wenn sich konkretere Verdachtsmomente ergeben sollten. Wilfried Kley will sich damit nicht zufriedengeben. Über einen Rechtsanwalt hat er Oberbürgermeister Wolfgang Griesert aufgefordert, weitere Sondierungen unter dem Schutt in Auftrag zu geben. Und zwar bis zum 31. August.

Warten auf das Landgericht

Das Verhältnis zwischen den Höhlenforschern und der Stadt ist schon seit einiger Zeit nicht konfliktfrei. Möglichst bald will der Verein das Gangsystem unter dem Gertrudenberg für Besucher öffnen, doch die behördlichen Sachwalter wollen erst Rechtssicherheit herstellen. Noch immer liegt die Verantwortung für das unterirdische Gangsystem in den Händen der Bundesanstalt für Immobilien (Bima), weil es im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzbunker für 4000 Menschen gedient hat.

In einem Rechtsstreit vor der Zivilkammer des Landgerichts geht es um die Frage, ob die Bima eine Entschädigung an die Stadt zahlen muss, weil das Deutsche Reich damals Wände, Pfeiler und Toiletten in das über 700 Jahre alte Kulturdenkmal gebaut hat. Doch ein Urteil ist noch nicht abzusehen, zumal der zuständige Richter kürzlich die Kammer gewechselt hat.

Wilfried Kley dauert das alles viel zu lange. Seit acht Jahren engagiert er sich dafür, dass die Höhlen als überregionale Attraktion wahrgenommen werden. Von den Behörden fühlt er sich dabei im Stich gelassen. Dass er nicht die Unterstützung erfährt, die er sich wünscht, nährt nur seinen Argwohn, es könnten dunkle Machenschaften vertuscht werden. Für ihn ist die Angelegenheit mit den Giftmüllfässern noch lange nicht aus der Welt.


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