Andere Rituale, neue Inhalte Osnabrücker wollen Volkstrauertag reformieren

Von Wilfried Hinrichs

Kranzniederlegung am Volkstrauertag. Archivfoto: Elvira PartonKranzniederlegung am Volkstrauertag. Archivfoto: Elvira Parton

Osnabrück. Volkstrauertag? Ach ja, das ist der Sonntag im tristen November, an dem Uniformierte am Kriegerdenkmal stehen und Kränze niederlegen, wichtige Leute reden und die Nationalhymne gespielt wird. Das soll anders werden – auch in der Region Osnabrück.

Mitten im Hochsommer haben Burkhard Jasper und Andrea Butke zur Pressekonferenz ins Rathaus geladen, um über den Volkstrauertag zu reden, der jedes Jahr zwei Wochen vor dem ersten Advent begangen wird. Jasper in seiner Funktion als stellvertretender Landesvorsitzender des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, Butke als Geschäftsführerin des Kreisverbandes Osnabrück. Vor ihnen liegt die "Handreichung zur Neuorientierung des Volkstrauertages als Friedens- und Gedenktag in Niedersachsen". Sieben Seiten, gefüllt mit klugen Gedanken zum zeitgemäßen Gedenken an die Opfer der Weltkriege und nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.

Schon einiges anders gemacht

Nun ist es nicht so, dass die Feiern zum Volkstrauertag in Osnabrück überkommenden oder gar missverständlichen Ritualen verhaftet sind. Jasper betont, "dass wir hier in Osnabrück schon ganz viel umgesetzt haben". Dennoch ist es den beiden wichtig, die neuen Leitgedanken des Volksbundes in die Öffentlichkeit zu tragen. Sie seien nach einem "langen, intensiven Diskussionsprozess" formuliert worden. Schließlich handele es sich beim Totengedenken um ein "sehr sensibles Thema", wie Jasper sagt.

In der Tat. Der Volkstrauertag hat in seiner fast hundertjährigen Geschichte viele Veränderungen und Umdeutungen erlebt. Der Volksbund regte 1919 einen Gedenktag für die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges an. Seit 1926 wird er jährlich begangen. Schon in der Weimarer Republik geriet das Totengedenken in den politischen Strudel: Für die Einen war er Anlass, zum Frieden zu mahnen, für andere, das Soldatentum zu verherrlichen. Die Nationalsozialisten wandelten 1934 den Volkstrauertag zum "Heldengedenktag" um und machten daraus eine Propagandaveranstaltung. Nicht Trauer und Gedenken standen im Mittelpunkt, sondern die Heldenverehrung. Manche Ehrenmale, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren entstanden, atmen noch heute diesen Geist.

Persönliche Trauer nimmt ab

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Volkstrauertag zum Gedenktag für alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Das Totengedenken, das Bundespräsident Theodor Heuss 1952 einführte, beginnt mit dem Satz: „Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker." 

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges steht eine weitere Zäsur an, denn die persönliche Betroffenheit nimmt ab. Nur noch wenige Menschen, die Angehörige, Nachbarn oder Freunde im Krieg verloren haben, sind dabei. Die persönliche Trauer tritt in den Hintergrund. Das Ritual der Kranzniederlegung und das Lied vom guten Kameraden sind vielen fremd. Mancherorts bemächtigen sich auch rechte Strömungen der Rituale und deuten sie in ihrem Sinne um.

Europäischer Gedanke

Vor einigen Jahren noch fand die zentrale Feier zum Volkstrauertag in Osnabrück in der Dominikanerkirche statt. Heute reicht der Ratssitzungsaal, um alle Teilnehmer aufzunehmen. Aber: Es werden junge Menschen eingebunden, wie Jasper betont. Schüler der Thomas-Morus-Schule beteiligten sich und sprachen bereits zwei Mal das Totengedenken. Er würde sich wünschen, auch mehr Menschen mit Migrationshintergund und Impulse aus Osnabrücks Partnerstädten einbinden zu können. Denn der Volkstrauertag erinnere an alle Kriegsopfer aller Nationen und zu allen Zeiten. Vor allem aber mahne er zu Frieden und Toleranz. "Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen", so Jasper. So könne der Volkstrauertag "zu einem Akt der völkerverbindenden Begegnung und Verständigung werden".

Jasper und Butke erinnerten daran, dass sich die Gedenkarbeit in Osnabrück weit über diesen einen Tag hinausreiche. Sie sei Teil der Friedenskultur und zeige sich zum Beispiel in einem bemerkenswerten Projekt des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums. Oberstufenschüler haben zusammen mit dem Reservistenverband Gräber gepflegt und  das Leben und Sterben von Kriegsopfern erforscht. Jasper: "Was Krieg bedeutet, wird oft erst klar, wenn man sich Einzelschicksale anschaut."

Zeit zum Nachdenken

Was konkret am kommenden Gedenktag am 18. November 2018 in Osnabrück anders sein wird, können Jasper und Butke derzeit noch nicht sagen. Sie wollen jetzt den Anstoß geben, dass die Träger des Gedenkens in den Stadtteilen und Umlandgemeinden über die Gestaltung nachdenken, Redner einladen, die neue Aspekte einbringen können, und auch musikalisch andere Wege gehen. "Es ist ja noch Zeit genug", sagte Butke.




So war es 2017

In Osnabrück legten am Mahnmal auf dem Platz des 20. Juli vor der Kunsthalle Osnabrück Vertreter von Behörden, Bundeswehr, Vereinen und Verbänden Kränze nieder. Zuvor hatten der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Kreisverband Osnabrück-Stadt) und die Stadt Osnabrück im Ratssitzungssaal eine Feierstunde veranstaltet.   Bürgermeisterin Birgit Strangmann (Grüne) sagte, mit dem Volkstrauertag die Erinnerung an die Schrecken von Kriegen wachzuhalten, sei sehr wichtig gewesen. Allerdings sei der Feiertag auch dazu missbraucht worden, das Sterben fürs Vaterland zu verherrlichen. Am Vortag hatte der Reservistenverband Osnabrück auf dem Johannisfriedhof Kerzen gegen das Vergessen an die Soldatengräber gestellt. 

Georgsmarienhütte: Erstmals gab es zum Volkstrauertag eine zentrale offizielle Gedenkfeier der Stadt GMHütte. Die Zeremonie gestalteten Realschüler des siebten Jahrgangs mit. Sie hatten sich im Wahlpflichtkurs Geschichte und Politik mit drei Denkmälern in der Stadt beschäftigt.

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